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Der lange Kampf um den Everest-Rekord

Bergsteiger-Saison : Der lange Kampf um den Everest-Rekord

Lhakpa Gelu Sherpa bestieg in unter elf Stunden den höchsten Berg der Welt. Doch erst jetzt wurde diese Bestleistung anerkannt.

Nach zehn Stunden und 56 Minuten stand Lhakpa Gelu Sherpa auf dem Gipfel des Mount Everest. Seit seinem Aufbruch vom Basislager hatte er nur zwei Pausen gemacht: Einmal in Lager zwei, um Wasser zu trinken und einmal im letzten Lager vor dem Ziel, um seine Sauerstoffflasche aufzufüllen. 15 Minuten lang kostete er seinen Weltrekord auf dem höchsten Gipfel der Erde aus, dann stieg er wieder hinab.

Als Lhakpa Gelu in einem Café in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu seine Geschichte erzählt, ist das alles schon 16 Jahre her. Inzwischen lebt er in den USA und ist nur kurz zu Besuch in seinem Heimatland. Doch erst im März 2019 erkannte auch das Guinness-Buch der Rekorde die Leistung von Lhakpa Gelu an. „Schnellster Aufstieg des Everest (Südseite)“ steht nun auf der Internetseite des Guinness-Buchs, gemeinsam mit seinem Namen.

Lhakpa Gelu berichtet, wie er etwa 50 Kilometer südwestlich des 8848 Meter hohen Mount Everest aufwuchs, in einem Dorf mit dem Namen Kharikhola. Er gehört zu den Sherpa, die seit Jahrhunderten im Himalaya leben. Wenn Touristen aus dem Ausland den Berg auf der Grenze zwischen Nepal und dem von China verwalteten Tibet besteigen, helfen ihnen fast immer Einheimische. Sie sind an die Kälte und den knappen Sauerstoff angepasst und kennen sich gut in der Gegend aus.

Lhakpa Gelu erzählt, er habe bereits im Alter von 14 Jahren begonnen, Verpflegung und Zelte für Bergsteiger bis zum Basislager des Mount Everest zu tragen. Seine Schulausbildung hatte er nach der vierten Klasse abgebrochen, denn die nächste weiterführende Schule lag zwei Tagesmärsche entfernt. In seinem ersten Job verdiente Lhakpa Gelu umgerechnet etwa 20 Cent.

Die Besteigung des Mount ­Everest ist längst nicht mehr nur Extremsportlern vorbehalten. In der Saison, die nur wenige Wochen im April und Mai dauert, versuchen jedes Jahr Hunderte zahlende Touristen, den Gipfel auf nepalesischer Seite zu erklimmen und sich in ihren Leistungen gegenseitig zu überbieten. Seit der ersten Besteigung 1953 sind bereits mehr als 400 Kletterer bei dem Versuch ums Leben gekommen.

Als Lhakpa Gelu Touristen auf den Everest führte, lernte er zwei Kollegen kennen, sagt er: Kazi Sherpa und Babu Chhiri Sherpa. Ersterer bestieg den Mount Everest 1998 in 20 Stunden und 24 Minuten ohne künstlichen Sauerstoff, letzterer schaffte es zwei Jahre später in 16 Stunden und 56 Minuten.

Normalerweise dauert eine Expedition mindestens eine Woche. Lhakpa Gelu wagte 2003 einen eigenen Rekordversuch. „Als Bergsteiger war ich damals in meiner besten Verfassung“, erinnert er sich, „ich war selbstbewusst und stark“. Genau 50 Jahre nach der ersten Mount-Everest-Expedition gelang ihm die Bestleistung. Seine gesamte Expedition – Auf- und Abstieg – dauerte nur 18 Stunden und 20 Minuten. Doch lange konnte er seinen Erfolg nicht genießen. Ein Jahr später bestieg Pemba Dorje Sherpa den Mount Everest. Er behauptete, in nur acht Stunden und zehn Minuten den Gipfel erreicht zu haben. Ein Beweisfoto konnte er allerdings nicht vorzeigen. Obwohl das für Stirnrunzeln unter Bergsteigern sorgte, bescheinigten Nepals Tourismusamt und auch das Guinness-Buch der Rekorde Pemba Dorje den Titel als neuer Rekordhalter.

Lhakpa Gelu Sherpa arbeitet in Nepal als Bergführer. Foto: dpa/Deepak Adhikari

„Mein Ansehen stand auf dem Spiel“, erklärt der heute 52-jährige Lhakpa Gelu. Er nippt an seinem Kaffee und blickt aus dem Fenster auf die Dächer eines riesigen Klosters in Nepals Hauptstadt Kathmandu. Deswegen habe er einen Anwalt engagiert und den Fall jahrelang vor Gericht verfolgt, trotz aller Belastungen, die das mit sich brachte. Erst nach 13 Jahren, im November des Jahres 2017, erklärte Nepals oberstes Gericht den Rekord von Pemba Dorje für ungültig. Lhakpa Gelu erhielt seinen Titel zurück. „Endlich herrscht Gerechtigkeit“, sagt er. Ang Tshering Sherpa, ehemaliger Präsident des nepalesischen Bergsteigerverbands, bedauert, was vorgefallen ist. „Von Bergsteigern erwartet man, dass sie ehrlich sind. Bergsteiger sollten nicht lügen.“