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John F. Kennedy
Held, Präsident und Schürzenjäger

Im Mai 1962 fahren John F. Kennedy und seine Frau Jacqueline im offenen Cabriolet durch Washington. Foto: Abbie Rowe/National Park Service/dpa
Im Mai 1962 fahren John F. Kennedy und seine Frau Jacqueline im offenen Cabriolet durch Washington. Foto: Abbie Rowe/National Park Service/dpa FOTO: Abbie Rowe/National Park Service/dpa
Washington. Heute vor 100 Jahren wurde John Fitzgerald Kennedy geboren. Er war ein Präsident, dem die Welt zu Füßen lag. Und der bis heute ein Idol ist. Frank Herrmann

Das Haus scheint unscheinbar: Drei Stockwerke, rote Backsteinfassade, die Fensterläden in irischem Grün, davor stehen Wallfahrer, die sich nicht ganz sicher sind, ob die Angaben in den Kennedy-Broschüren stimmen. Zumal die Villa nebenan, zwei steinerne Löwen vor dem Eingang, viel mehr hermacht als das von außen eher schlichte Domizil mit der Adresse 3307 N Street NW im Stadtteil Georgetown.


Hier lebten John und Jacqueline Kennedy, bevor sie am 20. Januar 1961 ins Weiße Haus umzogen. Wenig entfernt liegt Martin's Tavern. Es ist die Kneipe, in der Jack, wie Amerikaner Leute mit dem Vornamen John gern nennen, Jacqueline Lee Bouvier einen Heiratsantrag gemacht haben soll, am 24. Juni 1953. Drei Wochen zuvor war Elizabeth II. zur britischen Königin gekrönt worden, und die junge Reporterin Jackie hatte für die Zeitung "Washington Times Herald" darüber berichtet. Im Januar 1961, auch das gehört zum Legendenschatz in Martin's Tavern, soll Jack in seinem Stammlokal den ersten Entwurf der Rede geschrieben haben, die er zur Amtseinführung halten wollte. "Ich bin ein Idealist ohne Illusionen", soll er der jungen Frau Bouvier übrigens, irgendwann bei einem Rendezvous, gesagt haben, als die ihn fragte, wie er sich definiere.

John F. Kennedy wäre heute hundert Jahre alt geworden. Ein Mann, der zeitlebens das Image eines jugendlichen Energiebündels pflegte, obwohl er in Wahrheit an einem chronischen Rückenleiden litt. Als Kennedy am 22. November 1963 in Dallas ermordet wurde, war er 46 und hatte noch kein graues Haar. Und so hat man ihn bis heute in Erinnerung, als wäre das Bild festgefroren. Auch das, glaubt Robert Dallek, die Kennedy-Koryphäe unter Amerikas Historikern, begründet die spätere Verklärung.



In dem 494 Seiten dicken Buch "JFK: A Vision for America" von Kennedys Neffen Stephen Kennedy Smith kommt Pulitzer-Preisträger Norman Mailer zu Wort. Dass Kennedy jung und schön war und seine Frau attraktiv, schrieb Mailer in einem vor 54 Jahren gedruckten Essay, "waren keine nebensächlichen, zufälligen Details, sondern neue, wichtige politische Tatsachen". Amerika sei als Land von Individualisten auf der ständigen Suche nach Helden, die das Ruder in einem Kraftakt herumreißen könnten. "Kennedy war ein Held, wie ihn Amerika brauchte, passend zu seiner Zeit."

Geboren am 29. Mai 1917 in Brookline, einem Villenvorort Bostons, war John Fitzgerald Kennedy der zweite Sohn einer Familie, die schließlich neun Kinder haben würde. Sein Vater Joseph scheffelte an der Börse ein großes Vermögen. Vor Ehrgeiz brennend, benutzte er Geld und Einfluss, um für seine Söhne Türen in der Politik aufzustoßen. Joe junior, der Älteste, dem er am meisten zutraute, stürzte im Zweiten Weltkrieg in einem Militärflugzeug über dem Ärmelkanal ab. An seiner Stelle machte der Zweitgeborene Karriere, John F., lange belächelt als dandyhafter Schürzenjäger. 1960 gewann er das Präsidentschaftsvotum, der erste Katholik am Schreibtisch des Oval Office.

