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„Ein Rückholprogramm für Erzieher“

Ab 1. August gilt bundesweit der Rechtsanspruch auf einen Platz in einer Kinderkrippe. Die stellvertretende SPD-Vorsitzende Manuela Schwesig fordert nun erhebliche Anstrengungen des Bundes, um die Qualität der Betreuung zu steigern. Mit der 39 Jahre alten Sozialministerin in Mecklenburg-Vorpommern und Mutter eines sechsjährigen Sohnes sprach unser Berliner Korrespondent Werner Kolhoff.

Rechnen Sie nach dem 1. August mit einer Klagewelle?

Schwesig: Nein, aber in einigen Ballungsgebieten wird es für manche Eltern schwer werden, einen Platz zu finden. Und zwar einen bedarfsgerechten Platz, was die Öffnungszeiten oder die Entfernung angeht. Die blanke Statistik sagt darüber ja wenig aus.

Haben manche Oberbürgermeister den Ausbau verschlafen?

Schwesig: Die Kommunen haben massive Anstrengungen in den vergangenen Monaten geleistet. Ich halte die durchschnittlichen 39 Prozent für zu gering. Gerade in Großstädten zeigt sich eben, dass die Nachfrage viel höher ist. Bei uns in Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel gehen 77 Prozent der Kinder, die einen Rechtsanspruch haben, in Krippen. Die Eltern brauchen und wollen diese Angebote.

Im Osten rettet man sich mit einem hohen Betreuungsschlüssel. Leidet bei diesem schnellen Krippenausbau nicht die Qualität der Betreuung?

Schwesig: Das genau darf nicht passieren, und deshalb muss sich der Bund hier weiter engagieren. Das sehen übrigens parteiübergreifend alle 16 Familienminister der Länder so. Es geht darum, gute Plätze zu schaffen, nicht irgendwelche. Da zählt auch, ob in den Gruppen ausgebildete Erzieher arbeiten oder nicht. Bei uns in Mecklenburg-Vorpommern werden 95 Prozent der Gruppen von einem staatlich anerkannten Erzieher betreut, in Bayern, wo der Betreuungsschlüssel kleiner ist, sind in den Gruppen nur die Hälfte des pädagogischen Personals Fachkräfte.

Woher so viele Erzieher nehmen?

Schwesig: Schwarz-Gelb hat vier Jahre vertan. Wir brauchen dringend eine bundesweite Ausbildungskampagne für den Erzieherberuf, und wir brauchen von der Bundesagentur für Arbeit ein Rückholprogramm für Männer und Frauen, die aus diesem Beruf ausgeschieden sind. Im Osten zum Beispiel haben sehr viele Erzieher nach der Wende wegen des Geburtenknicks den Job verloren.

Was muss Ihrer Meinung nach noch passieren?

Schwesig: Die SPD hat 2008 den Rechtsanspruch durchgesetzt, übrigens gegen den Willen der CDU. Jetzt geht es im zweiten Schritt um die Verbesserung der Qualität und drittens dann um die Gebührenfreiheit. Für uns sind Krippen, Kitas und Tagespflege Bildungseinrichtungen. Und die müssen für die Eltern kostenfrei sein. Außerdem wollen wir einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung auch in der Kita, also für die Drei- bis Sechsjährigen. Und dann wollen wir in einem weiteren Schritt auch den Rechtsanspruch auf einen Ganztagesplatz in der Schule durchsetzen.

Das wird alles eine Menge kosten.

Schwesig: Wir müssen mindestens zwei Milliarden Euro von dem Geld, das die Bundesregierung für das Betreuungsgeld verschleudern will, in den Krippen- und Kitaausbau stecken. Wir müssen massiv in eine bessere Qualität investieren. Das ist unser Versprechen im Wahlkampf. Wir unterstützen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, statt sie wie Schwarz-Gelb zu behindern.

Viele kritisieren, dass die SPD in Wirklichkeit auf eine Zwangs-Kollektiverziehung der Kinder setzt und die Erziehung zu Hause missachtet.

Schwesig: Das ist Quatsch. Im Gegenteil: Wir setzen auf Wahlfreiheit. Eltern, die arbeiten gehen, sollen auch einen Kitaplatz bekommen. Kein Elternteil hat doch zum Beispiel das Gefühl, sein Kind nicht mehr zu haben, weil es in die Schule geht. Beides gehört zusammen. Mein Sohn besucht jetzt den Kindergarten. Ich habe das nie als Alternative zu meiner Verantwortung und der meines Mannes gesehen, sondern immer als Ergänzung. Erziehung durch die Eltern ist ein 24-Stunden-Job.