"Da geht einem das Herz auf"

Am siebten Tage sollst du ruhn." Nach sechs Sanierungs-Bauabschnitten und zwölf Jahren wäre jetzt also auch für Pfarrer Hermann Kast die Zeit zum Zurücklehnen in einer der sauber geputzten Kirchenbänke gekommen. Um einen in Weiß und Gold strahlenden Kirchenraum zu genießen, durch dessen Weißglas-Fenster das Licht hindurchschießt wie eine Kraft- und Energiequelle

Am siebten Tage sollst du ruhn." Nach sechs Sanierungs-Bauabschnitten und zwölf Jahren wäre jetzt also auch für Pfarrer Hermann Kast die Zeit zum Zurücklehnen in einer der sauber geputzten Kirchenbänke gekommen. Um einen in Weiß und Gold strahlenden Kirchenraum zu genießen, durch dessen Weißglas-Fenster das Licht hindurchschießt wie eine Kraft- und Energiequelle.Doch nach der Sanierung ist auf dem Blieskasteler Schlossberg vor der Sanierung. Das scheint hier Gesetz. "Ein Fass ohne Boden", seufzt Kast - und wirkt statt erschöpft erheitert. Der Bauabschnitt sieben ist bereits beantragt: die Restaurierung der Orgel. Pfarrer Kast und sein Förder-Verein müssen weiter Konzerte und Christkindlmärkte organisieren, Brot backen und Wein verkaufen. 630 000 Euro kamen zusammen. Das Engagement war dem Land 2003 den saarländischen Denkmalpflegepreis wert. Pfarrer Kast gebührt zudem ein Orden für Duldsamkeit gegenüber dem göttlichen Ratschluss. Als er 1998 von Obermoschel (Nahe), wo er fünf Kirchen-Renovierungen betreut hatte, ins Saarland kam, lautete das Motto: "Alles, nur nicht mehr bauen."

Zwei Jahre später fing es dann ganz harmlos an: Die Heizung sollte instand gesetzt werden. Dann stellte sich heraus, dass die gesamte Westfassade 30 Zentimeter aus dem Lot gekippt war. Am Ende stand die Erneuerung des gesamten Dachstuhls.

2005 kamen schließlich Teile des Deckengemäldes runter. Die Kirche wurde für ein Jahr geschlossen. Das wiederholte sich während der Schluss-Phase, der Innenraum-Gestaltung: Seit April 2011 waren die Türen zu. Dahinter hatte sich das anfänglich auf 3,8 Millionen Mark (!) geschätzte Projekt zu einer der denkmalpflegerisch wohl anspruchsvollsten Maßnahmen des Landes entwickelt. Mittlerweile stecken fünf Millionen Euro in der Kirche. Der Clou dabei: "Das Wesentliche, die statisch-konstruktive Sicherung des Bauwerkes, sieht man nicht." Das sagt Reinhard Schneider, der für das Landesdenkmalamt die Schlosskirche in all den Jahren betreute. Er hält das, was in Blieskastel handwerklich geleistet wurde, für einen "Paradefall brandaktueller Spitzen-Restaurierungs-Kunst". Ein Beispiel? Die Sicherung des Deckengemäldes. Der Total-Verlust drohte durch die Erschütterungen, die die unabwendbaren Arbeiten am Dachstuhl verursachen würden. Man "erfand" eine neuartige abgehängte Unterfangung. "Als Kompakt-Maßnahme, die von der Oberkante des Daches bis zur Unterkante des Fundamentes reicht, ist das Blieskasteler Projekt für das Saarland einzigartig", sagt der Leiter des Landesdenkmalamtes Josef Baulig.

