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Wenige Sensationen, viele Sorgenkinder

Rio de Janeiro. Mehr Goldmedaillen als in London, aber auch völlig abgeschlagene Verbände: Die sportliche Bilanz des Deutschen Olympischen Sportbundes fällt gespalten aus, und der Kampf um die künftigen Fördergelder beginnt. dpa/sid

Als Alfons Hörmann zu seiner Bilanz ansetzte, fühlte sich der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) hin- und hergerissen. "50 Prozent mehr Goldmedaillen - das ist nicht so schlecht. Mit diesem Schicksal würden viele gerne tauschen", sagte Hörmann, in dessen Gesicht sich jedoch auch Sorgenfalten abzeichneten. "Wir haben in manchen Bereichen Probleme, das weltweit steigende Niveau im Spitzensport mitzugehen." In einigen Fachverbänden habe das deutsche Team die Ziele "nicht ansatzweise erreicht".


82 Medaillen hatte das deutsche Team 1992 in Barcelona geholt, davon 33 in Gold. Seither ist die Zahl der Entscheidungen von 257 auf 306 gestiegen, die Summe der deutschen Medaillen aber stetig gesunken. "Wenn wir stehen bleiben, dann wird in Tokio 2020 und fortfolgend auch nicht mehr das Ergebnis kommen, das wir uns vorstellen", sagte Hörmann. Die Ausbeute der deutschen Athleten unter dem Zuckerhut fällt zwar goldener als vor vier Jahren in London aus, als es elf Olympiasiege gab. Doch die Gesamtzahl von 2012 (44 Medaillen) wurde nicht erreicht, der vorgegebene "Medaillenkorridor" von 42 bis 71 Mal Edelmetall gerade angekratzt. Eine bessere Ausbeute verspielten vor allem die Leichtathleten und Schwimmer . "In den Kernsportarten sind wir deutlich schwächer als die, die ganz oben stehen", stellte Dirk Schimmelpfennig, der sportliche Leiter der deutschen Olympiamannschaft, fest: "Vor allem die Schwimmer haben den Anschluss an die Weltspitze verloren." Erstmals seit 84 Jahren fliegen die deutschen Schwimmer ohne eine einzige Medaille von Olympia nach Hause.

Deutlich über den Erwartungen lagen die Schützen mit fünf, Reiter mit sechs und Kanuten mit sieben Mal Edelmetall. Dagegen enttäuschten neben Schwimmern und Leichtathleten auch die Fechter und die hoch gehandelten Radfahrer. "Wir haben einige Sorgenkinder, bei denen es tief greifendere Reformen benötigt", sagte DOSB-Chef Hörmann.



Die Frage der Förderung und richtigen Strukturen für einen erfolgreichen Leistungssport wird zwischen DOSB, Verbänden und Innenministerium wird nun aufs Neue diskutiert. Verteilungskämpfe scheinen bei der angekündigten Leistungssport-Reform programmiert. Zumal der DOSB ankündigte, dass alles, was Geld kostet, auf den Prüfstand komme. Sechs von 19 Olympia- und 50 von 205 Bundesstützpunkten sollen vor dem Aus stehen. Inwiefern das Saarland betroffen ist, ist noch unklar.

"Ob es mehr Geld geben kann oder muss, ist abhängig von der Frage, wie die Strukturen sind, die wir in Zukunft fördern wollen", sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU ). Es dürfte eine Frage sein, was Deutschland der Sport wert ist, was das Land für den Erfolg zu zahlen bereit ist. Nach Angaben des BMI steckt der Staat jährlich 153 Millionen Euro in den Spitzensport .

Zur Einschätzung lohnt sich ein Blick nach Großbritannien. Der Erfolg, sagt Simon Timson, Leistungssportdirektor von UK Sport, "ist kein Zufall, sondern geplant". "Schuld" daran ist der ehemalige britische Premierminister Tony Blair , der nach dem Desaster von Atlanta 1996 mit nur einmal Gold eine Revolution lostrat. Seit 1997 wird Spitzensport über die Nationale Lotterie gefördert. Für den Vierjahreszyklus bis Rio standen den Briten jährlich 340 Millionen Euro zur Verfügung. 75 Prozent sind Lotto-Einnahmen, den Rest schießt der Staat zu. UK Sport entscheidet selbst, wer wie viel Geld bekommt - wenig medaillenträchtige Sportarten wie Basketball erhalten wenig bis nichts.