Auf Eskalationskurs

Peking. Täglich neue Drohungen, täglich forsche Antworten: Die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel spitzen sich weiter zu. Mit einem schnellen Schlagabtausch von Machtdemonstrationen versuchen Nordkorea auf der einen Seite und Südkorea sowie die USA auf der anderen Seite einander einzuschüchtern

Peking. Täglich neue Drohungen, täglich forsche Antworten: Die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel spitzen sich weiter zu. Mit einem schnellen Schlagabtausch von Machtdemonstrationen versuchen Nordkorea auf der einen Seite und Südkorea sowie die USA auf der anderen Seite einander einzuschüchtern. Pjöngjang erklärte am Wochenende den Kriegszustand gegenüber Südkorea und kündigt an, sein Atomwaffenarsenal stark ausbauen zu wollen. Die US-Luftwaffe schickte daraufhin Jagdflugzeuge vom Typ F-22 von Japan nach Südkorea und kündigte laut US-Medien an, einen mit Raketen bestückten Zerstörer in die Konfliktregion zu beordern. Auch Südkoreas neue Präsidentin Park Geun Hye, die im Wahlkampf noch versöhnliche Töne gegenüber dem Norden angeschlagen hatte, versuchte gestern, Stärke zu zeigen. "Wenn es zu Provokationen gegen unsere Bevölkerung oder unser Land käme, sollten wir ohne jede politische Überlegung schon in einem frühen Stadium stark reagieren", erklärte Park nach einem Treffen mit ihrem Sicherheitsstab.

Bisher beschränkt sich der Konflikt allerdings auf militärisches Säbelrasseln. Pjöngjangs dramatische Kriegserklärung hat keine konkreten Auswirkungen, denn formell befinden sich die beiden Koreas ohnehin im Kriegszustand. Seit dem Ende des Korea-Kriegs 1953 gilt ein Waffenstillstandsvertrag. Dessen Aufkündigung hat Nordkorea zwar mehrfach angedroht, bisher aber nicht wahr gemacht.

Trotzdem sorgt die Kriegsrhetorik von Diktator Kim Jong Un in Seoul für Beunruhigung. Verteidigungsminister Kim Kwan Jin erklärte gegenüber koreanischen Medien, eine "bewaffnete Provokation" des Nordens sei nicht auszuschließen. Man bereite sich auf alle Eventualitäten vor. Das letzte Mal, das Pjöngjang seinen Drohungen Taten folgen ließ, war im November 2010. Damals nahm Nordkoreas Armee die südkoreanische Insel Yeonpyeong unter Beschuss und tötete vier Menschen.

Die Spannungen eskalieren, seitdem Pjöngjang im Dezember eine Langstreckenrakete und im Februar zum dritten Mal eine Atombombe getestet hat. Der Uno-Sicherheitsrat reagierte darauf mit Sanktionen. Südkorea und die USA hielten gemeinsame Manöver ab. Vergangene Woche hatte das Pentagon bereits zwei atomwaffenfähige Tarnkappenbomber über Südkorea fliegen lassen.

Um zu beurteilen, wie ernst Pjöngjangs Drohungen zu nehmen sind, beobachten Südkoreas Medien die Aktivitäten in der gemeinsamen Industriezone Kaesong. Der Firmenpark, in dem Nordkoreaner für südkoreanische Unternehmen Textilien oder Autoteile herstellen, liegt auf nordkoreanischem Territorium und ist für das Regime eine wichtige Devisenquelle. Die Produktion sei von den politischen Spannungen bisher nicht beeinträchtigt, erklärte das Wiedervereinigungsministerium in Seoul. Dies könnte ein Zeichen dafür sein, dass Kim Jong Un mit seinem martialischen Gebaren vorrangig innenpolitische Ziele verfolgt. In dem wirtschaftlich desolaten Land ist es seit jeher üblich, für interne Probleme die "imperialistischen Feinde" in Südkorea und den USA verantwortlich zu machen. Am Sonntag erklärte Pjöngjangs offizielle Nachrichtenagentur KCNA, das Politbüro der kommunistischen Arbeiterpartei habe eine neue Entwicklungspolitik beschlossen, mit der der Aufbau der Wirtschaft und der Atomstreitmacht gleichzeitig betrieben werden solle.

