| 20:48 Uhr

Nachwuchsprobleme
18? 20? Weg! – Skat hat schlechte Karten

SZ-Redakteur Gerrit Dauelsberg zog beim Skat-Abend nicht nur gegen Walter Weiler (li.) den Kürzeren.
SZ-Redakteur Gerrit Dauelsberg zog beim Skat-Abend nicht nur gegen Walter Weiler (li.) den Kürzeren. FOTO: Oliver Dietze
Dillingen. Das traditionsreiche Spiel, das sogar zum Kulturerbe der Unesco zählt, wird vom Nachwuchs verschmäht. Zu Unrecht, wie ein Klub-Abend beim SC Massel Dillingen zeigt. Von Gerrit Dauelsberg

Meine Stunde ist gekommen. Das denke ich zumindest. Während sich meine Augen verengen und ich die zehn aufgefächerten Spielkarten in meiner Hand sortiere, gehe ich die Sache noch einmal durch: Zwei Buben, dazu noch die beiden höchsten – Kreuz und Pik –, drei Asse. Klare Sache. Grand. Das Spiel mit dem höchsten Grundwert im Skat. Nur Buben sind Trumpf. Ich rechne kurz nach: Mit zwei, Spiel: drei mal 24. Das sind... 72. So weit kann ich also reizen. Und so viele Punkte kann ich gewinnen. Mindestens. Das Spiel gehört mir, denke ich und blicke Waldemar Forster an, der mir gegenübersitzt. „18?“, sagt er. „Jo“, sage ich selbstbewusst. „20?“ „Ja“. „22?“ „Jo“. „Weg“, sagt Waldemar. Und auch Walter Weiler, der dritte am Tisch, winkt ab. Er schiebt mir die beiden verdeckten Karten von der Tischmitte zu, den Skat. Ich nehme die Karten auf und schiebe zwei andere in die Mitte. Ich „drücke“ sie, wie es im Fachjargon heißt. „Grand“, sage ich. Es kann losgehen. Ich allein gegen Waldemar und Walter. Vier Jahre Skat-Erfahrung gegen insgesamt 88 Jahre geballte Spielpraxis. Aber jetzt hoffe ich auf den großen Wurf.


Ich bin zu Gast beim Klub-Abend des SC Massel Dillingen. Der steigt an jedem ersten und dritten Freitag im Monat. Neben mir haben sich zehn Männer im Vereinsheim des VfB Dillingen versammelt. Sie alle könnten locker meine Väter sein. Waldemar, mein Kontrahent in der ersten von zwei Runden, ist heute mit 63 Jahren der Jüngste. Das ist bezeichnend. Im organisierten Skat gibt es massive Nachwuchsprobleme. Überall, auch im Saarland. Massel-Präsident Reinhard Meyer, der auch Vorstandsmitglied im Skatverband Rheinland-Pfalz/Saarland ist, führt mir das ganze Ausmaß der Sorgen vor Augen: „Wir haben nur noch zwei jugendliche Spieler im Saarland“, berichtet er. Die beiden Skat-„Küken“ sind 18 und 19 Jahre alt und spielen bei den Skatfreunden Stennweiler. „Im Zeitalter von Handy und Computer hat der Skat keine Chance.“ Dabei versucht der Verband so viel: Man fördert die Jugend, bietet Seminare an, geht an Schulen und veranstaltet dort Skat-AGs. Doch das nützt nur wenig.

Umso erfreuter sind heute Abend alle über meinen Besuch – auch wenn ich mit meinen 35 Jahren sicher auch nicht mehr als Jugend-Spieler durchgehe. Meine Skat-Fähigkeiten sind zudem bescheiden. Ich bringe es fertig, meinen Grand zu vergeigen. Das gibt reichlich Minuspunkte. Wie mir später wortreich erklärt wird, wird mir zum Verhängnis, dass einer meiner Gegner die beiden übrigen Buben hält. So konnte ich kaum gewinnen. Kurzum: Es war viel zu riskant, in Mittelhand Grand anzusagen. Außerdem: „Du hättest mindestens 14 Punkte drücken müssen“, erklärt mir Walter Weiler. Ich glaube ihm. Der 72-Jährige spielt seit 50 Jahren Skat. Aber er bringt viel Verständnis auf für Anfänger wie mich – wie alle an diesem Abend. Kein böses Wort fällt, wenn ich mal wieder einen Mitspieler ins Verderben geführt habe.



