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Junge Männer – Alte Steine

Gersheim. Sie sind das neue Führungs-Duo des Kulturparks in Bliesbrück-Reinheim und verkörpern eine neue Generation von Archäologen: Andreas Stinsky (29) und Michael Ecker (37). Was reizt sie an Jahrtausende alten Steinen? Von SZ-RedakteurinCathrin Elss-Seringhaus

Abenteuer-Junkies, Schatz-Jäger und Urzeit-Monster bevölkern unsere Phantasie, wenn es um Vor- und Frühgeschichte geht. Filme wie "Indiana Jones" und "Jurassic Parc" haben damit eine ganze Menge zu tun. Die Archäologie muss viel Dramatisierung und Banalisierung aushalten. Und dann sitzen in Reinheim, vor der Taverne, Michael Ecker (37) und Andreas Stinsky (29) auf Biertisch-Bänken, zwei Jungs jenseits aller Archäologie-Romantik. Der erste wirkt wie ein lässiger Jugendsporttrainer, unterhält mit pointensicherer Schlagfertigkeit. Der andere hat was von einem Feingeist, pflegt eine druckreife Rhetorik. Genau so ist denn auch die Rollenverteilung: Ecker gräbt die Funde aus, ist der Grabungsmanager im Park. Stinsky, gleichwohl grabungserfahren, agiert als Museumsmann. Er kommentiert und präsentiert die Funde.

Zusammen bilden die beiden seit Anfang 2012 ein wirkungsmächtiges Führungsteam. Unter ihrer Leitung hat sich der zuvor recht unübersichtlich und verschlafen wirkende Kulturpark Bliesbruck-Reinheim in einen professionell erschlossenen, munteren Ausflugsort verwandelt. Picknick auf der Wiese statt musealer Andacht. "Wir wollen, dass es ein Bürgerpark wird", sagt Stinsky. "Wir zeigen den Menschen, was und wie wir arbeiten und lassen sie teilhaben", sagt Ecker.

Er fühlt sich an den Baustellen mitunter selbst wie ein Ausstellungsstück. Wenn neben dem Bagger Besucher auftauchen, hört er fast immer die gleichen Sätze: "Hannse hier schon was gefunn?", laute die erste - kuriose - Frage. Denn seit 25 Jahren wird auf deutscher Seite ein römischer Landsitz freigelegt, auf französischer Seite in Bliesbruck lassen sich Thermen besichtigen. Die weiteren Standard-Sprüche der Besucher lauten: "Das wollte ich auch schon immer machen. Waren Sie schon mal in Ägypten? Haben Sie schon Gold gefunden?" Humor ist, wenn Ecker trotzdem frohgemut bleibt. Derart frohgemut, dass er sagt: "Ich gehe hier nicht mehr weg. Ich würde sofort einen 30-Jahres-Vertrag unterschreiben." Stinsky, zurzeit Doktorand in Mainz, kann sich demhingegen auch eine Zukunft als Professor vorstellen.

Unterschiedlichkeit befördert hier Gleichklang. Beiude bezeichnen sich als Gespann, das sich ideal ergänzt. 1999 trafen sie sich erstmals in Reinheim, bei einer Grabung. Kamen immer wieder, gehörten irgendwann zum Inventar. Als der frühere Archäologe Florian Müller in Ruhestand ging, forderte er Ecker, der in Heidelberg seinen Abschluss machte, auf, sich zu bewerben. Drei Tage lagen zwischen der Abholung des Uni-Zeugnisses und der Vertragsunterzeichnung 2011 in Reinheim. Ein Jahr später kam Stinksy.

Archäologe werden, das war für beide wohl schicksalhaft zwingend. Stinsky dokumentierte bereits mit fünf Jahren auf Fotos eigene Grabungen im heimischen Garten, drängte seine Eltern zu Ausflügen ins Römermuseum nach Schwarzenacker oder zum Römerkastell Saalburg. Mit 13 las er Forschungsliteratur: "Für mich waren das Krimis. Man findet Puzzleteile eines Tatortes in der Erde und rekonstruiert ein Gesamtbild." Mit Sprache arbeiten, das macht Stinsky gerne: "Was herausfinden und es vermitteln, das war immer schon meins", sagt er.

