Über 100 Angriffe pro Tag auf französische Polizei, Feuerwehr und Sanitäter

Gewalttätige Angriffe : Frankreichs Polizisten schlägt der blanke Hass entgegen

Die Zahl der gewalttätigen Angriffe auf Einsatzkräfte nimmt im Nachbarland rapide zu. Viele Beamte fühlen sich von der Politik alleingelassen.

Der Name der kleinen Stadt Chanteloup-les-Vignes ist in Frankreich ein Begriff. Sie war sogar schon Kulisse für einen berühmten Film. Der vielsagende Titel: „Der Hass“. Die Gemeinde ist zum Symbol einer jener seelenlosen Trabantenstädte vor den Toren von Paris geworden. Nun steht die Stadt wieder in den Schlagzeilen. Am Wochenende hat eine Gruppe Jugendlicher einen erst kürzlich für fast eine Million Euro renovierten Veranstaltungsort, den sogenannten Zirkus, angezündet und völlig zerstört.

Der Ausbruch der Gewalt kommt für viele Experten nicht überraschend, und sie weisen darauf hin, dass dies nicht ein Phänomen sei, das auf Chanteloup-les-Vignes beschränkt sei. In den vergangenen Monaten ist laut Statistik die Zahl der Gewalttaten gegen Einsatzkräfte steil angestiegen. Das alleine sei allerdings nicht besorgniserregend, heißt es von Seiten der Sicherheitsbehörden. Mehr Kopfzerbrechen bereitet den Verantwortlichen, dass die Art der Gewalt sich verändert hat. Früher wurden Beamte bei ihren Einsätzen bisweilen beschimpft oder auch einmal attackiert. Heute werden Polizisten immer wieder gezielt in Hinterhalte gelockt und von vor allem jugendlichen Banden angegriffen. Das war offensichtlich auch in Chanteloup-les-Vignes der Fall. Die Einsatzkräfte sahen sich plötzlich einer Gruppe von Jugendlichen gegenüber, die sie gezielt mit Feuerwerkskörpern beschossen und Steine oder Flaschen warfen.

Polizei, Feuerwehr und auch Sanitäter seien bei ihren Einsätzen noch nie zuvor mit solchen Zuständen konfrontiert worden, heißt es aus dem Innenministerium. Im Vergleich zum Vorjahr sei die Zahl der registrierten Angriffe in den ersten neun Monaten dieses Jahres um 14 Prozent gestiegen – von rund 25 600 auf 29 300 Fälle. Das sind über 100 pro Tag. „Das ist nicht nur eine Frage des fehlenden Anstandes und Gemeinsinnes“, beklagt ein Polizist in der Tageszeitung Le Figaro die Zustände. „In manchen Vierteln schlägt den Beamten inzwischen der blanke Hass entgegen.“

Seiner Meinung nach fühlen sich inzwischen auch viele Polizisten von der Politik alleingelassen. Immer häufiger werde die Schuld bei der Polizei gesucht, wenn ein Konflikt eskaliere. Das führe auf Seiten der Beamten zu Frustration und fördere das Gefühl der Ungerechtigkeit.

Nach Ansicht von Frédéric Péchard, dem ehemaligen Vizepräsidenten des Regionalrats von Ile-de-France, ist es an der Zeit, „die Autorität des Staates wieder herzustellen“ und im Fall von Gewaltakten endlich den Katalog an Strafmaßnahmen anzuwenden. Offensichtich sei, dass die juristischen Mittel seit Jahren existierten, die Täter zu verfolgen und auch zu verurteilen. Er kritisiert, dass zum Beispiel die Gerichte notorisch unterbesetzt seien. Am Ende fehle es oft schlicht an Richtern, um die Urteile auch zu fällen.

Mehr von Saarbrücker Zeitung