1. Nachrichten
  2. Politik
  3. Ausland

Film "Die Wütenden" beschreibt Gewalt und Elend in Vororten von Paris

Der französische Film „Die Wütenden“ erzählt von den Banlieue als Brutstätten der Gewalt : Das Elend wohnt in den Vororten von Paris

Der französische Film „Die Wütenden“ erzählt von den Banlieues als Brutstätten der Gewalt. Doch die Realität ist nicht schwarz-weiß und manchmal keimt sogar Hoffnung.

An dem kleinen Tisch im Café Kleber im schicken 16. Arrondissement von Paris geht es hitzig her. Der Verkehr rauscht über den Place du Trocadéro, Wortfetzen fliegen durch den Lärm. „Abbild der französischen Gesellschaft – Laienschauspieler – überbewertet – Polizeigewalt“. Drei junge Männer liegen sich wegen eines Filmes in den Haaren, der in Frankreich im Moment für Furore sorgt. Beim Filmfestival in Cannes erhielt „Les Misérables“ (Die Wütenden) von Ladj Ly den begehrten Preis der Jury, zudem ist der Streifen für den Oscar als bester internationaler Film nominiert worden.

Für die drei Filmenthusiasten, jeder das wandelnde Klischee eines französischen Intellektuellen in Cordjackett und Seidenschal, scheint der Film wie ein Blick in eine fremde und ferne Welt – dabei liegt die Exotik sehr nahe. Sie könnten von ihrem kleinen Tischchen aufstehen, einen kurzen Spaziergang unternehmen und unweit des Place du Trocadéro in Paris in einen Vorortzug steigen, der sie in knapp 50 Minuten nach Montfermeil bringen würde, der Ort, wo „Les Misérables“ gedreht wurde. Es ist eines jener scheinbar typischen Banlieues vor den Toren der französischen Millionenmetropole, die von Banden beherrscht werden und wo die Gewalt regiert. Der Film beschreibt auch die sozialen Ungerechtigkeiten und verbauten Aufstiegschancen – und passt damit in eine Zeit, in der sich die Hoffnungslosen in Frankreich gelbe Westen überziehen, ihre Wut bei Protestmärschen auf der Straße aus der Seele brüllen und die Frustration sich oft in Gewalt entlädt.

Doch wer in Montfermeil die Hölle erwartet, wird enttäuscht. Es ist ein typisches französisches Städtchen, nicht schön und nicht hässlich, die Häuser ziehen sich rechts und links an der schmalen Hauptstraße entlang, Männer sitzen im Bistro, der Metzger hat Rinderhack im Sonderangebot und beim Bäcker stehen die Kunden bis auf die Straße.

„Les Misérables wurde eigentlich nicht in Montfermeil gedreht“, sagt Angélique Planet-Ledieu, die sich selbst als Kommunistin bezeichnet und seit einigen Jahren im Stadtrat aktiv ist. Die wirklich schlimmen Ecken seien in Clichy-sous-Bois gewesen, das mit seinen Hochhaussiedlungen unmittelbar an Montfermeil angrenzt. Aber es habe sich in den vergangenen Jahren sehr viel verändert, betont die 28-Jährige. Dieser Satz fällt in Gesprächen mit den Bewohnern des Vorstädtchens immer wieder. Was Ladj Ly in seinem Film beschreibe, diesen ungezügelten Hass in den verwahrlosten Straßen der Trabantenstadt, habe nicht mehr viel mit der Realität von damals zu tun.

Im Herbst 2005 kam es in mehreren Vororten von Paris zu den schlimmsten Unruhen in Frankreichs jüngster Gesichte. Über 10 000 zerstörte Autos, brennende Gebäude, 130 Verletzte, mehrere Tote und Tausende von Festnahmen. Auch in Montfermeil und Clichy-sous-Bois, wo viele Einwanderer aus dem Maghreb und Schwarzafrika in gesichtslosen Plattenbauten aus den 70ern wohnen, gingen Autos in Flammen auf. Es war die Zeit, als der damalige Innenminister und spätere Präsident Nicolas Sarkozy ankündigte, die Vorstädte „mit dem Kärcher“ zu reinigen.

Der 40-jährige Regisseur Ladj Ly, der selbst in Montfermeil aufgewachsen ist, drehte während der Unruhen von 2005 mit dem Künstlerkollektiv Kourtrajmé den Dokumentarfilm „365 Tage in Clichy-Montfermeil“, drei Jahre später „Go Fast Connexion“, eine Dokufiktion über Drogenhandel in den Vororten. Nun hat er aus dem Stoff den halbdokumentarischen Spielfilm „Les Misérables“ gemacht. Erzählt wird aus der Perspektive des Polizisten Stéphane, der sich in die Anti-Verbrechenseinheit in Montfermeil versetzen ließ. Was der Einsatz in dem Vorort bedeutet, wird Stéphane schnell bewusst. Hier herrschen andere Gesetze. Diverse Clans haben sich das Viertel aufgeteilt und seine Polizeikollegen haben ihre eigenen Methoden gefunden, mit denen sie sich an der Grenze zur Legalität Respekt verschaffen.