In den USA wird derweil darüber spekuliert, ob Nordkorea bei seinem jüngsten Atomtest erstmals eine Uranbombe gezündet haben könnte. Einem Bericht der "Washington Post" zufolge haben Experten bisher vergeblich versucht, genügend radioaktive Partikel in der Atmosphäre einzusammeln, um eindeutige Aussagen über die Beschaffenheit der Bombe treffen zu können. Dies weist auf eine außerordentlich gute Abdämmung des unterirdischen Versuchstunnels hin, und damit auf besondere Geheimhaltung. Die Aussicht, dass Pjöngjangs Physikern der Bau von Uranbomben gelungen sein könnte, schüre bei Sicherheitspolitikern Sorgen vor einer möglichen Nuklearkooperation zwischen Nordkorea und dem Iran, so die "Post". Teheran treibt ebenfalls seit Jahren die Urananreicherung voran. Außerdem könnte Nordkorea dank seiner reichen Uranvorkommen unbehelligt von internationalen Sanktionen ein beträchtliches Atomwaffenarsenal aufbauen. Pjöngjangs Plutoniumvorräte dürften dagegen nur für den Bau von zehn bis zwanzig Bomben reichen und schrumpfen zudem mit jedem Atomtest.

Meinung

Durchschaubarer Bluff

Von SZ-Mitarbeiter

Bernhard Bartsch

Wünscht sich Kim Jong Un wirklich Krieg? Seit Wochen lässt Nordkoreas Diktator die Säbel rasseln, jeden Tag ein bisschen lauter. Doch Kims Kriegslust ist ein leicht durchschaubarer Bluff. Der Kriegszustand auf der Halbinsel herrscht auch ohne seine Erklärung, weil die beiden Länder nach dem Korea-Krieg 1953 nur einen Waffenstillstand schlossen. Zu einem Atomschlag auf die USA ist Nordkorea derzeit technisch nicht in der Lage. Und ein Krieg mit den USA wäre für das Regime politischer Selbstmord.

Hinter Kims Kriegstreiberei dürften vor allem innenpolitische Motive stecken. Das Regime braucht das Feindbild der USA, um seinem Volk den desolaten Zustand des eigenen Landes zu erklären. Doch viele Eskalationsstufen hat Kim nicht mehr übrig. Bliebe nur noch ein Angriff auf Südkorea. Doch das Risiko wäre für Nordkorea ungleich größer, so dass Kim davor zurückschrecken dürfte.

Rückschau

Nordkorea hat in den vergangenen Jahren mehrfach massive Drohungen ausgestoßen. Zuletzt kündigte das Regime fast täglich Militärschläge gegen die USA und Südkorea an.

31. März 2013: "Die Atomstreitmacht der Volksrepublik stellt das Leben der Nation dar." Das Atomwaffenarsenal solle erweitert werden, "solange die Imperialisten und Nukleardrohungen auf der Welt existieren". (Diktator Kim Jong Un laut Staatsmedien)

30. März 2013: "Von diesem Moment an werden die Nord-Süd-Beziehungen in einen Kriegszustand versetzt und alle Angelegenheiten zwischen beiden werden gemäß den Vorschriften für Kriegszeiten erledigt." (Regierungserklärung)

29. März 2013: "Es ist angesichts der bestehenden Lage an der Zeit, eine Rechnung mit den US-Imperialisten zu begleichen." (Kim Jong Un laut Staatsmedien)

27. März 2013: "In der Situation, in der jeden Moment ein Krieg ausbrechen kann, ist die Nord-Süd-Kommunikation nicht mehr nötig." (Delegationsleiter für die Militärgespräche mit Südkorea kündigt Kappung der militärischen Telefonleitung zum Süden an.)

7. März 2013: "Weil die USA einen Atomkrieg entfachen wollen, werden wir unser Recht auf einen nuklearen Präventivschlag gegen das Hauptquartier der Aggressoren wahrnehmen." (Sprecher Außenministerium) dpa