Das neue IT-Zentrum Cispa in Saarbrücken soll in den kommenden Jahren hunderte neuer Arbeitsplätze schaffen

IT-Zentrum Cispa : Der Job-Motor fürs Saarland

Das neue IT-Zentrum Cispa in Saarbrücken soll in den kommenden Jahren hunderte neuer Arbeitsplätze schaffen.

Ungezählte Wissenschaftspreise, eine Handvoll Sonderforschungsbereiche, der Zukunftspreis des Bundespräsidenten und eine Auszeichnung in der Exzellenzinitiative – die Liste der wissenschaftlichen Meriten der Saarbrücker Informatik ist lang. Extrem lang. Die kritische Masse allerdings, die nötig gewesen wäre, um im Saarland eine Kettenreaktion der Innovation in Gang zu setzen, kam dabei bisher nicht zusammen. Doch jetzt steht der nächste Schritt auf dem Weg ins Informatikland an, sagt Michael Backes. Der Informatik-Professor der Saar-Universität ist Gründungsdirektor des neuen Helmholtz-Zentrums für Informationssicherheit Cispa in Saarbrücken – und felsenfest überzeugt, dass mit dessen Endausbau in der zweiten Hälfte des nächsten Jahrzehnts alle Bedingungen erfüllt sein werden, damit das kleine Bundesland auch in wirtschaftlicher Hinsicht in der IT-Branche groß herauskommt.

Das ist eine Sicht der Dinge, die durchaus erklärungsbedürftig ist. Denn nicht jedem Saarländer ist das Cispa ein Begriff. Das liegt zum einen daran, dass es formal erst zwei Jahre alt ist. Und es hängt zum anderen mit der Geografie zusammen. An der Nordost-Ecke des Saarbrücker Campus’ der Saar-Uni liegt es nicht gerade im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Es wird zudem leicht mit einer Hochschul­einrichtung verwechselt, da sich der vierstöckige Bau eher unauffällig in die dort vorherrschende Institutsarchitektur einreiht. Tatsächlich ist das Cispa jedoch Keimzelle einer der 19 bundesweiten Großforschungseinrichtungen der Helmholtz-Gemeinschaft – und die einzige, die sich ausschließlich mit der Informatik befasst. Mit einem Jahresetat von 4,7 Milliarden Euro ist die Helmholtz-Gemeinschaft die größte Wissenschaftsorganisation des Bundes.

Das Cispa ist mit derzeit 180 Mitarbeitern noch ein recht kleiner Ableger in diesem Riesenverbund mit 38 000 Mitarbeitern. Das soll sich im nächsten Jahrzehnt allerdings deutlich ändern. Das Zentrum wachse aktuell um 50 Mitarbeiter jährlich, erklärt Michael Backes. „Im Endausbau werden wir mehr als 800 Mitarbeiter haben, möglicherweise bis zu 1000.“ Dann erreiche der Etat das geplante Volumen von über 50 Millionen Euro jährlich. Dazu kommen Drittmittel in zweistelliger Millionenhöhe. Das ist mehr als das Doppelte des Etats der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Saarbrücken. Die Zahl der Computerspezialisten am Standort Saarbrücken wird sich mindestens verdoppeln.

Das Cispa befasst sich wissenschaftlich mit dem wichtigsten Thema der Online-Welt. Es geht um grundsätzliche Fragen der IT-Sicherheit in allen Facetten, vom Schutz unserer Privatsphäre in sozialen Netzwerken bis zur Abwehr möglicher Online-Attacken aufs autonome Auto. Jüngstes Beispiel seiner Aktivitäten ist eine Forschungskooperation zur Sicherung von Patientendaten in der Medizin.

Die 2017 beschlossene Ansiedlung des IT-Sicherheitszentrums war ein Riesenerfolg für den Wissenschaftsstandort Saarland. „Dies ist jedoch viel mehr als ein weiterer wissenschaftlicher Leuchtturm im Saarland. Das wird ein Mehrwert für die Menschen  sein und eine treibende Kraft für den Strukturwandel“, erklärt Michael Backes. Der Cispa-Chef ist im Augenblick auf Saarland-Tour, um eine breite Öffentlichkeit auf die Entwicklungsmöglichkeiten seines Zentrums aufmerksam zu machen. Ein wichtiges Argument dabei ist der Industriepark, der in den kommenden Jahren rings um das Helmholtz-Zentrum entstehen soll.

