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Aus dem Einheitsdenkmal wird vorerst nichts

Berlin. Wenn sich Geschichte wiederholt, dann oft als Farce. 1994 wurden Künstler aufgerufen, Vorschläge für das Holocaust-Mahnmal in Berlin einzureichen. Die Ergebnisse waren teilweise peinlich. Es gab zum Beispiel die Idee, ein Riesenrad mit daran aufgehängten Güterwaggons zu errichten, eine Art gruseliges Berlin-Eye. Beim Einheitsdenkmal ist es nicht besser Von SZ-Korrespondent Werner Kolhoff

Berlin. Wenn sich Geschichte wiederholt, dann oft als Farce. 1994 wurden Künstler aufgerufen, Vorschläge für das Holocaust-Mahnmal in Berlin einzureichen. Die Ergebnisse waren teilweise peinlich. Es gab zum Beispiel die Idee, ein Riesenrad mit daran aufgehängten Güterwaggons zu errichten, eine Art gruseliges Berlin-Eye. Beim Einheitsdenkmal ist es nicht besser. Die 532 Einsendungen des Ende letzter Woche für gescheitert erklärten offenen Wettbewerbs sind seit gestern im Berliner Zentrum öffentlich ausgestellt. Von "kompletter Schrott" bis "naiv" und "beschämend" reichten intern die Kommentare der Juroren. Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November wird das Denkmal, das noch eine Zweigstelle in Leipzig bekommen soll, kaum vorangekommen sein. Vielleicht liegt es an der allzu weit gefassten Aufgabe, die der Bundestag im Herbst 2007 beschlossen hatte. Bürgerbewegung und deutsche Einheit sollten symbolisiert werden, aber gleich auch noch alle anderen Freiheitsbewegungen der deutschen Geschichte mit. Vielleicht liegt es am geplanten Standort vor dem einstigen Berliner Schloss, auf dem Sockel des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Denkmals. Hier geht nur ganz große Symbolik, die man nicht findet. Vielleicht liegt es auch einfach daran, dass die Einheit noch viel zu sehr Alltag ist - erst recht in Berlin - als dass man ihr schon die Patina eines Denkmals verpassen könnte. Es fehlt die Distanz. Was man in Berlin im Kronprinzenpalais und ab heute auch unter www.bbr.bund.de zu sehen bekommt, ist der oft krampfhafte Versuch, einem Ereignis Gestalt zu geben, das noch keine hat. Ob große Architektenbüros oder frei schaffende Künstler: Meist wird mit einfachen Metaphern gearbeitet. Man sieht Brücken, zerteilte Kugeln und halbierte Ringe aller Art, die Teilung und Wiedervereinigung symbolisieren sollen. Bäume aus Bronze oder Edelstahl müssen für die "Wurzeln der Einheit" herhalten. Es gibt einen "Wanderweg der Freiheit" und einen "Wasserfall der Freiheit", außerdem viele "Schlüssel zur Freiheit". Ein Einsender will stilisierte bunte Pferde aufstellen, weil die Ostdeutschen "gleich einer Herde wilder Pferde, die in Freiheit Gemeinschaft wählen, von Leipzig kommend" den Platz besetzt hätten. Um esoterische Erläuterungen ist kaum einer verlegen. Es gibt ein überdimensionales Papierschiffchen, die "Geschichtsarche" und eine 30 Meter hohe Giraffe, angeblich Symbol eines "Weltenbürgers, der keine Grenzen kennt". Oft dienen auch die Schriftzüge "Einheit" oder "Wir sind ein Volk" in verschiedenen Varianten als Denkmal. Einer will einen riesigen Einkaufskorb aufstellen und die Worte "Einheit" und "Freiheit" mit "Einkauf" verbinden. Manches ist provokativ gemeint, die große Blumenvase mit Ornament etwa, in der eine schlaffe deutsche Fahne steckt. Es gibt auch die Banane als Denkmal. Originell ist der Vorschlag, auf dem Platz ein "Café Deutschland" zu errichten. Vielleicht eingedenk der Tatsache, dass ringsherum noch Einheits-Großbaustelle ist: Der Palast der Republik wurde gerade abgerissen, das Staatsratsgebäude beherbergt jetzt eine Elite-Universität. Am Tag der Einheit soll nach dem Vorschlag im Bürger-Café jeder gratis ein Stück Kuchen bekommen, "als Geschenk für sein Mitwirken an der Demokratie". Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) bedauerte das Null-Ergebnis gestern bei der Eröffnung der Ausstellung und meinte, einige Vorschläge hätten "durchaus Entwicklungspotenzial" gehabt. Außerdem sei es kein Irrweg gewesen, die "Kreativität und Ideenvielfalt einer breiten Öffentlichkeit" einzubeziehen. Nun soll es erst einmal eine Denkpause geben, um vor einer neuen Wettbewerbsrunde, noch einmal über die Kriterien nachzudenken.