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Pulverfass Krim: Russen gegen Tataren

Auf der Schwarzmeer-Halbinsel Krim braut sich ein gefährlicher Sturm zusammen. Bewaffnete pro-russische Kräfte besetzen in Simferopol das Parlament der Autonomen Krim-Republik. Von Ulf Mauder und Andreas Stein (dpa)

Es gibt erste gewaltsame Auseinandersetzungen. Eine Frau wird totgetrampelt. Ein Mann stirbt an einem Herzinfarkt, als russische Kosaken mit Tataren aneinandergeraten. Von Dutzenden Verletzten und erhöhter Alarmbereitschaft ist die Rede. Die russische Schwarzmeerflotte in der Krim-Hafenstadt Sewastopol trifft zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen.

Die seit Jahrhunderten umkämpfte Halbinsel wird wieder einmal ihrem Ruf als Pulverfass gerecht. Es kann jederzeit explodieren. Zwar beteuern Offizielle in Moskau, sich nicht einmischen zu wollen. Aber in Scharen geben sich prominente russische Politiker seit Tagen auf der Krim ein Stelldichein. Der per Straßenabstimmung gewählte Bürgermeister in Sewastopol - ein russischer Geschäftsmann mit dem Namen Alexander Tschalyi - hat an den Zugängen zur Stadt Wachpunkte errichten lassen.

Die Nato und auch Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen sind besorgt angesichts der hochkochenden Emotionen. Von heißem Blut ist die Rede in der Region mit den vielen Volksgruppen - allen voran der islamisch geprägten Minderheit der Tataren, die immer wieder auch mit gewaltsamen Aktionen von sich reden machte. Schon werden Warnungen des Westens laut, die nach dem Sturz von Präsident Viktor Janukowitsch geschwächte Ukraine dürfe nicht zerfallen.

Russland, das Janukowitsch Schutz gewährt, hält sich mit Friedensappellen zurück. Kremlchef Wladimir Putin schickt stattdessen Panzer, Kriegsschiffe und Kampfflugzeuge. Offiziell spricht das Verteidigungsministerium zwar von einem Manöver. Doch Moskaus Machtdemonstration an der Grenze zur Ukraine lässt nicht nur die neue Führung in Kiew, sondern auch den Westen aufschrecken. Zudem sind mehrere russische Schützenpanzer außerhalb ihrer Stützpunkte auf der Krim gesichtet worden.

Scharf warnte der ukrainische Interimspräsident Alexander Turtschinow die Russen vor einer "militärischen Aggression". Gestern verließ er angesichts der Lage auf der Krim das Parlament in Kiew vorzeitig, um die Situation mit den Sicherheitsdiensten auszuloten. "Die Krim ist, war und wird ein Teil der Ukraine sein", betonte der neue Regierungschef Arseni Jazenjuk.

Doch die Krim ist weit von Kiew. Das Präsidium im dortigen Parlament beschloss im Eiltempo eine Volksabstimmung über die Zukunft des Autonomie-Status. Das Gremium warnte ganz im Sinne Moskaus vor der Errichtung einer rechtsextremen Diktatur ukrainischer Nationalisten. Das will auch Russland verhindern. Wenn der Westen die Proteste auf dem Maidan in Kiew und die Gebäudebesetzungen dort als Ausdruck des Volkswillens ansehe, dann müsse er nun auch den Willen der Krim-Bevölkerung akzeptieren, tönte der Außenpolitiker Alexej Puschkow.

Mit Hochdruck und fraktionsübergreifend arbeiten Abgeordnete im Moskauer Parlament daran, Angehörige der russischen Minderheit rasch mit Pässen auszustatten. Staatsmedien berichten ausführlich über die "Rossija!, Rossija!"-Rufe der Kosakenheere bei den Straßenprotesten auf der Krim. Sollten russische Staatsbürger auf der Krim bald Moskau um Hilfe anrufen, würde zumindest die neue Militärdoktrin Russlands einen solchen Eingriff ermöglichen.

Tief sitzt bis heute der Ärger in Moskau darüber, dass 1954 der damalige Kremlchef Nikita Chruschtschow die Halbinsel einfach verschenkte an seine ukrainische Heimat. Ein "historischer Fehler", eine der "verrücktesten und ungerechtesten Launen" sei das gewesen, schrieb die Boulevardzeitung "Moskowski Komsomolez". Die Krim sei doch immer ein Fremdkörper für die Ukraine geblieben.