Germany’s Next Top Model: #MeToo gegen Heidi Klum

Germany’s Next Top Model : #MeToo gegen Heidi Klum

Die Debatte um sexuelle Übergriffe verstärkt die Kritik an Castingshows wie „Germany’s Next Topmodel“.

() „I‘m not Heidi‘s girl“, singt ungefähr ein Dutzend Mädchen in einem Video, das auf YouTube kursiert. „I am more than my looks.“ Heißt so viel wie: „Ich bin nicht Heidis Mädchen. Ich bin mehr als mein Aussehen.“ Schülerinnen aus Hamburg stecken hinter dem Song, der sich gegen die Casting-Modeshow „Germany‘s next Topmodel“ (GNTM) richtet. Der Clip wurde bisher etwa eine halbe Million Mal geklickt. Die Kritik an der Sendung scheint diesmal eine andere Dynamik zu haben. Experten zufolge hat das auch mit der Debatte um #MeToo zu tun. „Ich glaube, die Botschaft, die bei GNTM transportiert wird, ist nicht mehr zeitgemäß“, sagt Soziologin Nina Degele von der Uni Freiburg. „Kritik ist immer daran geübt worden, aber nun geht es tiefer.“ Der Song greift den Hashtag #NotHeidisGirl der feministischen Gruppe Vulvarines auf und wendet sich gegen die in der Sendung propagierten Schönheitsideale. Die #MeToo-Debatte entstand im Herbst, nachdem Vorwürfe sexueller Übergriffe gegen den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein laut geworden waren. Die Enthüllungen hatten eine Bewegung ins Rollen gebracht, bei der Hunderttausende Betroffene über eigene Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen berichten. „Angesichts monatelanger Sexismus- und Gleichstellungsdebatten wirkt das Zurschau- und gleichermaßen Bloßstellen junger Mädchen nur noch wie blanker Hohn“, schreibt eine Autorin des Branchendiensts „Meedia“. Wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov ergab, findet die Mehrheit der Deutschen, dass das Format ein falsches Schönheitsideal vermittelt. Der Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen lag zum Staffelstart bei 17,3 Prozent etwa auf dem Niveau der Vorjahre. Die Gesamtzahl der Zuschauer war zum Auftakt mit 2,2 Millionen (Marktanteil: 7,9 Prozent) etwas unter dem Niveau des Vorjahres mit 2,63 Millionen (8,8 Prozent), legte mit der zweiten Folge aber bereits zu.

„Die Kritik an ‚Germany‘s next Topmodel’ hat sich geändert, weg von der Magersuchtsdebatte hin zu einem sehr viel größeren Thema: Was ist eigentlich Weiblichkeit?“, sagt Medienwissenschaftlerin Miriam Stehling von der Uni Tübingen. Es gehe auch um Unterwerfung – bei GNTM etwa vor den Vorgaben der Jury und dem Schönheitsideal. „Das passt zusammen mit neuen feministischen Bewegungen wie #MeToo. Es geht nicht um einen Schlankheitswahn, sondern darum: Was für ein Frauenbild transportieren wir eigentlich?“

Stehling hat auch untersucht, warum sich Frauen GNTM anschauen. „Junge Mädchen, die GNTM schauen, sind nicht unbedingt mit dem Frauenbild einverstanden“, erklärt sie. „Da gibt es eine Ambivalenz, indem sie etwa sagen ‚Ich schaue mir das gerne an’, die sexistischen Aufforderungen aber kritisch reflektieren.“ Der Protest der Schülerinnen zeige, dass die Zielgruppe das Frauenbild kritisch hinterfrage. „Ich glaube, dass Bewegungen wie #MeToo und #Aufschrei dazu geführt haben, dass diese Themen präsenter sind“, sagt Stehling. „Man muss aber differenzieren zwischen sexistischen Aufforderungen, wie es sie bei GNTM gibt, und sexualisierter Gewalt.“ Das sieht Medienwissenschaftlerin Jutta Röser von der Uni Münster ähnlich. „Bei #MeToo geht es um sexualisierte Machtausübung, Übergriffe und Gewalt“, sagt sie. „GNTM funktioniert ja gerade mit und für Frauen.“

ProSieben nimmt die Kritik gelassen. „Seit 13 Jahren wird GNTM immer wieder von Medienwächtern geprüft und als unbedenklich eingestuft“, erklärt ein Sprecher. „GNTM verändert sich von Jahr zu Jahr und nimmt Veränderungen in der Gesellschaft auf.“ Jurorin Heidi Klum hatte im Vorfeld erklärt, auch Mädchen „mit tollen Kurven“ seien gefragt.

„Not Heidi’s girl“: Diese Hamburger Schülerinnen wollen nicht Heidis „Mädchen“ sein. Mit einem Song protestieren sie gegen Klums Show. Foto: dpa/Markus Abele

„Ich würde mich sehr wundern, wenn es mit GNTM einfach so weitergehen würde“, so die Einschätzung der Freiburger Soziologin Degele. Aber: „Man sollte nicht denken, dass sich durch #MeToo schon morgen alles ändert.“

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