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Mischung aus SOS und Kampfansage

Mischung aus SOS und Kampfansage

Gaza/Tel Aviv. Von der Hamas-Infrastruktur sind seit Beginn der israelischen Militäroffensive nur Trümmerberge übrig geblieben. Aus Furcht um das eigene Leben ist Hamas-Führer Ismail Hanija wie die restliche Hamas-Führung in den Untergrund abgetaucht

Gaza/Tel Aviv. Von der Hamas-Infrastruktur sind seit Beginn der israelischen Militäroffensive nur Trümmerberge übrig geblieben. Aus Furcht um das eigene Leben ist Hamas-Führer Ismail Hanija wie die restliche Hamas-Führung in den Untergrund abgetaucht. Aus dem Versteck hält der 45-Jährige eine Art Neujahrsansprache und übt sich in einem gewaltigen Verbalspagat: ein bisschen SOS, ein bisschen Verhandlungsbereitschaft und schließlich wieder die Unbeugsamkeit und Kampfansage, die man von Hamas-Führern üblicherweise die ganze Rede lang gewöhnt ist. Hanija forderte, dass Israel seine seit sechs Tagen andauernde Militäroffensive ohne Vorbedingungen beendet, die Blockade des Gazastreifens aufhebt und die Grenzübergänge öffnet. Dann könne man sich hinsetzen und "über alle Akten" ein "positives Gespräch" führen. Hanija glaubt, dass die Hamas Oberwasser hat, nachdem ihre Raketen erstmals auch Städte mehr als 40 Kilometer tief im israelischen Kernland erreichen und das Leben von einer Million der 7,3 Millionen Israelis gefährden könne. Unterdessen haben die israelischen Luftschläge mit Nisar Rian erstmals ein prominentes Todesopfer aus dem inneren Führungszirkel der Hamas gefordert. Rian, Verbindungsmann zwischen dem militärischen und politischen Flügel, starb gestern nach einem israelischen Raketenangriff. Mindestens zwei Probleme gibt es bei dem ersten Wink der Hamas mit dem Ölzweig: Der amtierende israelische Ministerpräsident Ehud Olmert lehnt eine Waffenruhe ab. Denn Israel verlangt einen vollständigen Stopp der Raketenangriffe. Hardliner um SaharDie starken Männer sind die Hardliner um den früheren Außenminister Mahmud Sahar. Said Siam ist für die Hamas-Sicherheitskräfte zuständig. Ahmed Dschabri kommandiert den militanten Flügel, die Al-Kassam-Brigaden. Dem Machtzentrum werden auch der offizielle Hamas-Sprecher Sami Abu Suhri zugerechnet. Schenkt man den Hamas-Erklärungen Glauben, dann fürchten die Militanten keine Bodenoffensive. 16500 gut ausgebildete Soldaten hat die Hamas unter Waffen. 3000 bis 4000 weitere Kämpfer stellen die anderen militanten Palästinenserorganisationen. Es ist ein offenes Geheimnis in Gaza, dass Hamas-Offiziere im Iran, im Libanon und in Syrien ausgebildet worden sind. Straßenkampf, Häuserkampf - alles kein Problem. Im Labyrinth der dicht bevölkerten Flüchtlingslager mit ihren engen Gassen rechnen sich die Militanten eine Chance aus, viele israelische Soldaten zu töten oder zu entführen und auf diese Weise eine Waffenruhe zu erzwingen. Der Sturz der Hamas steht nach bisherigen öffentlichen Äußerungen israelischer Regierungsmitglieder nicht auf dem Programm. Es geht um eine Schwächung und den Stopp des Raketenbeschusses. Aber ohne K.o.-Sieg über die Hamas geht auch diese Militäroffensive wahrscheinlich wieder so aus wie die letzte im März 2008. Als sich die israelische Armee nach fünftägigen schweren Kämpfen mit 106 Toten aus dem Gazastreifen zurückzog, feierte die Hamas einen Sieg samt Parade. Die Hamas-Logik geht so: Solange die Organisation noch auf eigenen Füßen steht, solange die eigenen Führer unabhängig von den eigenen Verlusten erklären können, dass ihre Standhaftigkeit die "zionistischen Feinde" zum Rückzug gezwungen habe, solange hat Israel verloren und Hamas gewonnen.