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Mit Miami-Vice und Lederschlips

Hamburg. Es war das Jahrzehnt der Lederschlipse und Schulterpolster Von dpa-Mitarbeiter Patrick T. Neumann

Hamburg. Es war das Jahrzehnt der Lederschlipse und Schulterpolster. Wir Jungs zogen ganz nach "Miami Vice"-Vorbild Leinenjacketts über pastellfarbene T-Shirts, Mutige trugen Espandrilles zur Bundfaltenhose, in deren Bund auch gerne mal ein knalliges Sweatshirt gequetscht wurde; die Mädchen erschienen je nach Schichtzugehörigkeit in Benetton-Karos oder "Moon-washed-Jeans", mit auftoupierten Haaren oder stacheligem Vokuhila (vorne kurz, hinten lang) zur obligatorischen Tanzstunde. In U-Bahnen und Bussen begann der Walkman-Terror: Laute Wave-Musik von Depeche Mode oder Rockhymnen von U2 schallten dem Sitznachbarn aus Kopfhörern entgegen, die noch auf dem Kopf saßen und nicht in den Ohren steckten. Heute ist es schick, die unschicken 80er Jahre als "Jahrzehnt der modischen Desaster" zu verunglimpfen, dabei waren sie viel cooler - oder im 80er-Jargon: geiler - denn: Irgendwie war alles möglich. Zwar entstand aus den Rändern der 70er-Punkbewegung die Null-Bock- Generation, die auf nix Lust hatte, nicht mal auf Party. Aber diese soziologische Kategorie beschreibt nur einen (eher kleinen) Teil der 80er-Jugendkultur. Viele engagierten sich, auch als Reaktion auf die bürgerliche Mehrheit in Bonn, die Nachrüstung mit Pershing-II-Raketen als Folge des Nato-Doppelbeschlusses, die aggressive Politik von US-Präsident Ronald Reagan sowie die atomare Katastrophe von Tschernobyl. Tausende junger Eltern suchten mit ihren Kindern zu Ostern nicht gefärbte Eier im Garten, sondern eine Lösung für Weltprobleme auf Friedensmärschen. Aktivisten kämpften gegen die Startbahn West, blockierten die Zufahrten der Atomanlagen in Wackersdorf, Brokdorf oder Gorleben. Wir Jugendlichen fanden Buttons schick - ob "Atomkraft - Nein Danke!" oder "Petting statt Pershing": Politik auch als Mode- Accessoire. Die Neue Deutsche Welle, kurz NDW, mit ihren teils rotzig-frechen, teils einfach-dümmlichen Texten lieferte für viele den Soundtrack zu diesem Lebensgefühl. Wer als Zwölfjähriger im Kinderzimmer lauthals "Und draußen vor der großen Stadt, stehen die Nutten sich die Füße platt" mit der Spider Murphy Gang skandierte oder seinem Mathe-Lehrer den Extrabreit-Klassiker "Hurra, hurra die Schule brennt" entgegen rief, fühlte sich saucool - selbst wenn er ein braver Popper war und kein Punk. Wir Popper freuten uns (heimlich) über Nicoles Grand-Prix-Triumph "Ein bisschen Frieden", grölten aber auch den Punkrock von den Ärzten und Toten Hosen mit; dann erlebten wir via "Formel Eins" und MTV, dass Video wirklich den Radiostar killte und wie Michael Jackson mit "Thriller" Pop-Geschichte tanzte. Alles war möglich - neben modischen Fehltritten und Schnauzbärten à la Schimanski und Magnum war das überhaupt die Konstante der 80er: Ein ehemaliger Film-Cowboy schaffte es ins Weiße Haus, Götz George sagte erstmals "Scheiße" und "Arschloch" im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, die neuen Privatsender zeigten Softpornos zur besten Sendezeit, Mathias Rust landete mit einer Cessna mitten in Moskau, wo sich Michail Gorbatschow daran machte, mit Perestroika und Glasnost ein ganzes System zum Einsturz zu bringen, während in Deutschland ein etwas unbeholfener früherer Ministerpräsident aus der Pfalz zum "Einheits-Kanzler" wurde. Im Rückblick erscheint die NDW fast zwangsläufig als Reaktion auf die "geistig-moralische Wende", die Helmut Kohl 1982 in Bonn ausrief. Ob das eine wirklich das andere auslöste oder nurmehr bestärkte? Zumindest führten das erste erfolgreiche konstruktive Misstrauensvotum in der Geschichte der Bundesrepublik und der Sturz Helmut Schmidts zu Verunsicherung bei vielen. Von der etablierten Politik Enttäuschte, Friedensbewegte und Umweltbewusste fanden zueinander - die Grünen boten Experimentierfeld und neue Heimat zugleich. 