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Streit um zu wenig nackte Haut

Paris. Frankreich diskutiert über das Verbot von Burkinis am Strand. Das Thema verstärkt die Spannungen zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen. Christine Longin

"Korrekte Kleidung, die die guten Sitten und die Laizität respektiert" ist am Strand von Cannes gefragt. Der mondäne Badeort an der Côte d'Azur umschreibt damit nur notdürftig das Verbot von Burkinis, das seit Ende Juli gilt. Für David Lisnard, den konservativen Bürgermeister, ist der Ganzkörperbadeanzug Ausdruck eines radikalen Islam. Und das in einer Zeit, "wo Frankreich und seine religiösen Stätten Ziel von Terroristen sind", wie es im Erlass seiner Stadtverwaltung heißt. Eine deutliche Anspielung auf den Anschlag im benachbarten Nizza und den tödlichen Angriff auf einen Priester in der Normandie im Juli.


Unterstützung bekam Lisnard, der Burkini-Trägerinnen mit einer Geldstrafe von 38 Euro belegt, gestern ausgerechnet vom sozialistischen Regierungschef Manuel Valls. "Die Strände müssen ebenso wie die öffentlichen Plätze von religiösen Forderungen freigehalten werden", sagte der Premierminister . Er unterstütze deshalb Lisnard und das knappe halbe Dutzend weiterer Bürgermeister, die den durchgehenden Schwimmanzug am Strand verboten haben. Eine Entscheidung, die im Hochsommer heiß diskutiert wird. Denn nach den Anschlägen wächst die Islam-Feindlichkeit in Frankreich, das mit rund fünf Millionen Mitgliedern die größte muslimische Gemeinde Europas hat.

Die Beobachtungsstelle gegen Islam-Feindlichkeit reagierte deshalb gereizt auf das Thema, mit dem erneut die Muslime stigmatisiert würden. "Das ist eine Art, Populismus zu betreiben und zu versuchen, extremistische Wähler zu gewinnen", kritisierte ihr Vorsitzender Abdallah Zekri. Acht Monate vor den Präsidentschaftswahlen scheint der Burkini zu einem Thema zu werden, das vor allem dem rechtspopulistischen Front National (FN) in die Hände spielt. FN-Chefin Marine Le Pen hatte bereits vor Jahren ein generelles Kopftuchverbot auf der Straße gefordert. In Frankreich sind der Ganzkörperschleier Burka und der Gesichtsschleier Niqab seit 2011 verboten. In Schulen gilt seit 2004 ein Kopftuchverbot, dessen Ausweitung auf Universitäten immer wieder diskutiert wird. Für den Burkini solle es kein generelles Verbot geben, stellte Valls gestern klar. Doch er warnte vor dem Kleidungsstück, das auf einem Konzept der Unterwerfung der Frau beruhe. Deutliche Worte gegen den Ganzkörperanzug, dessen Verkauf in Frankreich schon im Frühjahr die Gemüter erregte, fand auch Frauenministerin Laurence Rossignol. "Der Burkini ist eine Strandversion der Burka, denn er steht in der selben Logik: Es geht darum, einzusperren, den Körper der Frau zu verstecken. Dahinter steht eine zutiefst archaische Sicht auf den Platz der Frau in der Gesellschaft".

Zum Thema:

Hintergrund Politiker von Union und SPD haben sich für ein Burkaverbot im Straßenverkehr und bei Behördengängen ausgesprochen. "Ich strebe an, eine Vollverschleierung in solchen Situationen zu verbieten, in denen jeder Mensch Gesicht zeigen muss", sagte der Geschäftsführer der Unionsfraktion im Bundestag, Michael Grosse-Brömer (CDU . Grosse-Brömer erklärte, ein Verbot sollte es im Straßenverkehr sowie bei Behörden und vor Gericht geben. Ähnliche Stimmen kamen aus der SPD . Der nordrhein-westfälische Verkehrsminister Michael Groschek (SPD ) sagte, Fahrerinnen und Fahrer benötigten ein freies Sichtfeld und müssten für Blitzanlagen erkennbar bleiben. Der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius (SPD ) erklärte, für Regelungen für Autofahrerinnen und Amtsgänge vor Gericht gebe es "gute Gründe". epd