| 15:08 Uhr

Reise
Stadtrundgang zum blauen Wunder

Aushängeschild der Stadt Blaubeuren ist der Blautopf. Je nach Wetter- und Regenlage schimmert das Gewässer intensiv in Dunkelblau, Hellblau, Türkis oder Grün.
Aushängeschild der Stadt Blaubeuren ist der Blautopf. Je nach Wetter- und Regenlage schimmert das Gewässer intensiv in Dunkelblau, Hellblau, Türkis oder Grün.
Blaubeuren . Auf der Schwäbischen Alb lockt Blaubeuren mit seiner Blautopf genannten Quelle jedes Jahr tausende Touristen an. Von Sabine Mattern

Die Geschichte hat es mehr als gut gemeint mit dem kleinen Ort am Südrand der Schwäbischen Alb. Keine Feuersbrünste, keine Kriege, die in den verwinkelten Gassen und auf den belebten Plätzen Blaubeurens gewütet hätten, dessen Altstadt bis heute das makellose Antlitz des 15./16. Jahrhunderts trägt.


Als wäre das nicht genug, hat auch die Natur ihr Bestes getan, um der schönen Stadt im Osten Baden-Württembergs einen angemessenen Rahmen zu geben. Denn ganz idyllisch verteilen sich ihre Häuser im Talkessel der Urdonau, eingefasst von den waldreichen Höhen und bizarren Felsen einer Landschaft, die wandernd und radelnd entdeckt werden will.

Doch fürs Erste bleiben wir in Blaubeurens Altstadt, deren Sehenswürdigkeiten sich auf einem 1,5 Kilometer langen Rundgang Stück für Stück erkunden lassen. Den richtigen Weg zeigen dabei die goldenen Pfeile von 13 Stelen, die an markanten Punkten der Strecke installiert sind und Handybesitzern mittels QR-Code Wissenswertes über die einzelnen Standorte preisgeben.



Idealer Einstiegsort in den Rundkurs ist der Marktplatz im Ortszentrum, wo sich die Leute gern vor der Tür des schmucken „Gasthofs zum Löwen“ auf eine Erfrischung niederlassen. Und wo der Bürgermeister im turmgekrönten Rathaus seiner Arbeit nachgeht, einem fast 600 Jahre alten Gebäude, das wie die vielen anderen Fachwerkhäuser der Stadt Blaubeurens Lage an der Deutschen Fachwerkstraße erklärt.

Vom Rathaus folgt man erst der Kloster-, dann der Blautopfstraße, passiert das Tor des spätgotischen Klosters und landet wenige Schritte später vor Blaubeurens Aushängeschild: dem Blautopf. An der historischen Hammerschmiede macht sich ein schmaler Weg auf, das mystische Gewässer zu umrunden, das weder See noch Teich ist und bei längeren Regenpausen in Dunkelblau und Hellblau, in Grün und Türkis schimmert. Unaufhörlich drängt neun Grad kaltes Wasser durch den 22 Meter tiefen, trichterförmigen Schlund der Karstquelle nach oben – gespeist aus der Blauhöhle, die wie weitere Höhlensysteme der Schwäbischen Alb durch Niederschlag entstand, der im karstigen Grund des Gebirges versickerte.

Bei Windstille liegt der Blautopf ganz ruhig und seine glatte Oberfläche spiegelt die Umgebung wider: das Holzgeländer am Wegesrand, die Bäume des Waldes, der hinter der Quelle steil in die Höhe schießt, den Turm der Klosterkirche und das Fachwerk der Hammerschmiede, an der sich ein Mühlrad dreht. Während das glasklare Quellwasser geräuschvoll ins Bett der Blau strömt, folgt der Pfad dem Ufer des so neugeborenen Flüsschens durch schattiges Grün. Für ein Weilchen jedenfalls.

An einer Brücke verlässt die Altstadtroute die Welt der Blau und betritt das Mühlenviertel an der Klostermauer. Es geht nochmal zurück in die Blautopfstraße und dort durch das offene Tor in den weiten Hof des einstigen Benediktinerklosters, das im 11. Jahrhundert kurz vor der Stadt selbst gegründet und von den Mönchen zwischen 1466 und 1510 in der jetzigen Form erneuert wurde. Die Zeit der Ordensbrüder endete mit der Reformation, und aus der Anlage wurde eine evangelische Klosterschule und schließlich ein Internatsgymnasium.

Für Gäste besteht dennoch die Möglichkeit, einen Teil der mittelalterlichen Bauten zu besichtigen: den Kreuzgang, durch dessen Maßwerkfenster der Duft eines Kräutergartens weht, den Chor der Kirche mit seinem wertvollen Wandelaltar und das Badhaus der Mönche, in dem das Heimatmuseum seine Schätze ausstellt.

Vom Klosterhof zieht die Altstadtrunde durch die Aachgasse, die sich längst vom ärmlichen Gerberviertel zur exklusiven Wohnadresse gemausert hat, und weiter zum Kirchplatz. Kurz vor Ende der Tour lohnt hier unbedingt ein Besuch im Urgeschichtlichen Museum, das in den Räumen des einstigen Heilig-Geist-Spitals mit einer spannenden Ausstellung auf die Lebenswelt eiszeitlicher Jäger und Sammler blickt. Seine Schatzkammern zeigen 40 000 Jahre alte Kunstwerke, Musikinstrumente und Schmuckstücke. Darunter als älteste Menschenfigur eine winzige Frauenskulptur aus Mammutelfenbein: die Venus vom Hohle Fels, einer von drei eiszeitlichen Fundhöhlen im Achtal, die die Unesco 2017 auf die Welterbe-Liste setzte.