1983 wurde erstmals im Bundestag gestrickt, danach auch in Schulklassen, Bussen und Hörsälen. 1985 trat mit Joschka Fischer der erste Turnschuhminister sein Amt an - im hessischen Umweltressort. Die als Ökos, Teesocken und Latzhosenfraktion verspotteten Grünen etablierten in den 80ern eine neue politische Kraft - europaweit. Deutschland wurde durch diesen Stachel im Fleisch der bürgerlichen Koalition zum Vorzeigeland in Sachen Ökologie. Recycling und Mülltrennung wurde mit deutscher Gründlichkeit teils bis ins Absurde getrieben - lange vor Al Gore und dem Hype ums Klima. Ein Klima, das wir ordentlich mit anheizten, denn es ging uns ja nicht schlecht: Farbfernseher mit Fernbedienung, Videorecorder, neue Hifi-Anlage (jetzt mit CD-Player), die Atari-Spielkonsole oder ein Commodore-64-Computer - all das gehörte bald zum Standard. Der Urlaub im Ausland wurde für Normalos erschwinglich, Mallorca zum Inbegriff des günstigen Pauschalurlaubs, zumindest innereuropäische Flüge verloren für den kleinen Mann ihren Jet-Set-Reiz. Selbst Arbeiterkinder spielten Tennis: Bumm-bumm-Boris und Steffi sei Dank. Ein Golf II war wirklich der Traum vieler Heranwachsender - das ist keine Legende von Volkswagen oder Florian Illies, der in seinem Bestseller "Generation Golf" zur Jahrtausendwende unser Lebensgefühl beschrieb. Die meisten von uns brachten es innerhalb des Jahrzehnts allerdings nur zu einem alternden Golf I - in babyblau, beige oder auch orange, inklusive Rostflecken; der einzige Klassenkamerad mit einem neueren IIer-Modell wurde darum heftig beneidet. Der Gegenentwurf - ein Opel Manta, samt der Fülle an Witzen über Manni und Uschi - kam für bürgerlich-orientierte Abiturienten nicht infrage. Am Ende des Jahrzehnt dann der Fall der Mauer. Ungläubig starrten wir 80er-Jahre-Kinder aus dem Westen im Herbst 1989 auf die Fernsehschirme. Während sich Eltern, Großeltern, Onkel und Tanten teilweise in die Arme fielen, Tränen der geschichtlichen Rührung in den Augen, blieben viele von uns seltsam indifferent. Natürlich war es "geil", dass der Hauch der Demokratie durch den düsteren Ostblock wehte - pathetisch besungen von den Scorpions aus Hannover mit "Wind Of Change". Und dass eine absurde Mauer fiel, die ein Land trennte. Wir freuten uns auch ehrlich für die Austauschschüler aus Eisenach, die kurz darauf zu Besuch kamen. Doch gerade dieser Besuch machte deutlich, wie weit die beiden deutschen Welten auseinanderklafften. Der auch in den 80ern schon relativ weit gereiste West-Jugendliche konnte meist mehr mit Austauschschülern aus London, Campingplatzbekanntschaften aus Holland oder Urlaubsflirts vom Gardasee anfangen als mit den ostdeutschen "Brüdern und Schwestern", denen es übrigens ähnlich erging, nur dass dort Budapest, Prag oder Warschau näher lagen.Wer wenige Tage nach dem 9. November 1989 nach Berlin fuhr, versuchte sich natürlich als Mauerspecht - so wie wir, Abiturienten kurz vor dem Sprung in die weite Welt. Doch blieb alles seltsam irreal: Der Ostteil der Stadt bleiern-grau, farblos wie in einem Schwarz-Weiß-Film; der Westen verheißungsvoll, hip, bunt, schräg, schrill. Trotz dieser Unterschiede, die nur langsam verblassten: Der einstige Klassenfeind war plötzlich der neue Freund - ein letzter Beweis, dass in den Achtzigern einfach alles möglich war.