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Kostenloser ÖPNV
Bus und Bahn sind für Städte billiger als viele Autos

Busverkehr ist letztlich für Städte preiswerter als der Individualverkehr. Die Belastungen treten aber vor allem indirekt beispielsweise über Lärm und Luftverschmutzung auf.
Busverkehr ist letztlich für Städte preiswerter als der Individualverkehr. Die Belastungen treten aber vor allem indirekt beispielsweise über Lärm und Luftverschmutzung auf. FOTO: bub / BECKER&BREDEL
Saarbrücken/Kassel. Die Idee eines kostenlosen ÖPNV ist weniger teuer als gedacht, zeigt eine Studie der Uni Kassel. Denn für Auto-Pendler müssen die Städte deutlich mehr zahlen als für Bus und Bahn. Die Bundesregierung hatte gegen die dreckige Luft einen kostenlosen ÖPNV ins Gespräch gebracht. Von Joachim Wollschläger
Joachim Wollschläger

Die Idee der Bundesregierung, zur Entlastung der Luft einen kostenlosen Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) einzuführen, hat unterschiedlichste Reaktionen aus Politik und Wirtschaft nach sich gezogen. Der Fraktionsvize der Grünen im Bundestag, Oliver Krischer, warf der Regierung Aktionismus vor. Das Problem schmutziger Luft werde dadurch nicht gelöst. Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg wiederum betonte, dass die Kommunen und Verkehrsbetriebe einen kostenlosen ÖPNV nicht finanzieren können. Während der verkehrspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Oliver Luksic, von einer „realitätsfernen Verzweiflungstat“ spricht, hält es Udo Recktenwald (CDU), Landrat von St. Wendel, für falsch, diese Vision von vorneherein als nicht umsetzbar abzulehnen“.



Diskussion neutral führen

Einen neutralen Blick innerhalb dieser Diskussion ermöglicht eine Studie der Uni Kassel. Der Verkehrswissenschaftler Carsten Sommer hat in einem Forschungsprojekt, das vom Bundesverkehrsministerium aus Mitteln des „Nationalen Radverkehrsplans 2020 gefördert wurde, die Frage untersucht, welche Kosten Verkehrsmittel wirklich verursachen. Demnach kostet der PKW-Verkehr in einer deutschen Großstadt die öffentliche Hand und die Allgemeinheit etwa dreimal so viel wie der ÖPNV.

„Für die Studie haben wir zwei Faktoren betrachtet, einerseits die direkten Einnahmen und Ausgaben, die in den Kommunen durch die verschiedenen Verkehre anfallen, andererseits in einem zweiten Schritt die externen Effekte.“

Bisher nur Neu- und Ausbau betrachtet



Direkte Einnahmen sind beispielsweise Fahrgeldeinnahmen im ÖPNV, Parkgebühren, aber auch Anwohnerbeiträge bei Straßenbauarbeiten. Denen stehen beispielsweise Sanierungskosten für die Straßen entgegen oder der Betrieb der Infrastruktur. „Bisher haben die Entscheider in Kommunen nur gefragt, was der Neu- oder Ausbau einer Straße oder eine Bushaltestelle kostet“, sagt Sommer. „Aber wer weiß schon, was eine Straße wirklich kostet?“ Die Studie hat dafür unterschiedlichste Faktoren berücksichtigt. So ist für den Betrieb einer Straße beispielsweise von Bedeutung, wie stark sie befahren wird, wie viel Oberflächenwasser durch ihre Versiegelung beseitigt werden muss und auch wie unfallträchtig sie ist. „Wir haben auch abhängig beispielsweise von Bürgersteig-Breiten oder Radwegen berechnet, wie die Kosten auf die jeweiligen Verkehrsarten umzulegen sind“, sagt er.

Lärm, dreckige Luft und Klimaschäden

In der Saarbrücker Innenstadt führt das hohe Verkehrsaufkommen häufig zu Staus.
In der Saarbrücker Innenstadt führt das hohe Verkehrsaufkommen häufig zu Staus. FOTO: BeckerBredel

Während direkte Kosten unmittelbar zu Buche schlagen, sind aber auch externe Kosten wie Lärm, Luftbelastung und Klimaschäden wichtige Faktoren. Drei Städte umfasst die Studie: Bremen, Kassel und Kiel. Am Beispiel Kassel rechnen die Forscher mit einem Zuschussbedarf für den städtischen Verkehr in Höhe von 71 Millionen Euro pro Jahr. 5 Millionen entfallen dabei auf LKW, 26 Millionen auf den PKW-Verkehr und 26 Millionen auf den ÖPNV. Bei den externen Kosten ermittelten die Forscher allerdings einen Zusatzaufwand von weiteren 73 Millionen Euro. Hier entfallen auf den LKW-Verkehr 9,5 Millionen Euro und den ÖPNV 3,5 Millionen Euro, der PKW-Verkehr dagegen schlägt mit 57,5 Millionen Euro zu Buche. Damit fallen für den Autoverkehr die dreifachen Kosten an, die die Kommunen für den ÖPNV zu tragen haben.

Kosten variieren je nach Stadt

Sommer, der an der Uni Kassel den Fachberech Verkehrsplanung und Verkehrssysteme leitet, betont, dass die Kosten je nach Stadt variieren. Beispielsweise hat Bremen durch die Häfen ein höheres Verkehrsaufkommen, außerdem berechnet die Stadt vergleichsweise wenig Parkgebühren, Kiel und Bremen wiederum haben deutlich mehr Radverkehr als Kassel. Mit den Methoden, die angesichts der Studie entwickelt wurden, könnten Kommunen sich aber faktenbasiert für oder gegen ein Projekt entscheiden.

City-Maut als direktere Steuerung

Bei einer volkswirtschaftlichen Betrachtung gewinnt ein kostenloser Nahverkehr vor dem Hintergrund der Studienergebnisse zwar an Attraktivität, Sommer gibt aber zu bedenken, dass es auch negative Effekte geben würde: „Beispielsweise würden auch mehr Fußgänger und Radfahrer dann den ÖPNV nutzen.“ Beim Kampf gegen schmutzige Luft hält Sommer eine City Maut für sinnvoller: „Dann haben sie zielgerichtet eine Belastung der Verursacher.“ Außerdem könnten die Städte über die Einnahmen den ÖPNV ausbauen.