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„Große Freiräume für Terroristen“

„Große Freiräume für Terroristen“

Saarbrücken. Bei einem US-Luftangriff in Pakistan sollen mehrere deutsche Islamisten getötet worden sein. Offenbar lassen sich dort immer mehr Deutsche zu Terroristen ausbilden. Unser Berliner Korrespondent Stefan Vetter sprach darüber mit dem Essener Terrorismusforscher Rolf Tophoven:

Herr Tophoven, wie kommt ein Deutscher dazu, Terrorist zu werden?
Rolf Tophoven: Schwierige Frage. Ich denke, es gibt zwei Ströme, die in die Ausbildungscamps der pakistanisch-afghanischen Grenzregion führen. Das sind zum einen deutsche Konvertiten, die sich auf der Suche nach einem neuen Lebensinhalt dem Islam zuwenden und dabei radikalisieren.

Und der andere Strom?
Rolf Tophoven: Zum anderen handelt es sich um in Deutschland aufgewachsene Muslime, die unsere Kultur und Sprache kennen, aber sich in unserer Gesellschaft häufig nicht angenommen fühlen und dann einen Hassprediger finden, der sie für den heiligen Krieg motiviert.

Wie akut ist dieses Problem?
Rolf Tophoven: Von den deutschen Sicherheitsbehörden wissen wir, dass es in den letzten Jahren zu einer massiven Wanderungsbewegung in solche Ausbildungsamps gekommen ist. Möglicherweise sind die Anwerbungsmethoden zunehmend erfolgreich. Das Bundeskriminalamt spricht von 200 deutschen Gefährdern, die in solchen Camps waren. Etwa 30 bis 40 Deutsche sollen sich aktuell dort befinden.

Offenbar sind einige von ihnen jetzt durch eine US-Drohne getötet worden. Halten Sie die Information für glaubhaft?
Rolf Tophoven: Das ist glaubhaft. Darauf deutet schon der Ort in Pakistan hin, auf den der Angriff stattfand. Mir Ali liegt an der Grenze zu Afghanistan. Dieser Ort ist eine Hochburg des militanten Islamismus. Dort gibt es mehrere Kommandozentren und Trainingszentralen. Die verstärkten US-Angriffe mit unbemannten Flugkörpern haben den Druck auf die Islamisten zweifellos erhöht.

Die Gewerkschaft der Polizei klagt darüber, dass eine lückenlose Überwachung potenzieller Terroristen mangels Personal gar nicht möglich sei. Sind die Bürger der Gefahr schutzlos ausgeliefert?
Rolf Tophoven: Der Rechtsstaat bietet zweifellos große Freiräume, die von Terroristen brutal ausgenutzt werden. Wahr ist aber auch, dass die deutschen Sicherheitsbehörden seit den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA ganz gut aufgestellt sind. Sie kennen die Ideologien, ihre Zentren und die Reisebewegungen der Gefährder. Allerdings beklagt das Bundeskriminalamt seit längerem, dass für das Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung immer noch eine verfassungskonforme Lösung aussteht. Hier muss die Regierung schleunigst handeln.

Der Bundesinnenminister warnt vor „Alarmismus“, derweil die Terrorwarnungen seitens der USA in diesen Tagen besonders dramatisch klingen. Wer hat nun Recht?
Rolf Tophoven: Die deutschen Einschätzungen sind absolut nachvollziehbar, denn es gibt keine konkreten Informationen über unmittelbar bevorstehende Terroranschläge. Dass die Amerikaner ihre Bevölkerung vor terroristischen Aktivitäten in Europa warnen und bei Reisen dorthin zu besonderer Vorsicht ermahnen, ist letztlich den dramatischen Ereignissen des 11. September 2001 geschuldet. Seit diesem Tag sind die US-Behörden sicherheitspolitisch traumatisiert.

Also alles Panikmache?
Rolf Tophoven: Ich halte die US-Warnungen für überzogen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass Deutschland schon wegen seiner Truppenpräsenz am Hindukusch im Fokus des militanten Islamismus steht. Für eine Entwarnung gibt es jedenfalls keinen Anlass.