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Kuba am ScheidewegDie kubanische Revolution wird am 1. Januar 50 Jahre alt

Kuba am ScheidewegDie kubanische Revolution wird am 1. Januar 50 Jahre alt

Havanna. Man kann sich gut vorstellen, wie Fidel Castro dieser Tage, kurz vor dem 50. Jahrestag der kubanischen Revolution, in seinem Adidas-Trainingsanzug auf dem Krankenbett sitzt und an einer der "Reflektionen" schreibt, mit der er seit seiner Erkrankung vor anderthalb Jahren am politischen Leben teilnimmt

Havanna. Man kann sich gut vorstellen, wie Fidel Castro dieser Tage, kurz vor dem 50. Jahrestag der kubanischen Revolution, in seinem Adidas-Trainingsanzug auf dem Krankenbett sitzt und an einer der "Reflektionen" schreibt, mit der er seit seiner Erkrankung vor anderthalb Jahren am politischen Leben teilnimmt. Mit einem selbstzufriedenen Lächeln wird der Revolutionsführer im Ruhestand darüber philosophieren, dass ein halbes Jahrhundert, nachdem der Kapitalismus auf der Tropeninsel abgeschafft wurde, nun auch im Rest der Welt die Erkenntnis reift, dass das totale Setzen auf die Märkte falsch war.Doch die Genugtuung über das Scheitern des zügellosen Kapitalismus sollte nicht den Blick dafür verstellen, dass der kubanische Tropensozialismus und das System Castro 50 Jahre nach der Vertreibung des Diktators Fulgencio Batista selbst an einem dünnen Faden hängen. Mit dem offiziellen Abtritt von Fidel Castro im Februar 2008 ist auf der Insel eine zögerliche Dynamik der Öffnung entstanden, die über das Überleben der Revolution im Sinne der Gebrüder Castro entscheidet. Nie zuvor in den vergangenen 50 Jahren gab es einen stärkeren Reformimpuls als im Moment.Nur wenn es der Regierung gelingt, schnelle Verbesserungen im sozialen und wirtschaftlichen Bereich zu schaffen, hat die Revolution eine Chance zu überleben. Das heißt, Präsident Raúl Castro muss für höhere Einkommen, bessere Wohnungen sowie mehr persönliche und demokratische Freiheiten sorgen. "Kuba hat maximal drei bis fünf Jahre, die Situation deutlich zu verbessern", sagt der Sozialwissenschaftler Heinz Dieterich. "Mehr Zeit gibt die Bevölkerung der Regierung nicht", ergänzt der Ideengeber der Linken in Lateinamerika und Kuba-Kenner. Denn 50 Jahre nach dem Einzug der Revolutionäre in Havanna befindet sich Kuba in einer tiefen Krise: Die Landwirtschaft produziert nicht genug, die Staatsbetriebe arbeiten ineffizient, die Korruption steigt, und mit einem Staatslohn ist fast nichts zu kaufen. Wer keine Devisenüberweisung aus dem Ausland erhält und mit einem Staatslohn auskommen muss, bedient sich am kollektiven Eigentum und verscherbelt unter der Hand, wessen er in seinem Job habhaft werden kann: Matratzen, Medikamente, Zigarren.Erschwert wird die Wirtschaftslage durch drei Wirbelstürme, die Kuba dieses Jahr heimsuchten und Schäden von zehn Milliarden Dollar verursachten. Zudem treffen auch die Auswirkungen der Finanzkrise die Insel hart. Präsident Castro kündigte daher für 2009 einen harten Sparkurs an: Das Rentenalter werde um fünf Jahre nach hinten verschoben, Sozialleistungen gekürzt, Reisen der Staatsführung eingeschränkt. Zur Jahreswende 2008/2009 gleicht die Insel einem Freilichtmuseum. Vieles wirkt, als sei es in der Zeit stehen geblieben: Auf den Straßen fahren noch die Buicks und Fords, die vor dem Embargo Anfang der sechziger Jahre ins Land kamen. Von den Häusern an der Uferpromenade Havannas, an denen die salzige Gischt nagt, steht oft nur noch die koloniale Fassade. Genauso stehen geblieben ist die Ideologie, welche die umfassende Macht der Kommunistischen Partei festschreibt. Für ein vorbildliches Bildungs- und Gesundheitssystem müssen die Kubaner die Entbehrungen der Planwirtschaft und die Beschneidung der persönlichen und politischen Freiheiten in Kauf nehmen. Andersdenkende landen schnell im Gefängnis. Und mehr als zwei Millionen Menschen haben die Insel seit der Revolution in Richtung Miami, Madrid und Mexiko verlassen, weil sie freie Meinung, freie Berufsausübung und freien Zugang zum Internet den Parolen