Backes spricht von einem Zwiebelmodell. Rings ums Cispa sollen sich Firmen der IT-Sicherheitsbranche ansiedeln, die zum Beispiel in Forschungskooperationen gewonnenes Know-how vermarkten oder die aus dem Cispa heraus gegründet wurden. Zwei Beispiele gibt es bereits dafür: Das US-Unternehmen Symantec, einer der Weltmarktführer für Sicherheitssoftware, und die ZF Friedrichshafen AG wollen in Saarbrücken Technologiezentren aufbauen – mit zusammengenommen bis zu 150 Stellen. Zur möglichen Gesamtzahl späterer Arbeitsplätze im Umfeld des Cispa will Michael Backes nicht spekulieren. „Es werden viele sein.“

In jedem Fall denkt der Cispa-Chef in sehr großen Dimensionen. „Wir werden viel Platz brauchen.“ Er geht von einem Industriepark von zehn Hektar Größe im Endausbau aus – allerdings auch davon, dass der nicht in Rufweite neben der Universität angesiedelt werden kann. Dort gebe es zu wenig geeignete Flächen. Einfach zu erschließen müsse das neue Areal sein und „in der Nähe des Zentrums liegen“, es müsse „eine starke Anbindung haben“, Maximalentfernung ein Dutzend Kilometer. Meint er Saarbrücken oder St. Ingbert? Es gebe einige Vorstellungen und auch Vorschläge, aber bisher keine Entscheidung. Mehr will Michael Backes nicht verraten. Von Ideen, IT-Forschung per Videokonferenz oder Mailaustausch zu organisieren, hält der Informatik-Professor  übrigens nichts. „Gute Forschungsansätze ergeben sich oft durch Gespräche an der Kaffeemaschine.“ Und aus guten Forschungsansätzen ergäben sich dann auch gute Geschäftsideen.

Die über 800 Informatiker, die der „Cispa Helmholtz Inovation Campus“ im Kern des neuen IT-Konstruktes beschäftigen soll, werden mutmaßlich zur Hälfte aus Deutschland kommen, die andere Hälfte aus allen anderen Teilen der Welt. Das Cispa sondiere derzeit, ob Kooperationen mit Hochschulen in anderen Ländern möglich sind. Es sei allerdings auch bei weltweiter Suche schwierig, derart viele geeignete Bewerber für die sehr speziellen Forschungsthemen zur IT-Sicherheit zu finden. Die Studenten und Doktoranden werden im Schnitt vier Jahre mit ihrer Forschung am Cispa beschäftigt sein und verlassen dann das Helmholtz-Zentrum. Aber bitte nicht das Saarland. Sie sollen mit ihren Forschungsergebnissen weitere Firmen im Umfeld des Cispa gründen und diese Start­ups werden wiederum zusätzliche  Arbeitsplätze in anderen Branchen generieren. So sieht die Vision des Michael Backes zum Strukturwandel im „Saar Valley“ aus.

„Herkommen, hier leben, hier bleiben“, heißt das Motto, nach dem der weltweite IT-Nachwuchs ins Saarland gelotst werden soll, um ihn dann zu Saarländern zu machen. Dafür müsse eine Infrastruktur geschaffen werden, die sowohl Studenten nutzen können, die nur ein Zimmer suchen, als auch Professoren und Doktoranden, die mit Kind und Kegel kommen. Michael Backes spricht von „Cispa Villages“ mit mehreren hundert neuen Wohneinheiten, die dem IT-Nachwuchs ein Zuhause bieten sollen. Dafür gebe es viele Ansätze, aber die seien noch nicht koordiniert. In jedem Fall freue er sich über die „volle Unterstützung der Landesregierung und des Saarbrücker Rathauses“. Das sei einer der großen Vorteile des Saarlandes: „Wir können das sehr viel schneller umsetzen als ein riesiges Bundesland.“ Das gelte auch für den bereits beschlossenen Aufbau der internationalen englischsprachigen Schule, die im Umfeld des Helmholtz-Zentrums entstehen soll.

Das Cispa wird im Saarland direkt und indirekt viele neue Arbeitsplätze schaffen, sagt Michael Backes voraus. Foto: Robby Lorenz
Der Gründungsdirektor des Cispa will in den nächsten Monaten in öffentlichen Veranstaltungen für seine Zukunftsideen werben. Foto: Robby Lorenz

Die Ansiedlung des Informatik-Zentrums der Helmholtz-Gemeinschaft in Saarbrücken bedeutet weit mehr als nur den Aufbau eines neuen Forschungsschwerpunkts. Unter diesem Motto will Michael Backes möglichst noch in diesem Jahr  – geplant ist unter anderem eine Großveranstaltung in der Saarlandhalle – so vielen Zuhörern wie möglich erklären, welche Chancen er im IT-Großprojekt sieht und dabei auch ein wenig Nachwuchswerbung für sein Arbeitsgebiet betreiben. Der Cispa-Chef plädiert für eine Schulreform. „Computing“ müsse als eigenständiges Schulfach im Saarland etabliert werden, fordert der Informatiker. „Denn dieses Wissen wird in zehn Jahren entscheidend für den Erfolg im Berufsleben sein.“ Entscheidend für die Ansiedlung des Cispa im Saarland war es allemal.

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