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Eine Selbstverbrennung und ihre Folgen

Brüsewitz (1929-76). Foto: dpa
Brüsewitz (1929-76). Foto: dpa FOTO: dpa
Saarbrücken. Im August vor 40 Jahren begann der Untergang der DDR: Diese steile These vertritt Karsten Krampitz in seinem Buch „Der Fall Brüsewitz“ über den Pfarrer Oskar Brüsewitz, der sich am 18. August 1976 auf dem Marktplatz von Zeitz vor aller Augen verbrannte. Roland Mischke

Die Kleinstadt Zeitz in Sachsen-Anhalt erlebte 1976 Ungeheuerliches. Am 18. August fuhr Pfarrer Oskar Brüsewitz zur Michaeliskirche, stieg im Talar aus und holte aus dem Kofferraum Schilder, die er auf dem Dach montierte. "Funkspruch an alle", stand da. "Die Kirche in der D.D.R. klagt den Kommunismus an! Wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen." Er nahm eine Milchkanne, goss Benzin über sich und zündete sich an.



Ein Mann namens Alfred Lautenschläger, Kreisvorsitzender der CDU, wurde Zeuge des Feuersuizids und riss die Transparente vom Wagen des Pfarrers, während dieser lichterloh über den Platz taumelte. Ein anderer Zeuge berichtete: "Er sah uns wortlos an, blickte von einem zum anderen mit seinem verbrannten Gesicht, die gelblich pergamentfarbenen Hände in seinem Schoß." Ein Stuhl wurde gebracht, der schwerverletzte Pfarrer in eine Decke gehüllt, sechs Minuten später kam ein Krankenwagen. Vier Tage später starb Brüsewitz in Halle. Seinen Angehörigen war nicht erlaubt worden, an seinem Krankenbett sitzen zu dürfen. Warum hatte sich der Geistliche auf so drakonische Weise umgebracht?

Karsten Krampitz, 1969 geboren, ist Geschichtswissenschaftler und Schriftsteller. Er hat mehrere Romane veröffentlicht, holte beim Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb 2009 den Publikumspreis und verfasst erzählende Sachbücher. Seine These: Mit dem Fall Brüsewitz begann der Untergang der DDR - Krampitz liefert interessante Fakten.

Krampitz' Recherchen zufolge sah sich Brüsewitz als Prophet und Märtyrer und galt als Exzentriker. Seine Grabstätte hatte er selbst ausgegraben auf dem Friedhof des Dorfes Rippicha in der "Selbstmörderecke". Seine Predigten waren ungewöhnlich, bei einer Beerdigung hielt er einen menschlichen Knochen in der Hand, ein andermal ließ er eine Traktorenkette rasselnd auf den Sarg fallen. Krampitz' Buch arbeitet heraus, was nach dem demonstrativen Selbstmord geschah. Die Bevölkerung war schockiert, als das "Neue Deutschland" unter der Überschrift "Du sollst nicht falsch Zeugnis reden" Brüsewitz diffamierte. Zugleich griff das SED-Organ die "Bösartigkeit bundesrepublikanischer Kirchenfürsten" an, die hinter all dem stünde. Es gab eine Protestwelle, jede Menge Leserbriefe, die Stasi hatte viel zu tun. Fortan änderte sich das Verhältnis von Staat und Kirche nachhaltig.

Krampitz hält das Jahr 1976 "in der Forschung zur DDR-Geschichte bislang unzureichend gewürdigt". Neben der Eröffnung des Palastes der Republik und 40 Goldmedaillen bei der Olympiade in Montreal für DDR-Sportler (viele davon gedopt, wie man heute weiß) verbot Honecker die Anthologie "Berliner Geschichten" mit Texten von Ulrich Plenzdorf, Klaus Schlesinger und anderen. Evangelische Bischöfe krittelten am Programm des IX. Parteitags der SED, Spaniens Kommunistenführer Santiago Carrillo hielt in Ost-Berlin eine Rede gegen Breshnews "Betonkommunismus" und im November wurde Wolf Biermann, nachdem er in Köln ein umjubeltes Konzert gegeben hatte, ausgebürgert. Damit, so Krampitz, ging nicht nur bei Intellektuellen, sondern auch in der Bevölkerung das letzte Vertrauen, dass alles besser werden könnte, in die Brüche. Der Erosionsprozess war fortan nicht mehr aufzuhalten. Die Folgen sind bekannt.



Karsten Krampitz: Der Fall Brüsewitz. Staat und Kirche in der DDR. Verbrecher Verlag, 480 Seiten, 29 €