von "Sozialismus oder Tod" und elf Euro Staatslohn vorziehen. Die Öffnung für den Tourismus und der Zugang zu Devisen für manche hat Kuba zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft gemacht, in der Revolutionsideale wie Würde und Gleichheit Geschichte sind. Dagegen wirken die Veränderungen unter Raúl Castro, der in den vergangenen Monaten Hotelübernachtungen, PC- und Handykauf sowie die Parzellierung des Landes zuließ, wie Trostpflaster. "Die Idee, formale Rechte wie Presse-, Meinungs- und Reisefreiheit durch soziale Rechte wie Gesundheit, Bildung und Arbeitsplatz ersetzen zu können, war ein gigantischer Irrtum", sagt Heinz Dieterich rückblickend. Dabei weckte der 1. Januar 1959, als der 32 Jahre alte Fidel Castro und seine bärtigen Kämpfer in Havanna einmarschierten, große Hoffnungen. Denn in Lateinamerika waren damals fast überall Eliten an der Macht, die sich nicht um die sozialen Ungleichheiten scherten. Dass sich die Revolution gegen alle Wetter der Weltpolitik ein halbes Jahrhundert halten konnte, hängt mit der charismatischen Figur Fidel zusammen. Dennoch gleicht es vor dem Hintergrund der Zeitläufte einem Wunder, dass die Revolution überlebt hat. Am 1. Januar 1959 war Brasilien gerade zum ersten Mal Fußball-Weltmeister geworden, in Deutschland regierte Konrad Adenauer und in den USA Dwight D. Eisenhower. Und mit der kubanischen Revolution verbinden sich Ereignisse von Weltbedeutung: Die Demütigung der USA 1961, als die von Washington bezahlten exilkubanischen Söldner in der Schweinebucht zurückgeschlagen wurden. Die Raketenkrise ein Jahr später, die um Haaresbreite den Dritten Weltkrieg auslöste, weil Moskau auf Kuba einen Raketenstützpunkt baute.Vor 50 Jahren stürzten Revolutionäre unter der Führung von Fidel Castro den kubanischen Diktator Fulgencio Batista und errichteten auf der Karibikinsel einen sozialistischen Staat. Bis zur Ablösung durch seinen Bruder Raúl vergangenen Februar prägte Fidel Castro fünf Jahrzehnte die kubanische Geschichte. Eine Chronologie. 1959 1. Januar: Fidel Castro und seine revolutionäre Gruppe übernehmen nach der Flucht von Diktator Batista die Macht. 1961 3. Januar: Die USA brechen die diplomatischen Beziehungen zu Kuba ab. 17. April: 1400 bewaffnete Exil-Kubaner landen in der Schweinebucht und werden dort von den kubanischen Streitkräften vernichtend geschlagen. Der von der US-Regierung unterstützte Umsturzversuch scheitert. 1. Mai: Castro bekennt sich offiziell zum Marxismus-Leninismus. 1962 3. Februar: US-Präsident John F. Kennedy verhängt ein Wirtschaftsembargo über Kuba. 22.-28. Oktober: Während der Kuba-Krise steht die Welt am Abgrund eines Atomkrieges. Anlass ist die Stationierung russischer Atomraketen in Kuba. Die USA starten daraufhin eine Seeblockade. Moskau zieht seine Waffen schließlich wieder ab.1967 9. Oktober: Der Revolutionär Ernesto "Che" Guevara wird in Bolivien hingerichtet. Er hatte Kuba 1965 verlassen, um im Kongo und dann in Bolivien in den Guerillakrieg zu ziehen. 1975 Oktober: Die kubanische Armee unterstützt die angolanische Regierung beim Kampf gegen die von den USA geförderte Rebellenbewegung Unita. Die kubanischen Truppen bleiben 16 Jahre im Land. 1980 14. April bis 5. Oktober: 125000 Kubaner flüchten in die USA.1994 5. August: In Havanna gibt es zum ersten Mal seit der Revolution Unruhen. Mehr als 37000 Kubaner verlassen auf Flößen das Land.1998 21.-26. Januar: Papst Johannes Paul II. besucht Kuba.2003 18.-20. März: 75 Oppositionelle werden zu Gefängnisstrafen zwischen sechs und 28 Jahren verurteilt. 5. Juni: Die EU verhängt diplomatische Sanktionen. Sie werden Anfang 2005 ausgesetzt und im Juni 2008 aufgehoben.2006 31. Juli: Castro übergibt wegen einer Darmoperation zum ersten Mal in seiner Amtszeit die Regierungsgeschäfte an seinen Bruder Raúl.2008 19. Februar: Fidel Castro verkündet seinen Rücktritt. 24. Februar: Die Nationalversammlung wählt Raúl Castro zum neuen Staatschef. ehr "Kuba hat maximal drei bis fünf Jahre, die Situation deutlich zu verbessern."Sozialwissenschaftler Heinz Dieterich