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Raumfahrt
Ein neuer Stern am Künstlerhimmel

Mit seiner Electron-Rakete hat das neuseeländische Unternehmen Rocket Labs in diesem Jahr einen ballonförmigen Satelliten in eine Umlaufbahn gebracht, dessen spiegelnde Oberfläche das Licht der Sonne zur Erde reflektierte. Er blieb allerdings nur wenige Monate in seiner Umlaufbahn.
Mit seiner Electron-Rakete hat das neuseeländische Unternehmen Rocket Labs in diesem Jahr einen ballonförmigen Satelliten in eine Umlaufbahn gebracht, dessen spiegelnde Oberfläche das Licht der Sonne zur Erde reflektierte. Er blieb allerdings nur wenige Monate in seiner Umlaufbahn. FOTO: Rocket Lab
Reno. Ein Satellit als Kunstprojekt soll Menschen zum Nachdenken über ihren Platz im All anregen. Doch Astronomen sind verärgert.

Bildende Kunst soll provozieren und zum Nachdenken anregen. Das war so beim Pariser Eiffelturm und beim Atom-Ei in Brüssel. Einst waren sie umstritten. Heute sind sie touristische Attraktionen. Wird es dem Projekt „Orbital Reflector“ des amerikanischen Weltraumkünstlers Trevor Paglen ähnlich ergehen? Der Mitarbeiter des Museum of Art in Reno im US-Bundesstaat Nevada plant Kunst im Weltraum, die jeder Mensch auf der Erde am Nachthimmel sehen soll. Er will einen 30 Meter großen, kugelförmigen Erdsatelliten ins All bringen, dessen einzige Aufgabe darin bestehen soll, möglichst viel Sonnenlicht auf die Erde zu reflektieren.


Irdischen Beobachtern soll der Satellit ungefähr so hell wie einer der Sterne des Sternbilds Großer Wagen erscheinen. Der künstliche Erdbegleiter solle die Menschen „zum Nachdenken über ihren Platz im Universum anregen“, erklärt der US-Weltraumkünstler, der für die Realisierung seines Vorhabens sehr viel Geld braucht. Deshalb sammelt er Spenden. Um den Start zu finanzieren, benötigt er 1,6 Millionen US-Dollar (1,4 Millionen Euro).

Trevor Paglen ist nicht der Erste, der Kunst in den Weltraum bringen möchte. Bereits Anfang der 1990er Jahre hatte der in der Schweiz lebende Artur Woods einen im Erdorbit aufblasbaren Ring vorgeschlagen, auf dem das Wort „Frieden“ in mehreren Sprachen stehen sollte. Der US-Künstler wollte damit ein Zeichen setzen, dass nach dem Zerfall des Ostblocks die Gefahr eines neuerlichen Weltkrieges gebannt zu sein schien. Das Projekt „Lux Orbis“ wurde jedoch niemals realisiert. Es scheiterte letztlich an einem alles andere als unbedeutenden technischen Detail. Damit die Botschaft aus dem Weltraum mit bloßem Auge auf der Erde sichtbar gewesen wäre, hätte der Ring mehrere Kilometer Durchmesser haben müssen. Das aber war mit den damaligen technischen Mittel kaum machbar.



Auch die Internationale Astronomische Union, welche die Interessen der professionellen Astronomen aus aller Welt vertritt, sprach sich gegen Weltraumkunst aus. Sie hätte irdische Teleskope blenden können. Stattdessen einigten sich die Raumfahrtagenturen der USA, Russlands, Europas, Japans und Kanadas auf den Bau der Internationalen Raumstation (ISS). Die ist auch gelegentlich als himmlischer Leuchtpunkt, etwa so hell wie der Planet Jupiter, von der Erde aus zu sehen. Ein Kunstprojekt hat zu Beginn dieses Jahres auch das neuseeländische Startup-Unternehmen Rocket Labs gestartet. Wobei die Raumfahrtfirma, diekommerzielle Kleinsatelliten ins All bringt, das Thema geschickt mit ihren Geschäftsinteressen verband. Neben mehreren kleinen Erdbeobachtungssatelliten schickte sie mit einer neuentwickelten Rakete einen aufblasbaren Satelliten ins All, dessen spiegelnde Oberfläche das Sonnenlicht zur Erde reflektierte. Die kosmische Diskokugel namens „Humanity Star“ hatte nur einen Meter Durchmesser und war nur wenige Wochen als kleines Sternchen am Nachthimmel sichtbar. Zeiten und Orte möglicher Sichtungen verriet eine App, die das Unternehmen auf seiner Homepage anbot. Die kosmische Leuchtreklame entpuppte sich als ein erfolgreicher Marketinggag.

Der 30 Meter große, aufblasbare Weltraumballon „Orbital Reflector“ soll am Himmel deutlich heller erscheinen – falls er denn in den nächsten Monaten tatsächlich gebaut werden kann. Beim Start soll er zusammengefaltet in einem Behälter von Schuhkartongröße verpackt sein. Die Hülle besteht aus Polyethylen, das von einer hauchdünnen reflektierenden Metallschicht überzogen ist.

Geplant ist der Start in den kommenden Monaten mit einer Falcon 9-Rakete des US-Unternehmens SpaceX. Diese Rakete soll den „Orbital Reflector“ in einer 575 Kilometer hohen Erdumlaufbahn aussetzen.

Viele Astronomen stehen künstlichen Lichtern im Erdorbit grundsätzlich ablehnend gegenüber. „Das ist so, als würde dir jemand eine Neonlicht-Werbung gleich neben deinem Schlafzimmer aufstellen“, verglich der Astrophysiker Jonathan McDowell vom Center for Astrophysics der Harvard-University das Projekt im Online-Magazin „Gizmodo“. Das Projekt sei völlig unnötig, da es schon viele Erdsatelliten gebe, die für das bloße Auge als Lichtpunkte am Nachthimmel zu sehen sind. Mehr als 18 000 künstliche Objekte, die meisten davon außer Dienst gestellte Satelliten und Trümmerteile, kreisen derzeit im Orbit. Sie sind eine potentielle Bedrohung für Satelliten. So gesehen sei es sinnvoller, die Zahl der Satellitenstarts zu begrenzen.