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Massenprotest in Washington
Hunderttausende marschieren für ihr Leben

Teilnehmer am „Marsch für unsere Leben“ füllen die Pennsylvania Avenue in Washington. Hunderttausende kamen am Wochenende in die US-Hauptstadt, um gegen Waffengewalt zu demonstrieren.
Teilnehmer am „Marsch für unsere Leben“ füllen die Pennsylvania Avenue in Washington. Hunderttausende kamen am Wochenende in die US-Hauptstadt, um gegen Waffengewalt zu demonstrieren. FOTO: dpa / Alex Brandon
Washington. In Washington demonstrieren am Samstag vor allem junge Menschen gegen Waffengewalt und für schärfere Gesetze.

Die amerikanische Normalität, Audrey Connolly beschreibt sie am Beispiel ihrer High School in Chicago. In den fünf Wochen nach Parkland, erzählt sie, hätten sie gleich zweimal trainiert, was sie sonst vielleicht zweimal im Jahr üben. Vorhänge zuziehen, das Klassenzimmer verdunkeln. Unter Tischen in Deckung gehen, in der Hoffnung, dass der Schütze keinen sieht, wenn er die Tür öffnet. In Schränke kriechen. „Die Anweisung lautet: Versteckt euch, lauft davon, wehrt euch, in dieser Reihenfolge“, sagt die 16-Jährige. Auf ein Stück Pappe hat sie eine schlichte Parole geschrieben. „Wir wollen leben.“


Audrey Connolly ist mit ihrer Freundin Annalisa Cinkay nach Washington gereist, um dabei zu sein beim „Marsch für unsere Leben“. Auf der Pennyslvania Avenue, der Prachtmagistrale der Stadt, steht sie in einer dichten Menschentraube, über der ein Meer aus Plakaten wogt. „Die Kleidungsvorschriften für Schülerinnen ist strenger als die Waffengesetze!“ „Abschlussfeiern, keine Begräbnisse!“ „Es reicht!“

In Washington gehen den Organisatoren zufolge rund 800 000 vorwiegend junge Menschen auf die Straße, während US-Medien von einer halben Million sprechen. Weltstars singen, Miley Cyrus, Ariana Grande und Jennifer Hudson. Doch es sind eindeutig die Schüler, die den Ton angeben. So frei von Floskeln und Pathos, wie Connolly die Realität schildert, reden sie alle, sowohl vor der Bühne als auch oben im Scheinwerferlicht. „Wir haben genug davon, uns verstecken zu müssen“, ruft Ryan Deitsch ins Mikrofon, einer der Teenager aus Florida, die nach dem Blutbad an der Marjory Stoneman Douglas High School eine Bewegung namens „Never Again“ gründeten. „Wir haben genug davon, ständig Angst haben zu müssen. Von jetzt an kämpfen wir.“ Worum es geht, auch das steht stichpunktartig auf Postern. Schnellfeuergewehre sollen nicht mehr verkauft, hochleistungsfähige Magazine verboten, die Personalüberprüfungen vor einem Waffenkauf ausgedehnt werden.



Edna Chavez, 17, beschreibt den Abend, an dem ihr Bruder Ricardo nicht mehr nach Hause kam. Sonnenuntergang über South Central, einem schwierigen Viertel der Megacity Los Angeles. „Du hörst es knallen und denkst an Feuerwerkskörper. Es waren keine Knaller. Du siehst, wie sich das Melanin in der Haut deines Bruders grau färbt.“ Dies sei leider die Normalität, „es ist so normal, dass ich lernte, vor Kugeln in Deckung zu gehen, bevor ich das Lesen lernte.“

Naomi Wadler, ein schwarzes Mädchen aus einem Vorort Washingtons, klagt über die Zeitungen, die auf ihren Titelseiten nie über Opfer der Schusswaffengewalt berichteten, wenn es sich um Afroamerikanerinnen handle. Sie stehe hier stellvertretend für alle, die „nur Nummern sind“. Es seien nur noch sieben kurze Jahre, dann dürfe auch sie wählen, fügt die Elfjährige hinzu. Worauf die Menge einen Sprechchor anstimmt, der sich an diesem Tag noch oft wiederholt. „Vote them out! Vote them out!“: Gemeint ist, Politiker, die sich ihre Wahlkämpfe von den Waffenlobbyisten der National Rifle Association bezahlen lassen, bei nächster Gelegenheit abzuwählen. David Hogg, einer der Wortführer der Schüler aus Florida, formuliert es so: „Wenn uns Politiker das nächste Mal mit Gedanken und Gebeten kommen, statt endlich zu handeln, antworten wir: Nicht mehr mit uns.“

24 Stunden vor dem Marsch hatte Hogg, ein 17-Jähriger, der reif wirkt wie ein souveräner Erwachsener, in kleinerem Kreis die Lage in Parkland skizziert. Seine Schule erinnere ihn mittlerweile an ein Gefängnis. Über ihr knattere ein Hubschrauber des Sheriffs, an den Eingängen würden Rucksäcke kontrolliert. „Was immer du tust, wird überwacht.“ Und wo-
rüber er sich am meisten ärgere, seien Leute, die Scheinlösungen anbieten. Die etwa vorschlagen, Lehrer zu bewaffnen, damit ein Angreifer sofort auf Gegenwehr stößt. „Nichts kann dich auf so eine Schießerei vorbereiten. Du kannst dafür üben, so oft du willst. Am Ende wirst du am ganzen Leib zittern.“

Emma Gonzalez, das Mädchen mit dem raspelkurzen Haar, deren Gesicht zum Symbol des Protests geworden ist, ruft die 17 Toten des Blutbads von Parkland ins Gedächtnis, mit schlichten Sätzen, die unter die Haut gehen. „Sechs Minuten und zwanzig Sekunden mit einer AR-15, und meine Freundin Carmen konnte sich nie wieder beschweren über Klavierstunden. Aaron Feis, der Football-Trainer, konnte Keira nie wieder Miss Sunshine nennen. Joaquin Oliver konnte nie wieder mit Sam und Dylan Basketball spielen.“ Nachdem sie 17 Namen aufgezählt hat, schweigt Emma Gonzalez, bis ihr Handywecker klingelt. Sechs Minuten und zwanzig Sekunden seien vergangen, seit sie die Bühne betreten habe, sagt sie. Der Schütze habe nunmehr zu schießen aufgehört, bald werde er sich seines Gewehrs entledigen und sich unter die Fliehenden mischen.

Maureen Glover hat Bilder aneinandergereiht, nicht auf der Bühne, sondern in einer Fußgängerpassage. Es sind mehr als 200 Fotos, auf weißes Papier gedruckt und an eine lange Leine geklammert, als wären es Wäschestücke. Sie wolle jedem einzelnen Opfer eines Amoklaufs an einer amerikanischen Bildungseinrichtung, sei es an einer Schule oder einem College, ein Gesicht geben, erklärt die Buchhalterin aus New Jersey. Von 1966 bis heute, angefangen mit dem ersten Schusswaffenmassaker, das sie selbst an einem Fernseher erlebte. „Thomas Ashton, 22, erschossen an der University of Texas in Austin“, steht unter dem ersten Bild. „Jaelynn Willey, 16, tödlich verwundet an der Great Mills High School in Maryland“, unter dem letzten. Am 22. März 2018 erlag das Mädchen seinen Verletzungen, hat Glover dazugeschrieben. Fünf Wochen nach dem Schock von Parkland.