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"Saar-Studenten müssen nicht auf die Straße gehen"

"Saar-Studenten müssen nicht auf die Straße gehen"

Ist die Bologna-Reform gescheitert? Brauchen wir eine Reform der Studienreform?Linneweber: Nein, wir werden nicht alles zurückdrehen. Aber wir müssen dieses System neu justieren. Bei seiner Einführung 1999 hat uns die Politik eine neue Aufgabe gestellt, ohne dafür die Mittel bereitzustellen. Und die Hochschulen haben eindeutig die Schwierigkeiten der Umstellung unterschätzt

Ist die Bologna-Reform gescheitert? Brauchen wir eine Reform der Studienreform?

Linneweber: Nein, wir werden nicht alles zurückdrehen. Aber wir müssen dieses System neu justieren. Bei seiner Einführung 1999 hat uns die Politik eine neue Aufgabe gestellt, ohne dafür die Mittel bereitzustellen. Und die Hochschulen haben eindeutig die Schwierigkeiten der Umstellung unterschätzt. Jetzt wissen wir's besser. Bachelor-Master-Studiengänge sind viel aufwändiger und teurer als in der Diplom/Magister-Ära. Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) beziffert den zusätzlichen Aufwand auf 15 Prozent.

Halten Sie die bundesweiten Klagen der Studenten über die Probleme des Bachelor-Master-Systems also für gerechtfertigt?

Linneweber: In Einzelfällen sind die Klagen berechtigt, da haben Kollegen übertrieben und zu viel Stoff in einzelne Studiengänge hineingepackt. Das war aber keine Gemeinheit der Professoren, sondern entsprach eher dem Fürsorge-Gedanken, den Bachelor so wertvoll wie möglich zu machen. Richtig schlecht wird es aber für Studenten, wenn Hochschulen untereinander, wie zum Beispiel in Berlin, Studienleistungen nicht anerkennen. Und das ist leider ein Problem, das bei 9000 Studiengängen in Deutschland zu oft vorkommt.

Gibt es also zu viele Studiengänge in Deutschland?

Linneweber: Bei 200 Universitäten und Fachhochschulen kann man das nicht behaupten. Aber es gibt eindeutig Schwierigkeiten an den Schnittstellen von Bachelor zu Master. Ich rechne am Ende der Umstellung deutschlandweit mit 4000 Bachelor- und 5000 Master-Studiengängen. Die müssen besser abgestimmt werden.

Also liegt die Ursache des Problems an den Hochschulen?

Linneweber: Ich halte nichts vom Schwarzen-Peter-Spiel, das jetzt abläuft. Aber mit einer besseren Ausstattung hätten die Hochschulen sicherlich einige der aktuellen Probleme vermeiden können. Tatsache ist, dass die Hochschulen bundesweit an der Nachjustierung arbeiten, notwendige Zusatzmittel zur Begleitung der Studienreform aber noch nicht bereitgestellt werden.

Welche Konsequenzen zieht die Saar-Uni aus den Protesten?

Linneweber: Wir waren relativ spät bei der Umstellung auf die neuen Studienabschlüsse. So konnte die Saar-Uni viele Anfängerfehler vermeiden. Natürlich gibt es aber auch bei uns noch einiges, was verbessert werden soll, und daran arbeiten die Fächer ja auch gerade. Beispielsweise soll die Anzahl der Prüfungsleistungen in vielen Fächern merklich reduziert werden. Und was wir aus den Studentenprotesten auch lernen können, ist, die Studenten dabei noch besser einzubinden.

Soll jeder Bachelor an der Saar-Uni die Chance erhalten, seinen Master zu machen?

Linneweber: Ich halte überhaupt nichts von den diskutierten Quoten. Jeder Bachelor-Absolvent soll die Chance haben, einen Master zu machen. Dabei kann es aber kein Wunschprogramm beliebiger Kombinationen geben. Man darf dabei auch nicht vergessen, dass ein kombiniertes Studium aus Bachelor (6 Semester) und Master (4) statistisch ein Semester länger als ein Diplomstudiengang dauert und eine intensivere Betreuung erfordert. Das bedeutet für die Hochschulen mehr Aufwand.

Und was bedeutet das in Euro?

Linneweber: Die Saar-Uni hat einen Globalhaushalt von 150 Millionen Euro. Wenn wir nur die aktuelle Forderung der HRK nach einer Erhöhung der Etats um 15 Prozent nehmen, bräuchten wir zur Umsetzung der Bologna-Ziele über 22 Millionen Euro mehr im Jahr.

Sehen Sie Möglichkeiten, den Leistungsdruck dadurch zu mindern, dass das Studium verlängert wird?

Linneweber: Der Leistungsdruck ist in vielen Fällen nicht so hoch, wie er beschrieben wird. Viele Abiturienten kommen heute mit der Erwartung an die Uni, sie könnten das Studieren erst einmal ausprobieren. Wir haben diese Erwartung auch jahrelang befriedigt. Doch das ist jetzt anders. Das neue System ist darauf angelegt, schnell Rückmeldungen zu geben. Den Bachelor auf sieben Semester zu erweitern, kann in Einzelfällen die Lösung sein, darf aber nicht der Regelfall werden. Einen achtsemestrigen Bachelor halte ich für illusorisch.

Im Saarland war die Beteiligung an den Protesten gering. Geht es den Studenten hierzulande besser?

Linneweber: Wir sind eine mittelgroße Uni, wir haben eine überdurchschnittlich gute Betreuung. Die Studenten sehen, dass sie bei uns andere Einflussmöglichkeiten haben und damit etwas erreichen. Sie müssen nicht auf die Straße gehen. Die Einführung wurde von Beginn an ja auch durch Qualitätsmaßnahmen begleitet, so dass kleinere Probleme direkt behoben werden konnten. Wir haben zum Beispiel auch eine Kontaktstelle Studienqualität, an die sich Studenten bei Problemen wenden können. Sie bearbeitet im Schnitt etwa 80 Anfragen pro Semester. Daran hat sich auch den letzten Wochen nichts geändert.