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Welchen Einfluss hat Twitter?
Mit 280 Zeichen die Welt verändern

Die Initiative #MeToo verbreitete sich im vergangenen Jahr rasend schnell in den sozialen Medien.
Die Initiative #MeToo verbreitete sich im vergangenen Jahr rasend schnell in den sozialen Medien. FOTO: dpa / Britta Pedersen
Bonn. Initiativen wie #MeTwo und #MeToo beweisen: Soziale Medien wie Twitter können weltweit breite Debatten auslösen. Denn Themen wie sexuelle Belästigung weckten ein Gefühl von Verantwortlichkeit bei den Nutzern, sagt ein Experte. Von Anna Fries/kna

Aufschreie in den sozialen Medien über Rassismus und Diskriminierung gegenüber Frauen oder Menschen mit Migrationshintergrund waren in den vergangenen Monaten fast schon alltäglich. Die Hashtags (ein mit Doppelkreuz versehenes Schlagwort, das dazu dient, Nachrichten mit bestimmten Inhalten in sozialen Netzwerken besser zu finden) #MeToo und #MeTwo haben dabei weltweite Debatten ausgelöst – allen voran auf Twitter. Berechtigt scheint deshalb die Frage, welchen Einfluss solche Diskussionen auf die Gesellschaft wirklich haben.


Der Kurznachrichtendienst sei politischer geworden und habe auch das Bewusstsein für politische Themen erhöht, sagt Twitter-Forscher Johannes Paßmann: „Twittern nur für Likes ist ein Stück weit vorbei.“ Das liege auch an den täglichen Mitteilungen, die US-Präsident Donald Trump dort verbreitet. Sie führten Menschen vor Augen, dass etwas auf dem Spiel stehe, sagt Paßmann. Vor diesem Hintergrund könnten Nutzer nicht mehr „nur lustige Schmunzel­tweets“ schreiben, sondern diskutierten auch über unangenehme Themen, die oftmals im Alltag nicht zur Sprache kämen – beispielsweise sexuelle Belästigung.

Der Hashtag #MeToo ging Ende des vergangenen Jahres durch alle Medien und wurde millionenfach verwendet. Das Schlagwort sollte Frauen dazu ermutigen, in den sozialen Medien mithilfe dieses Hashtags auf das Ausmaß sexueller Belästigung aufmerksam zu machen. Auf Facebook verwendeten innerhalb der ersten 24 Stunden 4,7 Millionen Nutzer den Hashtag.



Während #MeToo weltweit für Aufsehen sorgte, lasse sich über den Erfolg von Initiativen wie #MeTwo — sie will Alltagsrassismus zum Thema machen — nur mutmaßen, so der Trierer Medienwissenschaftler, Hans-Jürgen Bucher. Die eigentliche Leistung solcher Iniativen sieht er darin, dass es „inzwischen völlig unbekannten Menschen möglich ist, eine öffentliche Kontroverse zu erzeugen und aufrecht zu halten“. Damit könne jeder ein Sender von Botschaften und nicht nur Empfänger sein.

Als Vergleich verweist der Experte auf die Umweltbewegung und die Studentenproteste. Viele Demonstrationen seien notwendig gewesen, um diese Themen auf die politische Agenda zu setzen. Über soziale Medien könne ein Anliegen inzwischen sehr schnell Unterstützer finden und auch erfolgreich sein.

„Die Debatten zeigten aber auch, dass der Stammtisch gewissermaßen global geworden ist“, sagt Bucher. Über soziale Medien sei ein neuer öffentlicher Kommunikationsraum entstanden, der von Politikwissenschaftlern lange unterschätzt worden sei. Die Frage, wie argumentativ und inhaltlich aussagekräftig Beiträge mit 140 oder 280 Zeichen sein könnten, sei jedoch durchaus berechtigt.

Als ältestes Produkt sozialer Medien gilt in Deutschland die #Aufschrei-Debatte im Jahr 2013. Zahlreiche Frauen schilderten über Twitter ihre Erfahrungen mit sexistischen Bemerkungen und Übergriffen. Das Thema Sexismus erreichte damals politisch und medial viel Aufmerksamkeit.

Was aber macht ein Thema auf Twitter erfolgreich, lässt gar eine breite gesellschaftliche Debatte entstehen? Paßmann sagt, entscheidend für das persönliche Engagement der Nutzer sei der Gedanke, dass das Thema diese Unterstützung benötige. Menschen setzten sich dann für etwas ein, wenn sie den Eindruck hätten: „Wenn ich mich nicht darum kümmere, dann tut es niemand.“ Das funktioniere in sozialen Medien bei zwei Komplexen besonders gut: in puncto kulturelle Vielfalt, aber auch bei rechtsextremen Themen. Denn solche „Randthemen“ weckten ein Gefühl von Verantwortlichkeit bei den Nutzern, die ihr Anliegen in traditionellen Medien nicht ausreichend vertreten sähen.

„Twitter ist konkret, es geht um Bilder, Gesichter, Erlebnisse“, sagt Paßmann. Genau darin liege das Potenzial für eine Debatte – die dann funktioniere, wenn das Problem die Beschreibung vieler Einzelfälle verlange. Die Themen seien oft gut erforscht, es gebe genug Argumente und diese seien über das Internet einem breiten Publikum zugänglich. Hilfreich sei auch, wenn sich ein Thema mit Bildern oder prominenten Fällen verknüpfen lasse, wie etwa der zurückgetretene Nationalspieler Mesut Özil mit #MeTwo.

Risiken gebe es dennoch. Bucher untersuchte das fernsehbegleitende Twittern und sieht eine Tendenz zu extremen Positionen. „Der Emotionalisierungsgrad ist erstaunlich“, sagt der Experte. Im direkten Kontakt würde sich niemand derart überzogen äußern, meint er. Vor allem negative Tweets erzeugten einen Teufelskreis. Emotionale Beiträge provozierten emotionale Gegenreaktionen. Eine aufgeheizte Debatte zu versachlichen, funktioniere kaum. In solchen Diskussionen gehe es dann weniger um den Inhalt als darum, negative Kommentare zu verbreiten.