Nun bin ich dran mit Geben. Sorgfältig mische ich die Karten. Zu sorgfältig. „In Burbach hat sich schonmal jemand totgemischt“, sagt Walter spöttisch. Übersetzt: Ich soll endlich die Karten verteilen. Im Skat geht es fix zu. „Das ist das zweitschnellste Spiel nach Eishockey“, erklärt mir Walter und nimmt seine Karten auf. „18“, sagt er. Waldemar ist weg. „Du passt zu schnell“, sagt Walter. „Hast du Maurer gelernt?“, fragt er ihn. Solche Sprüche gehören dazu. „Mauern“ beschreibt eine extrem defensive Spielweise, bei der man den Gegnern die allermeisten Alleinspiele überlässt und lieber mit dem dritten Mann am Tisch im Team spielt. Skat – das ist immer zwei gegen einen. Auch ich verzichte jetzt weitgehend auf Solo-Spiele. Meine Karten sind mies, und das Grand-Fiasko hat seine Spuren hinterlassen. Doch meine vorsichtige Spielweise nützt mir nichts. Schnell liege ich weit hinten und beschließe Runde eins auf Platz drei von drei. Walter macht mir Mut: „Schön gespielt, hast wenig Fehler gemacht“, sagt er, als er vom Tisch aufsteht. Und ein letzter Tipp: „Wichtig ist, beim Solospiel immer schön Trumpf anspielen.“

Fallstricke bietet das Spiel genug. Skat ist komplex. Massel-Spieler Reiner Junghans, Saarlandmeister von 2017, veranschaulicht das wie folgt: Statistisch gesehen müsste man 1000 Jahre ununterbrochen spielen, um alle Konstellationen einmal zu erleben. Es gibt 2 753 294 408 504 640 mögliche Kartenverteilungen, also mehr als 2,75 Billiarden. Die Kunst ist es, den Überblick zu behalten: Wer hat wie gereizt? Welche Karten wurden schon gespielt? Was hat mein Partner noch auf der Hand? Welche Karte muss ich also aus­spielen? Könnern fällt das leicht, mir raucht nach wenigen Stunden der Kopf. Doch gerade diese Komplexität ist es, die Skat ausmacht: „Es ist ein faszinierendes Spiel mit vielen Möglichkeiten“, sagt Meyer.

Der Präsident sitzt in Runde zwei mit mir an einem Tisch. Der 72-Jährige spielt seit 55 Jahren Skat. Der dritte Mann ist Jürgen Seger. Der 75-Jährige ist sogar schon seit 62 Jahren aktiv. „Und ich kann es immer noch nicht richtig“, scherzt er. Das stimmt natürlich nicht. Mit dem traditionellen „Gut Blatt“ beginnt die Runde. Die Karten fliegen in die Mitte. Es geht rasant zu – eben fast wie beim Eishockey. Für mich manchmal zu schnell. Gerade habe ich ein gemeinsames Spiel mit Jürgen gegen Reinhard verloren. Wir sind „Schneider“, haben also 30 Punkte oder weniger von 120 gewonnen. Jürgen erklärt mir, warum: Beim dritten Stich hätte ich mit der Kreuz 10 „schmieren“ müssen. Ich kann mich an den Stich schon gar nicht mehr erinnern. Die Serie endet für mich wie die vorherige: abgeschlagen auf Platz drei.

Es ist inzwischen fast Mitternacht. Gut viereinhalb Stunden Skat liegen hinter uns. Zeit, in die Zukunft zu blicken: Wird es Skat in 30 Jahren noch geben? Reinhard Meyer überlegt. „Es wird das Spiel dann schon noch geben“, sagt er. Immerhin habe die Unesco Skat als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Eine andere Frage sei, ob das Spiel künftig noch in der organisierten Form wie heute existieren wird. Denn noch gibt es Skatvereine, einen Ligabetrieb und Meisterschaften. Doch der Trend sei klar, sagt Reinhard Meyer: „Vereine lösen sich auf, Mitgliederzahlen sinken.“ Im Saarland gebe es nur noch etwa 160 aktive Spieler. „Auch wir werden irgendwann den Betrieb einstellen müssen“, sagt er mit Blick auf Massel Dillingen, mit acht Saarlandmeisterschaften der erfolgreichste Klub im Land. 19 Mitglieder sind dem Verein noch geblieben. Und so lange es geht, werden diese weiter reizen, schmieren und stechen. In der Liga, bei Meisterschaften oder auch beim Klub-Abend an jedem ersten und dritten Freitag im Monat.