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Nimes und die Antike
Aus Nîmes sind die Römer nie abgezogen

Das nagelneue Musée de la Romanité in Nîmes bildet auf über 3500 Quadratmetern die Römerzeit im antiken Nemausus ab.
Das nagelneue Musée de la Romanité in Nîmes bildet auf über 3500 Quadratmetern die Römerzeit im antiken Nemausus ab. FOTO: Service Communication / Stéphane Ramillon
Nimes. Die Tempel sind geschrubbt, das nagelneue Musée de la Romanité hat eine aufregende Fassade: Nîmes hat seine Vergangenheit aufpoliert. Von Christine Maack

Die Römer brauchten Wasser. Viel Wasser, über 40 000 Kubikmeter täglich. Die Brunnen mussten gespeist, die öffentlichen Toiletten gespült, die Thermen mit Frischwasser versorgt, die Wäsche gewaschen und die Handwerker bedient werden. Eine Gruppe Kelten, die am Randes des karstigen Ardèche-Gebirges hatte Zugang zu Wasser. Sie verehrten eine Quelle, die dem Gott Nemausus gewidmet war, und legten dort eine Siedlung an.


Kaum hatten die Römer um 120 vor Christus das heutige Südfrankreich erobert und zu ihrer Provinz gemacht, reklamierten sie diese Quelle für sich und bauten genau dort ihre neue Provinzstadt. Die Colonia Augusta Nemausus wurde im Jahr 27 vor Christus zu einem wichtigen Dreh- und Angelpunkt des Reiches ernannt. Heute heißt die Stadt Nîmes.

Veteranen aus den Kriegen des Kaisers Augustus, der sich damals noch Octavian nannte, wurden dort angesiedelt. Sie hatten sich an den Ägypten-Feldzügen gegen Marcus Antonius beteiligt und wurden dafür mit einem Stück Land bei Nemausus belohnt.



Einmal im Jahr taucht Nîmes tief in seine römische Geschichte ein. Nirgendwo sonst wird die Antike dermaßen professionell inszeniert wie in der alten Arena – von Gladiatorenkämpfen bis zu Wagenrennen bekommen die Besucher viel zu sehen.
Einmal im Jahr taucht Nîmes tief in seine römische Geschichte ein. Nirgendwo sonst wird die Antike dermaßen professionell inszeniert wie in der alten Arena – von Gladiatorenkämpfen bis zu Wagenrennen bekommen die Besucher viel zu sehen.

Die neue Stadt wuchs und wuchs, sie zählte über 23 000 Einwohner, besaß bedeutende Tempel, ein großes Forum und ein 133 Meter langes Amphitheater, in das 20 000 Zuschauer hineinpassten. Das Theater wurde aus Platzmangel direkt an die sieben Kilometer lange Stadtmauer angebaut, weil es sonst keinen freien Platz mehr in Colonia Nemausus gab.

Gegenüber des Musée de la Romanité steht die antike Arena von Nîmes. Zur Zeit der Römer fanden über 20 000 Zuschauer darin Platz.
Gegenüber des Musée de la Romanité steht die antike Arena von Nîmes. Zur Zeit der Römer fanden über 20 000 Zuschauer darin Platz.

Heute sieht das natürlich ganz anders aus, denn hinter dem Amphitheater erstreckt sich ein riesiger, freier Platz und gegenüber wurde eine breite Innenstadt-Lücke geschlossen. Mit einem nagelneuen Museum, dem Musée de la Romanité. Es war eine nicht unumstrittene Entscheidung der Stadtväter, dieses moderne Museum genau gegenüber der antiken Arena zu platzieren. Die Eröffnung wurde mit viel Pomp im Juni begangen, seitdem ist die hinter einer Plastikplane verborgene Fassade der Star-Architektin Elizabeth de Portzamparc in ihrer ganzen Pracht zu sehen. Die Architektin bestückte die Außenwände des kastenförmigen Betonbaus mit mehreren tausend weiß bedruckten Glasplättchen, die das Gebäude wellenförmig umspielen.

An manchen Stellen öffnet sich die Plättchen-Fassade wie das Auge eines Zyklopen und gibt den Besuchern im Inneren den Blick frei auf die 2000 Jahre älteren, massiven Steinblöcke der antiken Arena gegenüber.

