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"Die Missbrauchsopfer stehen weiter im Regen"

Norbert Denef
Norbert Denef FOTO: SZ
Saarbrücken. Norbert Denef (Foto: SZ) ist Sprecher des Netzwerks Betroffener von sexualisierter Gewalt. Mit ihm sprach gestern SZ-Redakteur Daniel Kirch.

Was hat sich im vergangenen Jahr aus Sicht der Opfer getan?


Denef: Es wurde viel geredet, aber es sind noch keine Taten gefolgt. Es wurde gesagt, die Opfer sollen ihr Schweigen brechen. Aber wenn sie das tun und die Verjährungsfrist abgelaufen ist, müssen sie mit einer Verleumdungsklage rechen. Wir haben Täterschutzgesetze. Die Verjährungsfristen müssen aufgehoben werden. Und wir müssen Opfern helfen, die ein Jahr und länger auf einen Therapieplatz warten. Da ist nichts passiert. Man streut der Gesellschaft Sand in die Augen. Die Betroffenen stehen weiterhin im Regen.

Es gibt immerhin einen Runden Tisch der Bundesregierung.



Denef: Bei dem Runden Tisch ehemaliger Heimkinder wurde vier Jahre lang geredet. Was unterm Strich herauskam, ist eine Verhöhnung der Betroffenen. Und da steuern wir mit dem Runden Tisch Sexueller Kindesmissbrauch auch hin. Die Vergangenheit hat gezeigt: Wenn die Politik Entscheidungen treffen will, auch über Milliarden, geht das innerhalb von 24 Stunden.

Was wäre aus Sicht der Betroffenen eine angemessene Entschädigung?

Denef: Entschädigung der Opfer sexualisierter Gewalt darf kein barmherziges Almosen sein. Eine sechsstellige Zahl, nach oben hin offen, wäre angemessen. Es geht ja nicht nur um das einzelne Opfer, sondern auch um Kinder und Ehepartner. Über die redet niemand.

Wie fällt Ihre Bilanz bei der Aufarbeitung nach einem Jahr aus?

Denef: Man bemüht sich überall sehr um Schadensbegrenzung. Bei der Kirche meint man, eine Million Entschädigung würde den Jesuiten wehtun. Da kann man doch nicht von "wehtun" sprechen. Dann muss man eben mal Kirchen und Einrichtungen verkaufen oder vielleicht sogar pleitegehen, um zu zeigen: Wir wollen aufarbeiten.