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Im Supermarkt von Übermorgen

St. Wendel. Noch bevor der Kühlschrank aufgeht, weiß ich: Die saure Sahne ist nur noch sechs Tage haltbar, Milch ist keine mehr da, und auch sonst sieht es mau aus. All das sagt mir nicht mein siebter Sinn, sondern der Bildschirm außen am "intelligenten Kühlschrank". Außer der Sahne befinden sich noch Joghurt, Schnitt- und Frischkäse im Inneren Von SZ-Redaktionsmitglied Nele Scharfenberg

St. Wendel. Noch bevor der Kühlschrank aufgeht, weiß ich: Die saure Sahne ist nur noch sechs Tage haltbar, Milch ist keine mehr da, und auch sonst sieht es mau aus. All das sagt mir nicht mein siebter Sinn, sondern der Bildschirm außen am "intelligenten Kühlschrank". Außer der Sahne befinden sich noch Joghurt, Schnitt- und Frischkäse im Inneren.



Der "intelligente Kühlschrank" steht im Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz bei Globus in St. Wendel. Ein Informatiker-Team rund um Professor Antonio Krüger arbeitet am Einkaufen der Zukunft. Mit viel Technik soll Einkaufen zum Erlebnis gemacht werden: übersichtlicher, informativer und transparenter.

Am Bildschirm des Kühlschranks kann gleich eine Einkaufsliste erstellt werden. Jedes Familienmitglied kann seine persönlichen Vorlieben einstellen und im virtuellen Globus-Katalog nach neuen Angeboten suchen. Mit ein paar Klicks ist die virtuelle Einkaufsliste auch schon auf dem Handy gespeichert.

Wenige Meter neben dem Kühlschrank befindet sich der simulierte Supermarkt, inklusive Obst-Theke, Weinregal und Tiefkühltruhe. Anhand des Fingerabdrucks erkennt der Einkaufswagen die Person und ruft die Einkaufsliste ab: Schokomüsli möchte ich kaufen, eine Flasche Chardonnay, Taschentücher und Salami-Pizza.

Die Sensoren im Boden navigieren den Einkaufswagen auf dem schnellsten Weg durch den Laden. Vor dem Müsli-Regal stellt sich mir die Frage: Schokomüsli oder doch lieber das fruchtige für Kinder? Auf dem Computer über dem Regal erscheint eine Vergleichstabelle der Produkte, die ich in der Hand halte. Und siehe da: Das Kindermüsli hat mehr Fett und mehr Zucker als die Schoko-Variante. Wer hätte das gedacht? Also schnell wieder ins Regal damit.



Transparenz ist der Kernpunkt der neuen Technologie. An der Tiefkühltruhe erfahre ich, dass der Spinat Lactose enthält und wie sich daraus eine Lasagne zubereiten lässt, der "digitale Sommelier" gibt an, dass der Chardonnay gut zu Salat und hellem Fleisch passt und eine feinwürzige Note von Vanille und Frucht besitzt. Und die Bananen am Obsttresen stammen aus der Dominikanischen Republik und genügen den Bio-Standards, erklärt die virtuelle Beraterin.

Für all diese und noch weitere Informationen zum Beispiel zu Transportweg, Temperatur-Schwankungen und CO2-Ausstoß müssen die Produkte mit Sensoren versehen werden, die ein Produktgedächtnis schaffen. "Im Moment ist das noch sehr teuer", erklärt Antonio Krüger, der seit April die Professur am DFKI innehat, "aber wir gehen davon aus, dass in zehn Jahren die technologischen Möglichkeiten vorhanden und auch erschwinglich sind. Wir wollen zeigen, was möglich ist."

Nachdem die Einkaufsliste abgehakt ist, geht es zum Kassenbereich. Doch Kassiererinnen suche ich hier vergebens. Der Wagen gibt ein Signal an die Kasse. Doch nicht Bargeld, sondern Handy oder sogar Autoschlüssel sind in der Zukunft das Mittel der Zahlungs-Wahl.

Im Hinblick auf das "gläserne" Produkt fällt natürlich auch die Frage nach dem gläsernen Menschen. "Alles ist anonymisiert", sagt Professor Wolfgang Wahlster, Leiter des DFKI, "Globus weiß zwar am Ende des Tages, dass 100 Kunden eine bestimmte Flasche Wein in der Hand hatten, aber nicht, welche Leute das waren."

Zurück am Kühlschrank: Die Salami-Pizza gesellt sich zum Käse. Doch das Programm ist wachsam. "Sie haben das Produkt nicht an die optimale Position platziert", steht auf dem Bildschirm. Die Haltbarkeit der Tiefkühlkost sinkt auf einen Tag. Nimmt man die Pizza raus, erscheint sofort der Zubereitungshinweis: "Folie entfernen, im Backofen 25 Minuten backen." Das muss ich dann aber tatsächlich selbst tun. Irgendwann in der Zukunft.