Im Foyer empfängt die Besucher eine imposante Treppenanlage mit polierter Metallverkleidung. Die Museums-Räume sind offen und luftig angelegt, so dass die über 5500 Zeugnisse des römischen Lebens, die auf 3500 Quadratmetern ausgestellt sind, nicht aus dem Zusammenhang gerissen werden, egal, ob es Öllämpchen, Grabsteine, Mosaiken, Glasfläschchen oder Steinfiguren sind. Kinder können wie bei einem Computerspiel auf bunte Animationen zurückgreifen und bewegte Bilder anklicken, die das Leben der Römer detailgetreu abbilden.

Einen großen Raum nimmt auch die Wasserversorgung ein. Anhand von antiken Ton- und Bleirohren und mit Computeranimationen wird den Besuchern erklärt, wie es die Römer schafften, Wasser aus über 50 Kilometer Entfernung über Stock und Stein und mit Hilfe von mehreren Brücken bis nach Nemausus zu schaffen. Ein Teil dieser Wasserleitung ist das heute noch erhaltene kleine Stückchen des Pont du Gard.

Die Römer wären vermutlich völlig verblüfft, dass um dieses zufällig erhalten gebliebene Brückenteil ein solches Aufhebens gemacht wird, bis hin zum Unesco-Weltkulturerbe. Zumal es nicht einmal sauber ausgeführt wurde, denn es war ja ein reiner Zweckbau. Was man daran sieht, dass die quer liegenden Steinblöcke aus der Wand herausragen. An einem Prachtbau hätte man die Überstände natürlich beseitigt.

Wer seine Römer-Begeisterung etwas leidenschaftlicher als mit einem Museumsbesuch ausleben möchte, kann am ersten Maiwochenende zu den Grands Jeux Romains kommen, wenn aus ganz Europa verkleidete Legionäre, Gladiatoren, keltische Druiden, Händler, Tänzerinnen und militärische Befehlshaber anreisen und Nîmes in seine große Vergangenheit katapultieren.

In der Arena werden Gladiatorenkämpfe und sogar Wagenrennen veranstaltet, auf dem großen Platz dahinter schlagen die Hobbyrömer ihre Zeltlager auf.

Die französische Regierung hat in den vergangenen 20 Jahren viel Geld investiert, um die dunklen Gassen von Nîmes zu putzen, die geschwärzte Antike aufzupolieren und schicke Museen zu bauen. Das besagte Musée de la Romanité ist nur eines davon. Auch Norman Foster durfte in architektonische Zwiesprache mit den Römern treten, diesmal gegenüber dem Tempel, der in römischer Zeit auf dem Forum stand und von den Einwohnern einfach „Maison Carrée“, viereckiges Haus, genannt wird.

Foster lehnte sich beim Museumsentwurf stilistisch an antike Formen an, sein riesiger Beton- und Glasbau ähnelt einem hallenförmigen Tempel mitsamt den hohen Säulen vor dem Eingang. Auf dem Dach befindet sich ein angenehmes Restaurant, „Le Ciel de Nîmes“ genannt. Von dort aus hat man einen großartigen Blick auf das schneeweiß geputzte Maison Carrée. Wohin man blickt, hat sich die Antike mit der Moderne vermählt.

Auch Philippe Starck wollte da nicht zurückstehen und entwarf das Stadtwappen von Nîmes neu, das ebenfalls Bezug auf die Römer nimmt. Auf antiken Münzen fand man eine Palme und ein Krokodil, beide Symbole erinnern an die gewonnene Schlacht bei Actium im Jahr 31 vor Christus, als Octavian endgültig seinen Widersacher Marcus Antonius besiegte, der sich in Ägypten niedergelassen hatte.

Deshalb findet man an einigen Plätzen in Nîmes bis heute Palmen wie in Ägypten. Sogar einen Krokodilbrunnen gibt es. Beides passt eigentlich überhaupt nicht in die Provence. Doch was macht das schon? Palmen, Krokodile, Wasserleitungen und Tempel künden von der Macht der Römer – bis heute. Nîmes lebt gut von und mit der Vergangenheit. Die Zukunft sieht zwar absolut modern aus, irgendwie römisch ist sie trotzdem.