Ladj Lys Vorort-Wirklichkeit ist roh, gewalttätig und das Verhältnis zwischen Polizei und Bevölkerung extrem angespannt. Dennoch gibt es bei ihm weder Böse noch Gute. Darin liegt einer der größten Verdienste des Films. Gezeigt wird, wie alle in ihrer Situation gefangen sind – auch die Polizisten, die abgestumpft durch Hass und Gewalt, glauben, dass nur Gegengewalt die richtige Antwort ist. „Es ist zwar mehr als 150 Jahre her, dass Victor Hugo den Roman geschrieben hat, aber das Elend gibt es hier immer noch“, sagt Ladj Ly. Der Titel „Les Misérables“ (Die Elenden) ist eine Anspielung auf den gleichnamigen Klassiker von Victor Hugo – ein Teil seines Sozialromans spielt in Montfermeil.

Natürlich hat auch Xavier Lemoine den Film gesehen. Für den Bürgermeister von Montfermeil, auf dessen Haus damals wütende, mit Baseballschlägern bewaffnete Jugendliche Steine warfen, war es wie eine Zeitreise. „Das ging wirklich an die Nieren“, sagt er und auch der Lokalpolitiker betont im selben Atemzug, dass vieles besser geworden sei. Die französische Regierung hat nach den Unruhen viel Geld in die Banlieues rund um Paris gepumpt. In Montfermeil und Clichy-sous-Bois wurden die schlimmsten Plattenbauten abgerissen und durch neue, moderne Häuser ersetzt. Spielplätze wurden angelegt und das Sportangebot ausgebaut. Im Bau ist ein Kulturzentrum, die Ateliers Médicis. Angeregt von Ladj Ly sollen dort unter anderem Video-Workshops für Jugendliche angeboten werden.

Auch die Polizei wurde umstrukturiert. Früher fuhren die Beamten nur auf Streife durch die heruntergekommenen Plattenbausiedlungen, jetzt steht ein großes Revier direkt neben den neuen Hochhäusern. Das soll nicht nur Präsenz beweisen, hierher sollen die Bewohner auch mit ihren Beschwerden kommen, lange bevor sich die Wut aufstaut und zu explodieren droht. Auf den modernen Sportplätzen neben dem Revier findet gerade ein Fußballturnier für Kinder statt.

„Das ist ja alles sehr gut, aber der größte Segen ist die neue Straßenbahn“, sagt Angélique Planet-Ledieu. Bisher endete die Nahverkehrsbahn RER aus Paris kurz vor Montfermeil und die Pendler mussten auf sehr unregelmäßig verkehrende Busse umsteigen. Die im Zehn-Minuten-Takt verkehrende Straßenbahn habe dem Arbeitsmarkt vor Ort einen regelrechten Aufschwung gegeben, erklärt die Lokalpolitikerin. „Nun können sich die Leute viel einfacher nach einem Job in Paris umsehen – zumal die Arbeitslosigkeit in der Stadt noch viel zu hoch ist.“ Doch Angélique Planet-Ledieu ist der Überzeugung, dass die Probleme in den Banlieues sehr viel grundsätzlicher angegangen werden müssen. „Wir brauchen viel mehr Schulen und andere Ausbildungseinrichtungen“, fordert die junge Frau, um dann zu einem längeren Exkurs über die große Ungleichheit des französischen Bildungssystems anzuheben. „Es muss ein gesellschaftlicher Wandel stattfinden.“

 In Montfermail hat sich in den vergangenen Jahren vieles zum Postiven verändert, sagt die Stadträtin Angélique Planet-Ledieu.
In Montfermail hat sich in den vergangenen Jahren vieles zum Postiven verändert, sagt die Stadträtin Angélique Planet-Ledieu. Foto: Knut Krohn

Die Frage, ob Frankreichs Präsident Emmanuel Macron der richtige Mann ist, solch eine fundamentale Entwicklung anzuschieben, provoziert bei Angélique Planet-Ledieu einen Lachanfall. Er sei der Präsident der Reichen, der Wirtschaftsbosse, der Pariser Elite, von ihm erwartet die bekennende Kommunistin nicht viel. Ähnlich denkt der Filmemacher Ladj Ly. Der Präsident hat den Regisseur nach dessen ersten Erfolgen eingeladen, „Les Misérables“ im Elysée-Palast zu zeigen – doch der Regisseur lehnte ab. Macron müsse schon nach Montfermeil kommen und sich den Film dort anschauen.