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Wenn Wut und Angst in Terror enden

Wenn Wut und Angst in Terror enden

Athen. Selbst alte, überzeugte Anarchisten haben Angst. Angst vor dieser neuen Generation, diesem allzu radikalen Teil der unzufriedenen griechischen Jugend, der seit zwei Jahren immer härter und rücksichtsloser agiert

Athen. Selbst alte, überzeugte Anarchisten haben Angst. Angst vor dieser neuen Generation, diesem allzu radikalen Teil der unzufriedenen griechischen Jugend, der seit zwei Jahren immer härter und rücksichtsloser agiert. "Diese jungen Leute haben das Vertrauen in die Politik verloren und haben eine ungeheure Wut auf das System", sagt einer, der seit Jahrzehnten in der Szene in Athen bekannt ist. Seinen Namen will er nicht genannt wissen.

Die erste große Gewaltwelle erschütterte das Land, nachdem im Dezember 2008 ein Polizist einen 15-Jährigen gezielt erschossen hatte. Wochenlang zerstörten Vermummte daraufhin Geschäfte und Banken in Athen und anderen griechischen Städten. Es war ein Fanal. Seither greifen immer mehr radikalisierte Griechen zur Waffe oder zu selbst gebastelten Bomben. Im Juni dieses Jahres schließlich detonierte eine Briefbombe in den Händen eines Sekretärs des griechischen Ministers für Öffentliche Ordnung. Der Mann starb. Für Schlagzeilen sorgte das bislang vor allem im eigenen Land. Das ist jetzt anders: Seitdem mehrere Briefbomben an ausländische Botschaften in Athen verschickt wurden, seitdem eine Paketbombe im Berliner Kanzleramt eintraf, eine weitere in Bologna entschärft wurde, blickt die Welt auf Griechenland. Wer sind diese Terroristen, die die Regierungen in Europa in Alarmbereitschaft versetzen?

Die griechischen Experten sind sich weitgehend einig: Eine homogene linksextremistische Szene gibt es nicht. Auf der einen Seite sorgen Jugendliche für Aufruhr, die in dem krisengeschüttelten Land keinerlei Zukunftsperspektive sehen. Hinzu kommen Sprösslinge reicher Familien, die eine neue Gesellschaft wollen. In diesem See der Unzufriedenheit angeln verschiedene Untergrundorganisationen. "Der Sprung von der Straße und dem Molotow-Cocktail zur Bombe und dem Gewehr ist dann leicht", sagt der alte Anarchist. Verantwortlich für alles Schlechte und Böse sei in den Augen dieser jungen Leute das kapitalistische System Griechenlands und der EU.

"Ich muss sagen, sie sind sehr klug, aber auch sehr einfach. Sie haben weltweit Schlagzeilen gemacht und hoffen, Gleichgesinnte in Europa zu mobilisieren", sagte die Terrorexpertin Mairy Bossi gestern im griechischen Radio. "Sie sind fest davon überzeugt, der Untergang des Systems stehe unmittelbar bevor. Sie leben mit dieser Illusion. Und wenn sie festgenommen werden, glauben sie, dass sie Helden sind." In ihren Bekennerschreiben bezeichnet sich die Gruppe als "Stadtguerilla". Sie will den Sturz des Systems durch Terror und Chaos erzwingen. "Die Demokratie wird nicht siegen", steht in einem Schreiben aus dem Internet.