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Schlafmangel
Übermüdetes Deutschland

Schlaf wird unterbewertet: Am heutigen Tag des Schlafes erinnern Experten an ein stiefmütterlich behandeltes Grundbedürfnis (Symbolbild).
Schlaf wird unterbewertet: Am heutigen Tag des Schlafes erinnern Experten an ein stiefmütterlich behandeltes Grundbedürfnis (Symbolbild). FOTO: dpa / Patrick Pleul
Berlin. Ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen. Stimmt. So manche andere Weisheit finden Schlafforscher aber schlichtweg falsch. Zeit für ein aufgewecktes Plädoyer für die Nachtruhe. Von Fatima Abbas
Fatima Abbas

Morgenstund’ hat Gold im Mund. Der frühe Vogel fängt den Wurm. Wer in Deutschland aufwächst, lernt sehr früh: Wer früh aufsteht, ist diszipliniert. Im Saarland sagen sogar die Schüler: „Wir wollen keinen späteren Unterrichtsbeginn.“ So ist zumindest der Eindruck von Landesschülersprecher Florian Wiemann. Für den Schulstart zwischen 7 und 8 Uhr spricht aus seiner Sicht vor allem zweierlei: die Zeiten des öffentlichen Nahverkehrs und die Zwänge berufstätiger Eltern. Gute Gründe also, um unseren Biorhythmus dauerhaft zu ignorieren? Nein, sagt Schlafforscher Hans-Günter Weeß. „Wir sind eine Gesellschaft, die den Schlaf nicht schätzt“, kritisiert der Psychologe, Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM). Deutschland sei im Vergleich zu Nachbarländern eine übermüdete Nation. Doch wie kommt es dazu?


Wenn ein Mensch in einem Monat an mindestens drei Nächten in der Woche kaum einschlafen oder durchschlafen kann, braucht er nach Ansicht von Schlafforschern Hilfe. „Entscheidend ist, ob es am nächsten Tag zu Beeinträchtigungen kommt, zum Beispiel bei Aufmerksamkeit, Konzentration und Gedächtnisleistung“, sagt Weeß. „Deutliche Anzeichen für Übermüdung sind auch Gereiztheit, Kopfschmerzen und Magen-Darm-Probleme.“ Nach Studien der DGSM leiden in Deutschland sechs Prozent der Bevölkerung an chronischen Schlafstörungen – rund 4,8 Millionen Menschen.

Auch die Krankenkassen sprechen von einem „unterschätzten Problem“. Deshalb hat sich das Forschungsinstitut IGES im Jahr 2016 die Ursachen für den Krankenstand unter DAK-Mitgliedern im Saarland näher angeschaut. Mit dem Ergebnis: 45 Prozent der erwerbstätigen Saarländer klagen über Schlafprobleme. Seit 2010 stieg der Anteil der von Ein- und Durchschlafproblemen Betroffenen 35- bis 65-jährigen Arbeitnehmer um 18 Prozent. Schwere Schlafstörungen haben sich seit 2010 sogar mehr als verdoppelt.



Ursache sind laut DAK-Report Saarland unter anderem die Arbeitsbedingungen. Wer zum Beispiel häufig an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit arbeitet, steigert sein Risiko, schwere Schlafstörungen zu entwickeln. Auch starker Termin- und Leistungsdruck, Schichtarbeit und ständige Erreichbarkeit nach Feierabend gelten als wichtige Risikofaktoren.

Da ist zwanghafte Anpassung sinnlos: Für Forscher geben bei jedem Menschen die Gene vor, wie viel Zeit er im Bett verbringt. Für die meisten Menschen liege das zwischen sechs und acht Stunden. Einige brauchen aber noch mehr, andere weniger Schlaf. Freiwillige Frühaufsteher und überzeugte Nachteulen folgen ihrer inneren Uhr. „Solche Anlagen können wir uns nicht abtrainieren“, berichtet Wissenschaftler Weeß. Der individuelle Biorhythmus lasse sich nicht austricksen. Ein erzwungenes Leben gegen die innere Uhr münde meist in Erschöpfung.

Und die beginnt schon in der Schule. Das Umdenken schreitet nur langsam voran. Seit April stellt Niedersachsen als erstes Bundesland seinen Schulen frei, wann sie mit dem Unterricht beginnen wollen. Im Saarland haben Förderschüler flexiblere Zeiten. In EU-Ländern wie Spanien oder Frankreich ertönt der Gong zur ersten Stunde erst nach 8.30 Uhr. „Wenn wir unser Bildungssystem reformieren wollen, sollten wir ernsthaft darüber nachdenken, die Schule später beginnen zu lassen“, sagt Weeß. Studien hätten belegt, dass vor allem Teenager Mathematik-Aufgaben um neun oder zehn Uhr deutlich besser lösten als um acht Uhr. Bei Grundschülern gebe es bei der Konzentrationsleistung einen belegten Zusammenhang zwischen der Entfernung der Schule zum Wohnort. Wer um sechs oder sieben Uhr früh im Schulbus sitzen muss, hat nach Studien deutlich schlechtere Karten.

In Umfragen sprechen sich zwei Drittel der Eltern gegen einen späteren Schulbeginn aus, weil sie in ihren Berufen keine flexiblen Arbeitszeiten haben. Das ist auch das Hauptargument der Eltern im Saarland. Gleichwohl teilt die hiesige Vertretung auf Anfrage mit, dass Eltern durchaus ein Interesse an ausgeschlafeneren Kindern haben. „Wir brauchen alle mehr Schlaf. Wir müssen die Arbeitswelt anpassen“, sagt Weeß. Im Moment passiere aber eher das Gegenteil. Statt flexibler Acht-Stunden-Tage dehne sich die Arbeitszeit durch Internet und mobile Medien immer weiter aus. „Wir sind bald eine 24-Stunden-Non-Stop-Gesellschaft“, kritisiert Weeß. „Es ist die Frage, ob Supermärkte oder Fitnessstudios rund um die Uhr offen sein müssen.“ Es gebe laut Studien pro Jahr rund 200 000 Fehltage auf Grund von Schlafstörungen.

Zu wenig Nachtruhe ist auch Gift hinterm Steuer. Das relative Risiko, einen Unfall zu bauen, potenziere sich allein schon beim Fahren zwischen zwei und fünf Uhr nachts um das Fünffache, sagt Maritta Orth, Schlafmedizinerin und Lungenfachärztin. Denn in dieser Zeit liege das absolute Leistungstief. Weniger als fünf Stunden Schlaf in der Nacht zuvor können aber auch tagsüber zu deutlich mehr Crashs führen. Krankheiten wie eine Schlafapnoe erhöhen das Unfallrisiko jederzeit um das Zwei- bis Dreifache.

Bis zu 1,9 Millionen Menschen in Deutschland nehmen nach Angaben der Fachgesellschaft regelmäßig Schlafmittel ein. Die Tabletten haben aber keine heilende Wirkung. Werden sie abgesetzt, ist die Störung sofort wieder da. Deshalb plädiert Weeß: „Wir müssen Menschen beibringen, ihre eigene Schlaftablette zu sein.“