Ecker nahm einen längeren Anlauf. Abgebrochenes Fachhochschul-Studium, Arbeitslosigkeit, Pizza-Ausfahr-Jobs - und irgendwann ging ihm dann doch auf, warum er bereits als Kind die Knochen der Katzen wieder ausgrub, die seine Eltern beerdigt hatten. "Ich ging dann nur auf die Abendschule, um Archäologe zu werden." Bei seiner ersten Grabung fand Ecker nach fünf Minuten die erste Scherbe: "Ich hätte von da an alles ausgegraben, von der Steinzeit bis zum Bunker." Doch dann wurden es die Kelten und Römer. Ecker erinnert sich genau: "Nach meinem ersten Grabungs-Camp in Reinheim fuhr ich mit dem R4 meines Bruders die Straße nach Habkirchen hoch und habe fast geheult. Ich wollte das nie mehr missen." Ecker meint nicht etwa den Kick eines Sensations-Fundes, sondern das Gemeinschaftserlebnis. Noch heute ist für ihn das Beste am Job, eine Grabung zu organisieren: Zelte und Feldbetten, Sonnenschirme und Sonnencreme. Und dann den Jungs und Mädels beizubringen, nicht etwa Pinselchen und Pinzette, sondern Kelle und Spitzhacke zu halten. "Ich habe schon unzählige Sehnenscheidenentzündungen gesehen. Archäologie ist ein Knochenjob. Man muss handwerklich begabt und körperlich belastbar sein."

Stinsky erlebte und erlebt in seinem Beruf eine andere Faszination, die des Ortes. Sieben Jahre lang führte er Besucher in Reinheim. "Dieser Tal-Kessel ist eine herrliche alte Kulturlandschaft mit spektakulären Funden von der Steinzeit bis zum frühmittelalterlichen Fürstengrab. Es gibt kaum einen Ort, der touristisch so viel Potenzial hat." Für Stinsky ist der Park ein Schaufenster in die Geschichte, mit deren Hilfe er sich das Heute erschließt. Etwa, warum die Dörfer im Bliesgau so heißen, wie sie heißen.

Was bleibt vom Tag und vom Leben, wenn zwei wie sie - Besessene und Beseelte - nach Hause fahren? Ecker - mit einer Apothekerin verheiratet - frönt auch in der Freizeit seiner Freiluft-Passion, er liebt das Gärtnern. Der ledige Stinsky joggt und spielt Volleyball, singt in einer Band und beschäftigt sich mit der heimischen Botanik, er "züchtet" an der Blies Bäume und Sträucher. Alte Sorten - Was sonst?


Zum Thema:

Auf einen BlickDer Kulturpark hat zwei Eingänge, einen auf französischer Seite in Bliesbruck und einen in Gersheim-Reinheim. Geöffnet ist bis 15. November täglich von 10 bis 18 Uhr; Infos unter Tel. (0 68 43)90 02 11 und www.europaeischer-kulturpark.de. Veranstaltungen: Am 5. August beginnt das Internationale Grabungs camp mit vielen ausländischen Studierenden. Drei Wochen lang können Besucher die Aktivitäten miterleben. Am 10. und 11. August findet ein großes "Antikes Spektakel" auf dem Freigelände auf der deutsch-französischen Grenze statt: Mitmachprogramm für Kinder, Einblicke in gallo-römische Handwerkskünste, kulinarisches Angebot. Am 10. August gibt es zudem ein Abendprogramm in antiker Kulisse mit Livemusik und Feuershow; am Samstag ist von 10 bis 22 Uhr geöffnet, am Sonntag von 10 bis 18 Uhr. ce