Belegschaft von Saarstahl demonstriert in Völklingen gegen Stellenabbau

Kostenpflichtiger Inhalt: Proteste in Völklingen : Die Zeichen bei Saarstahl stehen auf Sturm

Die Belegschaft geht gegen den geplanten Stellenabbau auf die Straße. Vorstandschef Hartmann verteidigt die Maßnahmen.

5500 Saarstahl-Mitarbeiter haben am Dienstag während einer Demonstration in Völklingen gegen den drohenden Stellenabbau in der Hüttenstadt und in Dillingen protestiert. In der vergangenen Woche hatte der Vorstand verkündet, 1500 Stellen würden in den nächsten drei Jahren gestrichen und weitere 1000 Stellen ausgelagert (wir berichteten).

Völklingens Oberbürgermeisterin Christiane Blatt (SPD) sagte, vor allem Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), der die Situation der saarländischen Stahlindustrie gut kenne, müsse sich viel stärker für faire Wettbewerbsbedingungen einsetzen. Während Saarstahl und Dillinger Hütte sich stark für den Umweltschutz einsetzten, mache das die Konkurrenz aus China wegen der dort viel geringeren Umweltauflagen nicht.

Bei der anschließenden Kundgebung vor dem Völklinger Rathaus wurde deutlich, dass viele Stahlkocher Angst um ihre Arbeitsplätze haben. Stephan Ahr, der Chef des Konzernbetriebsrats, kritisierte, dass Saarstahl auch betriebsbedingte Kündigungen nicht mehr ausschließe. Aus Solidarität waren auch einige Busfahrer der Saarbahn GmbH, die zurzeit streiken, nach Völklingen gekommen. Auch Vertrauensleute der ZF Getriebe GmbH in Saarbrücken waren anwesend. Dort droht ebenfalls ein Personalabbau.

Nach der Kundgebung zogen die Stahlkocher weiter zur Betriebsversammlung in der Neuberger-Halle. Dort hatte der Vorstandsvorsitzende Tim Hartmann, der mit Buhrufen begrüßt wurde, teils einen schweren Stand. Auch wenn viele die Notwendigkeit einer Umstrukturierung akzeptieren, stieß die Art und Weise auf mitunter heftige Kritik. Ein besonderes Augenmerk galt dabei auch den Menschen mit befristeten Verträgen, die nicht verlängert werden sollen. Stephan Ahr kündigte an, auf die eigentlich anstehende Umgestaltung des Betriebsratsgebäudes zu verzichten, um acht „Befristete“ ein Jahr länger im Betrieb halten zu können. Donnernden Applaus gab es für einen Mitarbeiter, der ans Mikrofon trat und erklärte: „Wir müssen keine Leute rauskicken, nur damit die Zahlen schwarz werden. Wir müssen zusammen kämpfen!“

Tim Hartmann führte unter anderem an, dass die Werke in Völklingen und Dillingen dieses Jahr zusammen einen dreistelligen Millionenbetrag an Verlusten einfahren und die Reserven nicht mehr lange ausreichen würden. Einig war man sich – auch mit Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger (SPD) – mit der Kritik in Richtung Berlin: Dort habe man das Problem trotz vieler Warnungen verschlafen und müsse endlich aktiv werden – auch mit Hilfen zur Umstrukturierung. Das „CO2-Kostenrisiko“, so Hartmann, sei existenzbedrohend für die europäische Stahlindustrie. Rehlinger erklärte, man dürfe sich nicht „aus dem Klimaschutz verabschieden“, die Mehrbelastungen müssten aber auch getragen werden können. Das Saarland sei jetzt in Sachen einer sozialen ökologischen Wende „kein Testlabor, sondern der Ernstfall.“

Rehlinger sieht auch die neue EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in der Pflicht. „Ich rufe Frau von der Leyen zu: Schauen Sie auf das Saarland, schützen Sie den Stahl, schützen Sie die Stahlindustrie! Das wäre eine gute erste Amtshandlung“, so Rehlinger. „Wir haben mit der Völklinger Hütte bereits ein Industriedenkmal im Saarland. Eines reicht, da müssen nicht weitere hinzukommen.“

Auf SZ-Anfrage erklärte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU): „Mit der Stahlindustrie bin ich seit vielen Wochen in intensiven Gesprächen. Der Stahl muss auch künftig in Deutschland produziert werden.“

Für Mittwoch planen die Stahlarbeiter eine weitere Demonstration vor dem Saarbrücker Landtag.

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