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Mit Kraft, Zärtlichkeiten und harten Tönen

Mit Kraft, Zärtlichkeiten und harten Tönen

Saarbrücken. Der nette Herr mit dem Schnauzbart aus Reihe 40 hat noch so seine Zweifel. "Ich hoffe, dass Heiko gewinnt. Aber sicher bin ich mir nicht." Was dem 75-Jährigen nicht in den Kopf will, ist die Tatsache, dass sich Heiko Maas auf eine große Koalition festgelegt hat. "Warum nur hat er das gemacht? Ich verstehe es wirklich nicht

Saarbrücken. Der nette Herr mit dem Schnauzbart aus Reihe 40 hat noch so seine Zweifel. "Ich hoffe, dass Heiko gewinnt. Aber sicher bin ich mir nicht." Was dem 75-Jährigen nicht in den Kopf will, ist die Tatsache, dass sich Heiko Maas auf eine große Koalition festgelegt hat. "Warum nur hat er das gemacht? Ich verstehe es wirklich nicht."Gestern Abend bei der großen "Endspurt-Kundgebung" der Saar-SPD im nicht ganz gefüllten E-Werk auf den Saarbrücker Saarterrassen spielen Koalitionsaussagen aber keine Rolle. Nachdem Schorsch Seitz seine Heiko-Hymne "Wenn nicht jetzt, wann dann?" vorgetragen hat, gibt Oberbürgermeisterin Charlotte Britz die Richtung vor: "Wir müssen auf uns schauen. Wir sind eine selbstbewusste Partei mit guten Inhalten." In den nächsten Stunden müssten alle noch mal losmarschieren und den Menschen klarmachen, warum es so wichtig ist, am Sonntag SPD zu wählen.

Um 19.06 Uhr dann der triumphale Einzug der Hauptpersonen des Abends. Zu den Klängen des Piratenfilms "Fluch der Karibik" und begrüßt von donnerndem Applaus betritt Maas an der Seite von Hannelore Kraft und Martin Schulz den Saal. "Unser nächster Ministerpräsident" tönt es aus den Lautsprechern, während sich viele der 1500 Parteifreunde von ihren Stühlen erheben und Schilder in die Luft halten: "JETZT Heiko Maas". Das hat schon was von US-Wahlkampf.

Martin Schulz, Präsident des Europa-Parlaments, schreitet zuerst auf die Bühne. Er redet viel über Europa und die Finanzmärkte, vor allem aber von "meinem Freund Heiko Maas", den er unterstützen will. Maas sei ein "überzeugender Kämpfer für die Menschen in diesem Land" und deshalb der richtige Regierungschef. Dass Hannelore Kraft die richtige Ministerpräsidentin in Nordrhein-Westfalen ist, daran lässt das Publikum keine Zweifel. Mit Sprechchören ("Hannelore, Hannelore - Kraft, Kraft, Kraft") wird sie empfangen. Sie ist der neue Star der SPD, manche handeln sie schon als kommende Bundeskanzlerin. Was sie mitgebracht hat, ist nicht nur ein "herzliches Glückauf", sondern vor allem viele warme Worte für die Parteifreunde an der Saar. "Ihr habt einen fantastischen Wahlkampf hingelegt", ruft sie den Genossen zu und an Maas gerichtet: "Heiko, du hast es verdient, Ministerpräsident zu werden. Du bist der Richtige fürs Saarland." Warum? Weil er "offen und ehrlich" sei und wisse, dass Politik "harte Arbeit ist und nicht nur Showgeschäft".

Als Showtalent ist Maas in den vergangenen Jahren tatsächlich nicht in Erscheinung getreten, doch etwas Show muss schon sein an diesem Abend. Deshalb bittet er gleich zu Beginn seiner Rede Ehefrau Corinna auf die Bühne. Die wurde am Dienstag 40, und jetzt schenkt ihr Maas 40 rote Rose und einen Kuss. Corinna berichtet danach, dass es der Herzenswunsch ihres Mannes sei, dass es nicht nur den eigenen beiden Kindern gut geht, sondern dass alle Kinder im Land gute Bildungschancen haben sollen. Das kommt an. Dann aber ist es vorbei mit dem Austausch von Zärtlichkeiten, Maas teilt in seiner gut 40-minütigen Rede kräftig aus. Hinter dem Saarland lägen "zwei Jahre voller Peinlichkeiten", es habe "Skandale ohne Ende" gegeben: "Es ist inzwischen so schlimm, dass selbst Heinz Becker für die Fusion mit Rheinland-Pfalz ist - so kann es nicht weitergehen." Die CDU solle die Quittung bekommen für die Beliebigkeit ihrer Politik, ruft Maas seinen Anhängern zu und greift auch Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer frontal an. Mit Blick auf eine Pressemitteilung zum Vierten Pavillon, den Maas als größten Skandal beschreibt, seit er Politik im Saarland macht, sagt er: "Wer so handelt wie Frau Kramp-Karrenbauer, führt die Öffentlichkeit in die Irre. Und wer so handelt, gehört nicht in die Staatskanzlei." Wer dort einziehen soll, ist völlig klar. "Ich will Ministerpräsident werden!", sagt Maas voller Überzeugung und liefert zugleich einige Argumente mit. Neben den bekannten Positionen zu Leiharbeit, Mindestlohn oder der Rente mit 67 hat er aber noch eine echte Überraschung im Gepäck. Eine Landesregierung unter seiner Führung werde in den kommenden fünf Jahren 20 000 neue Arbeitsplätze schaffen. Und zwar jeweils 5000 in den Bereichen Energie, Werkstoffwissenschaften, Gesundheitswirtschaft und Mittelstand.

"Die Saarländer dürfen keine Regierung mehr haben, die einem peinlich ist", sagt Maas noch, nimmt dann eine E-Gitarre in die Hand, um das E-Werk zu rocken - mit seinen aus einer Castingshow bekannten Cousinen Laura und Viktoria. "Es ist inzwischen

so schlimm, dass selbst Heinz Becker für die Fusion mit Rheinland-Pfalz ist."

Heiko Maas