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Ein Minister sieht Weiß

Washington. Der grüne Streiter in Barack Obamas Kabinett, Steven Chu (61, Foto: afp), sieht "Weiß". Der US-Energieminister schlägt vor, rund um den Erdball die Dächer von Häuser in hellen Farben, am besten in Weiß anzustreichen. Auf den Straßen und Bürgersteigen sollte der dunkle Asphalt durch reflektierenden Beton ersetzt werden. Ein Klima-Scherz? Keineswegs Von SZ-Korrespondent Thomas Spang

Washington. Der grüne Streiter in Barack Obamas Kabinett, Steven Chu (61, Foto: afp), sieht "Weiß". Der US-Energieminister schlägt vor, rund um den Erdball die Dächer von Häuser in hellen Farben, am besten in Weiß anzustreichen. Auf den Straßen und Bürgersteigen sollte der dunkle Asphalt durch reflektierenden Beton ersetzt werden.


Ein Klima-Scherz? Keineswegs. Forscher des "Lawrence Berkeley National Laboratory", dessen Chef Chu vor seiner Berufung in die Regierungsmannschaft war, wiesen in ihrer neueren Forschung einen deutlichen Umwelteffekt nach. Eine farbliche Veränderung der Oberflächen in den 100 größten Städten der Welt könnte die Last an Treibhausgasen um 44 Milliarden Tonnen reduzieren.

Der Nobelpreisträger in Physik von 1997 berichtete seinen staunenden Wissenschafts-Kollegen bei einem Treffen in London, die Einsparungen könnten den CO2-Ausstoß kompensieren, der in etwas mehr als einem Jahrzehnt im weltweiten Straßenverkehr anfällt. "Das wäre so, als ob wir alle Autos für elf Jahre stilllegen würden."

Der Effekt, so der pfiffige Minister, sei ein doppelter. Einerseits reflektierte das "weiß" Sonnenlicht direkt zurück in die Atmosphäre, statt es zu absorbieren. Andererseits ließen sich in warmen Ländern zehn bis 15 Prozent der Kosten für Klimaanlagen einsparen. Beides trage dazu bei, die Erwärmung der Erde zu verlangsamen.

Der 1948 in St. Louis im US-Bundesstaat Missouri geborene Sohn chinesischer Einwanderer weist den Verdacht zurück, mit diesem kuriosen Vorschlag, von den eher mageren Klimaschutzzielen der USA ablenken zu wollen. Vielmehr sieht er darin einen von vielen Bausteinen, zu konkreten Ergebnissen zu kommen. "Wenn ich Herrscher der Welt wäre, würde ich das Pedal bis zum Boden durchdrücken, um Energie effizienter zu nutzen und zu sparen", erklärte der renommierte Physiker, der sich seit Jahren für ein CO2-Handelssystem "ohne Hintertüren" einsetzt.



Wiederholt versicherte Chu, die USA seien entschlossen, eine Vorreiterrolle beim Klimaschutz zu übernehmen. "Präsident Obama hat klar gestellt, dass die USA als erste handeln werden." Der Hinweis auf China und andere Verschmutzer sei kein gültiger Einwand mehr. Chu gehört auch nicht zu denen, die sich auf die Marktkräfte alleine verlassen wollen, sondern setzt sich für verbindliche nationale und internationale Regeln ein. Der Minister mit dem freundlichen Lächeln ist aber auch ein Realist. Er weiß, was im politischen System der USA möglich ist. Dazu gehört zuvorderst, dass nicht der Präsident, sondern der Kongress die Klimaschutzpolitik bestimmt. Seine Warnung vor einer "Über-Obsession" mit Zahlen versucht der Kritik an den Emissionszielen den Wind aus dem Segel zu nehmen. Während die Europäer die Treibhausgase bis zum Jahr 2020 um 20 bis 30 Prozent unter das Niveau von 1990 senken wollen, zeichnet sich im US-Kongress 17 Prozent als Kompromisslinie ab. Chu nimmt die Vorhaltungen der Umweltschützer gelassen. Es komme am Ende weniger darauf an, was auf dem Papier stehe. Wichtiger seien die tatsächlich erzielten Fortschritte.

Weshalb sich der clevere Energieminister nun Gedanken macht, wie er amerikanische Städte in ein Meer aus weißen Dächern und hellen Straßen verwandeln kann.