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Mehr als Abitur und Hauptschule

Mehr als Abitur und Hauptschule

Mohammed Ramadan erklärt Flüchtlingen im Saarland das Bildungssystem.

Zwei Stunden lang wirkt Mohammed Ramadan wie ein Schwimmer, der gegen die Strömung schwimmt. Seit dem frühen Morgen erklärt er im Berufsbildungszentrum (BBZ) in Merzig vor 16 Schülern das deutsche Schulsystem, die verschiedenen Ausbildungswege, die Möglichkeiten einer dualen Ausbildung und eines Studiums. Schaubilder zeigen, was man mit Hauptschulabschluss und mittlerer Reife erreichen kann. Und Ramadan erläutert das Internet-Portal der Arbeitsagentur mit all den Informationsmöglichkeiten.

Die Reaktion der Schüler der Flüchtlingsklasse bleibt verhalten. Kaum einer macht sich Notizen. Nur hier und da gibt es Fragen zu einzelnen Berufen. "Das ist normal", sagt Ramadan. "Bei der ersten Veranstaltung sind die Schüler noch überfordert. Und wollen meist auch nicht fragen, wenn sie etwas nicht verstehen." Der Flüchtlingsberater der Arbeitsagentur hat diese Erfahrung schon häufiger gemacht. Als er dann aber die Informationen auf Arabisch wiederholt, läuft alles anders ab: Nun stellen die Schüler Fragen, haken nach. Jetzt trauen sich auch die bisher schüchternen Mädchen, Informationen zu ihren Berufswünschen einzuholen.

Ramadan steht für ein neues Angebot der Agentur für Arbeit. Die bietet seit September eine Berufsorientierung für Flüchtlinge an, mit der junge Asylsuchende in Kontakt mit dem deutschen Bildungssystem kommen sollen. Ramadan, der selber 2001 aus Palästina nach Deutschland gekommen ist und Wirtschaftsingenieurwesen an der Saarbrücker Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) studiert hat, weiß, wie schwer es ist, im Land anzukommen. "Ich habe zwar schnell Deutsch gelernt, trotzdem war das Studium eine Herausforderung."

Wichtig findet er, dass die zumeist syrischen Flüchtlinge die Unterschiede zwischen dem deutschen und ihrem heimischen Bildungssystem verstehen. Hauptunterschied sind die abgestuften Abschlüsse. Während es in Syrien nur den Hauptschulabschluss und das Abitur gibt, eröffnet in Deutschland schon die mittlere Reife viele Möglichkeiten vor allem in der dualen Ausbildung. "In Syrien will jeder Abitur machen", sagt Ramadan. "Das ist normal." Er wirbt für die Alternativen: "Ihr wollt Automechaniker oder Zahntechniker werden. Richtig?", fragt er provokativ in die Klasse, weil das in Syrien beliebte Berufe sind. "Es gibt aber noch viel mehr: Ihr könnt im Handel arbeiten oder in Gesundheitsberufen." Ramadan wirbt ausdrücklich für die duale Ausbildung: "Das ist eine Basis, mit der Ihr Euch entwickeln könnt", sagt er. Auch ein späteres Studium sei möglich.

Vom Studium, aber auch der Ausbildung, sind die Schüler jedoch noch weit entfernt. Sie besuchen alle eine der sechs sogenannten Vorklassen am BBZ in Merzig. In dieser Klasse geht es nach Auskunft der Klassenlehrerin Sonja Al-Samaraie erst einmal darum, die Sprache zu lernen. Angestrebt sei B2-Niveau, bei denen die Schüler auch komplexe Zusammenhänge verstehen können. "Wenn sie später auf die Berufsschule wollen, ist das Voraussetzung", sagt Al-Samaraie. Zwei Jahre seien dafür im Schnitt nötig. Ihrer Erfahrung nach würde dann die Hälfte der Schüler mittlere Reife machen, je ein Viertel Fachabitur und Hauptschulabschluss.

Nach der dreistündigen Informationsveranstaltung lädt Ramadan die Schüler noch einmal zu Einzelgesprächen, in denen er mit ihnen ihre Berufsideen bespricht. Und dann auch erklärt, was in Deutschland anders ist. Dass beispielsweise der Kfz-Mechatroniker neben Mechanik auch Elektronik einschließt. Und dass für ein Medizinstudium nicht nur Abitur, sondern auch sehr gute Noten notwendig sind.

Aktuell besucht der 34-jährige Berater vor allem berufsbildende Schulen. Eine Ausweitung auf die allgemeinbildenden Schulen ist aber geplant. Auch bei diesen Schulen sei die Nachfrage nach Berufsorientierung sehr groß, teilt die Arbeitsagentur mit. Doch auch in Merzig ist es mit den drei Stunden Information noch lange nicht getan: "Das war nur ein erster Kontakt. Wir werden das noch mit weiteren Veranstaltungen vertiefen", sagt Ramadan.