Den Ausschlag gab wohl, dass er das damals noch junge Medium Fernsehen besser beherrschte als sein Rivale Richard Nixon, so wie Donald Trump mehr als fünfzig Jahre später am besten mit Twitter umzugehen wusste. Rhetorisch setzte er Glanzpunkte, etwa bei seiner Inauguration: "Fragt nicht, was Euer Land für Euch tun kann, fragt, was Ihr für Euer Land tun könnt". Unter Kennedy entstand das Peace Corps, dessen Freiwillige von Belize bis Burkina Faso Entwicklungshilfe leisten. Und es war Kennedy, der das verwegen klingende Ziel verkündete, bis Ende der sechziger Jahre einen Menschen auf dem Mond landen zu lassen. Es war dieser Can-do-Spirit, der manche von einem zweiten Kennedy sprechen ließ, als Barack Obama mit seinem "Yes, we can" alten Pioniergeist beschwor.

Sein erstes weltpolitisches Abenteuer mündete im April 1961 in einer Blamage. Kubanische Exilanten versuchten mit Hilfe der CIA Fidel Castro zu stürzen. Die Invasion in der Schweinebucht scheiterte kläglich, woraus Kennedy die Lehre zog, sich nie wieder leichtgläubig auf seine Geheimdienste zu verlassen, die einen Volksaufstand in Havanna prophezeit hatten. Im Oktober 1962, als die Sowjetunion Atomraketen auf Kuba stationierte und die Welt auf den Abgrund eines Nuklearkonflikts zutaumelte, überstimmte der Präsident die Hardliner unter seinen Generälen, die zu einem Angriff auf die Insel trommelten. Der Poker endete mit einem klassisch realpolitischen Deal: Moskau zog seine Raketen aus Kuba ab, Washington Raketenstellungen aus der Türkei. Letzteres, darauf bestand Kennedy, musste geheim bleiben, wollte er doch mit Blick auf die Falken daheim als Sieger des Nervenspiels gelten.

Im Juni 1963 hielt er vorm Rathaus Schöneberg eine umjubelte Rede, gipfelnd in den legendären Worten "Ich bin ein Berliner". Daraus wurde ein solcher Erfolg, dass Kennedy scherzte, er würde seinem Nachfolger jederzeit raten, in Zeiten der Entmutigung einfach nach Deutschland zu reisen. Nach Vietnam entsandte er Tausende Militärberater, um die prowestliche Regierung des Südens zu stützen, einen Truppeneinsatz in großem Stil befahl er allerdings nicht. Ob auch Kennedy, wie sein Nachfolger Lyndon B. Johnson, im vietnamesischen Sumpf versunken wäre? Ob ihn der Krieg entzaubert hätte? Es sind Fragen, über die sich Historiker bis heute den Kopf zerbrechen.

Das frühere Wohnhaus im Georgetown ist zur Pilgerstätte geworden.
Das frühere Wohnhaus im Georgetown ist zur Pilgerstätte geworden.
Präsident Kennedy bei seiner berühmten Berliner Rede vor dem Schöneberger Rathaus: „Ich bin ein Berliner!". Fotos: Herrmann/Heinz-Jürgen Göttert/dpa/UPI
Präsident Kennedy bei seiner berühmten Berliner Rede vor dem Schöneberger Rathaus: „Ich bin ein Berliner!". Fotos: Herrmann/Heinz-Jürgen Göttert/dpa/UPI
Der US-Präsident am Schreibtisch im Oval Office im Weißen Haus.
Der US-Präsident am Schreibtisch im Oval Office im Weißen Haus.