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Fall Skripal
Russland rüstet zur „höflichen“ Antwort im Spionage-Krimi

Moskau. Der Fall Skripal gärt weiter. Die Ausweisung russischer Diplomaten will Moskau London heimzahlen. Wie, sagte Außenminister Lawrow aber noch nicht. Von Klaus-Helge Donath

Höflich war das Wort, auf das es ankam. Als Außenminister Sergej Lawrow gestern ankündigte, Russlands Antwort auf die Ausweisung von 23 russischen Diplomaten aus Großbritannien werde „sehr bald“ erfolgen, fügte er diesen Satz hinzu. Bevor die Antwort öffentlich erklärt werde, wolle es Moskau den Briten mitteilen. „Diese Antwort bringen wir, als höfliche Menschen, zunächst unseren britischen Kollegen zur Kenntnis“, sagte Lawrow. „Höfliche Menschen“ bezeichnete Russland vor vier Jahren auch jene Truppen, die die ukrainische Halbinsel Krim annektierten.


Russland legt Wert auf tadellose Haltung und die Wahrung juristischen und diplomatischen Regelwerks. Wann immer sich Moskau an die Öffentlichkeit wendet, soll der Eindruck erweckt werden, kein Wässerchen trüben zu können. Auch gestern gab sich der Außenamtschef in Moskau als Sachverwalter der Vernunft betont ruhig. Die britische Regierung verdächtigt Russland, für den Nervengiftanschlag auf den früheren Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter in Salisbury verantwortlich gewesen zu sein. Russland streitet das ab.

Die hohe Schule der Diplomatie, die Lawrow nach außen verkörpert, wird von Maria Sacharowa, der Sprecherin des Außenministeriums, indes unterlaufen. Die Arbeitsteilung scheint kein Zufall zu sein. Sacharowa kommentierte gestern die Äußerungen Theresa Mays vor dem britischen Parlament. Es seien „völlig verrückte Anschuldigungen gegen die Russische Föderation, unser ganzes Land und unser ganzes Volk“, vorgebracht worden, sagte die Sprecherin in giftigem Ton. Zweifelsohne plane Russland, symmetrische Schritte gegen Großbritannien zu unternehmen. Damit sei in Bälde zu rechnen. Derartige Vergeltungsmaßnahmen werden jedoch nicht vom Außenministerium, sondern von Präsident Wladimir Putin entschieden.

Russland bedauere es sehr, dass Großbritannien keine Fakten zu dem Vorfall zur Verfügung stelle. Vor allem wäre Moskau daran gelegen, Proben von der Substanz zu erhalten, die am Ort des Verbrechens gefunden worden seien, sagte Sacharowa. Dagegen würde sich London jedoch verwahren.

Die russische Seite zielt auf die Darstellung, das Opfer habe etwas zu verbergen gehabt und stünde selbst hinter dem Übergriff. Die Regierungszeitung „Iswestija“ sieht denn in dem Anschlag auch eine „Provokation vor den Wahlen“ am Werk. Am Sonntag wählt Russland einen neuen Präsidenten, der höchstwahrscheinlich auch weiterhin Wladimir Putin heißen wird.



Der britische Außenminister Boris Johnson hatte Moskaus Reaktion auf den Anschlag „selbstgefällig und sarkastisch“ genannt. Einerseits leugnet der Kreml den Angriff, möchte sich dessen aber gleichzeitig vor den Anhängern zu Hause rühmen. Ähnliche Verhaltensmuster zeigte Russland auch schon bei der Besetzung der Ost-Ukraine.

Konstantin Kosatschow, Vorsitzender des Komitees für internationale Politik im russischen Föderationsrat, nannte das Vorgehen des „früher einmal großen Britanniens“ als Antwort auf Johnson dann auch „niederträchtig und zynisch“.

So spitzt sich der Spionage-Krimi weiter zu, während die Briten die Rückendeckung von Deutschland, Frankreich, der EU, der Nato und den USA haben. Unterdessen fürchten russische Beobachter weiter Strafmaßnahmen aus London. Konkret geht es etwa um die Vermögen der in England lebenden russischen Oligarchen. Um die Maßnahme, deren Gelder einzufrieren, ranken sich in London bereits Gerüchte.