Die Schlosskirche in Blieskastel (1776-1778) - eine spätbarocke Übergangs-Mixtur aus italienisch-verspielten und französisch-klassizistischen Elementen - war immer schon sehenswert, ein Denkmal von nationalem Rang, das vom Berliner Kulturministerium und der Stiftung Denkmalschutz gefördert wurde. Jetzt ist sie für Barock-Liebhaber ein Muss. Ihr Innenraum - früher gelblich und farblich eher unruhig akzentuiert - präsentiert sich in einer bestechenden Frische ohne Überladenheit. Hier herrscht eine harmonisch geordnete, gebändigte Pracht. Einen "Thronsaal Gottes" nennt sie Pfarrer Kast, verweist darauf, dass es nirgendwo im Raum einen rechten Winkel gibt, sondern nur geschwungene Übergänge, und verbittet sich das Wort puristisch: "Das Weiß schimmert in allen nur denklichen Tönen, es ist gar nicht radikal." Wie alle vermeintlich rein ästhetischen Entscheidungen wurde diese Farbgebung mit der Denkmalpflege intensiv diskutiert. Für die Farb-Urfassung gab es keine dokumentarischen Belege, doch Fotos aus den 20er Jahren zeigen eine weiße Version. "Wir fühlen uns bei unserem Konzept dem gewachsenen Baukörper verpflichtet", sagt Reinhard Schneider, "Eine Rück-Restaurierung ist kein denkmalpflegerisches Ziel."

Bei der Bodengestaltung freilich lag der Fall anders. Während starke Stimmen im Verwaltungs- und Pfarrgemeinderat dafür plädierten, beim pflegeleichten Kalksteinboden zu bleiben, plädierte das Landesdenkmalamt für diagonal verlegte gelb-rote Sandstein-Platten. "Das war ein Quellen-Befund und unsere Empfehlung", sagt Schneider. Als unter den beiden Grafenstühlen neben dem Altar, die man wegen der Restaurierung wegrücken musste, eben dieser Original-Bodenbelag auftauchte, löste das beim Denkmalpfleger Reinhard Schneider "Begeisterung" aus - und ein Umschwenken derjenigen, die bislang vor allem erträgliche Reinigungskosten, sprich Funktionalität, im Auge hatten. Nun lässt sich die Gemeinde San Sebastian auf ein kleines Pflege-Abenteuer ein.

Nicht selten führen Debatten zwischen Denkmalpflege und Bauherren zu Stellungskriegen. Doch trotz des Ringens um die optimale Lösung und um Förder-Zuschüsse aus verschieden Töpfen kam es in Blieskastel zu keiner Krise. "Pfarrer Kast hat sich auf alle Zumutungen eingelassen", so Schneider, "ich kenne ungeduldigere Bauherren."

In der Nachbarstadt St. Ingbert beispielsweise verlief die Erneuerung der 2007 durch einen Brand zerstörten St.-Josefs-Kirche in einem Turbo-Tempo. Die Versicherungen zahlten schnell einen Großteil der 15 Millionen Euro. Aber auch dort wurden rund 650 000 Euro privat aufgebracht. Doch eine Katastrophe ist nun mal spektakulärer als Altersschwäche, die, wie bei der Schlosskirche, Schicht für Schicht, Problem für Problem, zu Tage tritt. Überhaupt ist dieses Bauwerk eine bescheidene Schöne. Ihr fehlt der Auftritts-Raum in der engen Schlossbergstraße. An einer Seite angebaut, wirkt sie nahezu versteckt in der Altstadt. Und ihr Baumeister Peter Reheis (1739-1804) war nicht selbst ein Star-Architekt, sondern ein Mitarbeiter von Friedrich Johann Stengel beim Ludwigskirchen-Bau in Saarbrücken.

Doch ab Sonntag dürfte Mundpropaganda dafür sorgen, dass die "Kleinresidenz" Blieskastel wieder öfter angefahren wird. Denn es ist wohl wahr, was Pfarrer Kast von den Neugierigen hörte, die bisher reinspitzten in die Baustelle: "Das Herz geht einem auf."

25. März, zehn Uhr, Festgottesdienst mit dem Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann.

Hintergrund

Die Schlosskirche wurde von 1776 an als eine Klosterkirche der Franziskaner erbaut, die Reichsgraf Franz Karl von der Layen (1736-1775) zur Einrichtung einer Lateinschule in den Marktflecken geholt hatte. Er übernahm die Hälfte der Baukosten. 1778 wurde die Kirche zu Ehren der heiligen Anna und des Apostels Philippus geweiht. 1793 wurde sie zerstört und ging 1801 in das Eigentum der katholischen Kirche über.

Die Sanierungskosten teilen sich Bund (638 664), Land (552 750), die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (119 655) und das Bistum Speyer (rund 2,5 Mio. Euro). Der Kirchenbauverein schoss 630 000 Euro zu. Bauherr war die katholische Kirchenstiftung St. Sebastian. ce