Die Müsli-Hasser von London

Die Müsli-Hasser von London

Am Wochenende attackierten hunderte Menschen ein Müsli-Café im Londoner Osten, um gegen die Gentrifizierung, den Strukturwandel der Gegend zu demonstrieren. Das „Cereal Killer Café“ ist durch seine hohen Preise für eine Schüssel Getreideflocken zum Symbol der negativen Entwicklung geworden.

Frühstücksflocken sind am Wochenende das Ziel eines Anschlags in London geworden. An den Fenstern eines Cafés im Londoner Osten, in dem ausschließlich Müsli angeboten wird, zeugen noch immer Reste roter Farbe von der Attacke. Was aber können hunderte Demonstranten gegen Cornflakes haben? Den Protestlern geht es ums Prinzip, um Gentrifizierung , um den Wandel ihres Stadtteils. Dabei erscheint das Konzept des "Cereal Killer Café" erst einmal einfach, es folgt dem Trend zur Spezialisierung: Über 120 Arten Müsli aus der ganzen Welt plus unterschiedliche Milchsorten, Früchte und Toppings stehen zur Auswahl, sodass sich jeder Gast je nach Gusto sein Frühstück, Mittagessen oder auch seinen Abendsnack zusammenstellen kann.

Aus den Lautsprechern tönt 80er- und 90er-Jahre-Musik, die Deko hat sich ebenfalls dieses Jahrzehnt zum Vorbild genommen. Etliche Müsli-Schachteln, ob mit Cartoons verziert oder aus dem letzten Winkel der Welt, stehen aufgereiht an den Wänden - jedes Detail passt sich der farbenfrohen Popkultur an. Es handele sich um Getreideflocken-Erinnerungsstücke, die "unsere Kunden zurück in ihre Kindheit versetzen lassen", sagen Alan und Gary Keery, die beiden Gründer aus dem nordirischen Belfast. Die 33-jährigen Zwillinge könnten also zufrieden sein, aber das sind sie nur bedingt. Das liegt zu gewissen Teilen daran, dass sie ganz offensichtlich dem Klischeebild des Hipsters entsprechen. Die vollbärtigen Männer feiern deshalb nicht nur Erfolge mit einem zweiten Café, sondern sind ein beliebtes Ziel von Gentrifizierungskritikern - wie jenen Demonstranten am Wochenende. Der Osten Londons war lange stolz darauf, vom Bauboom und der Aufhübschung der Stadt verschont geblieben zu sein. Die Eigenständigkeit des East Ends sollte erhalten werden, inklusive jener Gassen, in denen baufällige Häuser und ranzige Pubs an die Vergangenheit erinnerten, als Bandenkriege und die Unterwelt das Sagen hatten und arme Einwanderer hier ein neues Leben begannen. Doch der Platz wird zunehmend eng in der Metropole und irgendwann kamen die Kreativen und Coolen auch in die arme Gegend, am Ende zogen die Wohlhabenden nach. Das East End um die Brick Lane ist mittlerweile ein angesagtes Viertel, das schlägt sich sowohl in den Immobilienpreisen als auch im Erscheinungsbild der Gegend nieder.

Die Häuser wurden nach und nach saniert, Luxus-Apartments entstanden, schicke Boutiquen und trendige Restaurants setzten sich fest. Die alten Bewohner fühlen sich mittlerweile abgehängt. Die Armut steigt und viele werden in die Londoner Vororte verdrängt.

Für die Alteingesessenen ist das Frühstücksflocken-Café seit dessen Eröffnung vor gut einem halben Jahr zum verhassten Symbol dieser Entwicklung geworden. Immerhin kostet eine Schüssel Müsli umgerechnet mehr als fünf Euro. Also belagerte die anarchistische Gruppe "Class War", die die Kundgebung organisiert hatte, am Ende der Demonstration das Getreide-Flocken-Paradies.

Die Keery-Brüder sprechen von einer "Hexenjagd". Das Café sei weder der Grund für die Gentrifizierung noch könne es für eine Lösung sorgen, sagen die Gründer. Zudem komme der Protest mindestens ein Jahrzehnt zu spät. "Sich Eigentümer kleiner Geschäfte als Ziel auszusuchen, scheint faul angesichts der Eröffnung einer Versace-Boutique ein paar Straßen weiter." Doch offenbar hat es die Protest-Gruppe nicht auf die großen Investorenhaie oder Luxusfische abgesehen. Für kommendes Wochenende planen die Aktivisten im Viertel wieder eine Kundgebung. Dieses Mal will "Class War" gegen das umstrittene "Jack-the-Ripper-Museum" protestieren - es geht gegen die Glorifizierung sexueller Gewalt gegen Frauen.

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