| 22:10 Uhr

Klare Worte in Rom
Kardinal Marx stellt Zölibat in Frage

Kardinal Reinhard Marx war von 2002 bis 2008 Bischof von Trier.
Kardinal Reinhard Marx war von 2002 bis 2008 Bischof von Trier. FOTO: dpa / Arne Dedert
Rom/Trier/Saarbrücken. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz fordert die katholische Kirche zu gravierenden Reformen auf. dpa/SZ

Als Reaktion auf den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche will der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, die Ehelosigkeit von Priestern auf den Prüfstand stellen. „Worte der Betroffenheit reichen nicht aus. Wir müssen handeln“, sagte der frühere Bischof von Trier am Freitag in Rom. Die Kirche müsse sich in einer ehrlichen Diskussion vielen Fragen stellen. Dazu gehörten „Machtmissbrauch und Klerikalismus, Sexualität und Sexualmoral, Zölibat und Ausbildung der Priester“. Der Zölibat sei „nicht die Ursache für Missbrauch, das ist absolut nicht der Fall“, erklärte Marx. Allerdings könne ein Leben in der Ehelosigkeit kombiniert mit bestimmten Schwächen einer Person zum Problem werden. Marx, der auch der neunköpfigen Beratergruppe von Papst Franziskus angehört, nannte als Beispiele sexuelle Unreife oder versteckte Homosexualität. Er sprach sich dafür aus, dass die Kirche hinterfragen müsse, ob sie ihr Personal richtig auswähle.


ZDF-Chefredakteur Peter Frey, Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, fordert in diesem Zusammenhang psychologische Eignungstests. Die Kirche müsse prüfen, „ob der Priesterberuf die Falschen anzieht und schützt und der Zölibat vielen Priestern ein Lebenskonzept auferlegt, an dem sie scheitern und das einige in die Dunkelzonen der Sexualität treibt“, sagte Frey. Auf SZ-Anfrage wollte das Bistum Trier diesen Vorschlag zunächst nicht kommentieren. Eine Sprecherin betonte jedoch, dass es seit knapp drei Jahren eine „Eignungsdiagnostik“ für Bewerber gebe, „entwickelt und durchgeführt von Psychologen“. Diese gebe „Hinweise auf die entwicklungspsychologische Reife“.

Nach einer jüngst veröffentlichten Studie hatten zwischen 1946 und 2014 in Deutschland mindestens 1670 katholische Geistliche 3677 meist männliche Minderjährige missbraucht. Dies sei aber nur die nachweisbare „Spitze des Eisbergs“, hieß es. Strukturen in der Kirche könnten Missbrauch nach wie vor befördern – dazu gehöre auch das Heiratsverbot.