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US-Museen abseits des Massenbetriebs
Anti-Fast-Food-Sehen amerikanischer Museen

„Crystal Bridges“ in Bentonville: Alice Walton, Erbin des Walmart-Konzerns, ließ dort einen Komplex aus Kunstmuseum, Skulpturengärten und Springbrunnen gezielt ins Nirgendwo der Wälder von Arkansas setzen. 
„Crystal Bridges“ in Bentonville: Alice Walton, Erbin des Walmart-Konzerns, ließ dort einen Komplex aus Kunstmuseum, Skulpturengärten und Springbrunnen gezielt ins Nirgendwo der Wälder von Arkansas setzen.  FOTO: dpa / Christina Horsten
New York. Kunst wird in USA häufig wie Fast-Food konsumiert: Touristen schieben sich durch Ausstellungen und haken bekannte Werke ab. Museen abseits der Massen halten dagegen und versprechen Muße.

(dpa) Wer van Goghs „Sternennacht“ erleben will, sieht im vierten Stock des Museum of Modern Art erstmal dies: Köpfe von hinten, Handy-Displays. Das berühmte Gemälde im MoMA gehört zu New Yorks touristischem Pflichtprogramm. Aber im täglichen Gedränge geht es kaum noch darum, Kunst mit ausreichend Platz und Ruhe auf sich wirken zu lassen. Es geht ums Abhaken.


 Das MoMA ist so hoffnungslos überfüllt, dass inzwischen zu sogenannten „Quiet Mornings“ geladen wird –  ab 7.30 Uhr morgens, um den Massen zu entgehen. „Es wäre viel besser für alle, wenn Besucherzahlen verringert oder geregelt würden und von uns allen anständige Stille erwartet würde“, schrieb die „Financial Times“ im Januar zu überlaufenen Kunstmuseen in Paris, New York oder Amsterdam.

 Genau mit diesem Ansatz versucht sich das Glenstone Museum in Potomac, Maryland. Eine knappe Autostunde vor Washington führt eine Landstraße durch amerikanische Idylle, auf einem Hügel hinter der Einfahrt sitzt eine Dinosaurier-Skulptur von Jeff Koons, bald steht man vor einem Richard Serra. Kunst und ihre Betrachter müssen atmen, meinen die Betreiber. Der Besuch in Glenstone ist kostenlos, muss vorab aber online angemeldet werden. Ziel sei ein „ruhiges, nicht überfülltes“ Erlebnis von Kunst, der Architektur des Museums und der umliegenden Landschaft. Die Formel „Kunst plus Park“ ist keine amerikanische Erfindung. In Deutschland locken die Museumsinsel Hombroich bei Neuss oder der Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal weg aus den Großstädten. Aber in den USA, dem Land ewiger Weite, bekommt Kunst in der Fläche noch eine andere Geltung.



 Im Storm King Art Center zum Beispiel, das mit mehr als 200 Hektar eine Fläche von etwa 280 Fußballfeldern überspannt. In Hügellandschaften und auf Wildblumenwiesen wurden in den vergangenen 50 Jahren Arbeiten von mehr als 80 Künstlern gezeigt, darunter Alexander Calder, Sol LeWitt, Roy Lichtenstein und Nam June Paik. Storm King liegt etwa eine Autostunde nördlich von New York im Hudson Valley. Wer dem Hudson weiter nach Norden folgt, steht im Ort Beacon bald vor einem Backstein-Industriebau, in dem Keks-Hersteller Nabisco einmal Kartons fertigen ließ. Eingezogen ist dort das Museum der Dia Art Foundation. In den weitläufigen Räumen ist die Crème de la Crème zeitgenössischer Kunst zu sehen: Walter De Maria, Dan Flavin, Gerhard Richter, Bruce Nauman. Als „Campus der jeweiligen Umwelt einzelner Künstler“ beschrieb der damalige Dia-Direktor Michael Govan das Museum 2003.

 Noch tiefer im Hinterland des Nordostens liegt das Massachusetts Museum of Contemporary Art. Das als Mass MoCA bekannte Haus nahm im April wie rund 100 weitere US-Museen an der Aktion „Slow Art Day“ teil, die weltweit zum langsamen, ruhigeren Gang durch Ausstellungen anregen will. Der Vorschlag: Besucher sollen in zehn Minuten nur fünf Kunstwerke betrachten (die übliche Verweildauer vor einem Kunstwerk liegt im Schnitt bei 15 bis 30 Sekunden) und dann gemeinsam darüber sprechen. 30 mit Muße erlebte Arbeiten hinterlassen einen viel bleibenderen Eindruck als der schnelle Marsch vorbei an 300 Meisterwerken im MoMA. „Man beginnt tatsächlich zu sehen, was man betrachtet“, sagte Psychologie-Professor James Pawelski der „New York Times“ einmal. 

Die bisher radikalste Ausprägung von Kunst in der Fläche heißt in den USA Crystal Bridges. Alice Walton, Erbin des Walmart-Konzerns und mit einem Vermögen von 40 Milliarden Dollar die reichste Frau in den Vereinigten Staaten, hat den Komplex aus Kunstmuseum, Wäldern, Skulpturengärten und Springbrunnen ins Nirgendwo des Südstaates Arkansas gesetzt. Der Ort heißt Bentonville, dort leben 47 000 Menschen.