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Pussy-Riot-Aktivist
Angehörige vermuten Mordanschlag auf Kreml-Kritiker

Kreml-Kritiker Pjotr Wersilow wird derzeit in der Berliner Charité behandelt.
Kreml-Kritiker Pjotr Wersilow wird derzeit in der Berliner Charité behandelt. FOTO: dpa / Alexander Zemlianichenko
Berlin. Der russische Pussy-Riot-Aktivist Piotr Wersilow wurde wahrscheinlich vergiftet. Mit welcher Substanz, ist unklar. Inzwischen ist er auf dem Weg der Besserung. Von Anja Sokolow und Charlene Rautenberg

Ein russischer Polit-Aktivist und Kreml-Gegner wird vermutlich vergiftet. Auch seine Ex-Frau und die aktuelle Freundin sind Systemkritikerinnen. Der Fall des Moskauer Pussy-Riot-Mitglieds Piotr Wersilow enthält alle Zutaten für einen neuen Krimi aus Russland. Gerade erst wurden die Männer identifiziert, die den russischen Ex-Spion Sergej Skripal und seine Tochter in England mit dem Kampfstoff Nowitschok vergiftet haben sollen.


Die gute Nachricht: Wersilow ist zwar noch verwirrt, aber auf dem Weg der Besserung. „Wir sind zuversichtlich, dass eine Komplettheilung stattfinden wird“, sagte sein Arzt Kai-Uwe Eckardt vom Universitätsklinikum Charité gestern in Berlin bei einer Pressekonferenz. Seit Sonntag wird der 30-Jährige dort behandelt, zuvor war er in einer Moskauer Klinik.

Eine Vergiftung sei sehr wahrscheinlich, sagte der Charité-Vorsitzende Karl Max Einhäupl. Anders sei die Entwicklung der Symptome innerhalb des kurzen Zeitraums nicht zu erklären. Während bei den Skripals das Gift identifiziert werden konnte, wird man bei Wersilow möglicherweise nie herausfinden, was ihm verabreicht wurde. Das Gift habe für eine Störung des vegetativen Nervensystems gesorgt. Das ist für die Steuerung lebenswichtiger Funktionen wie Herzschlag oder Atmung zuständig.



Am vergangenen Dienstag habe sich sein Zustand plötzlich rapide verschlechtert, berichtete seine Freundin Veronika Nikulschina gestern in Berlin: „Als er aufwachte, sagte er mir, dass er nicht deutlich sehen könne. Am Anfang fanden wir es noch lustig.“ Dann sei es ihm aber immer schlechter gegangen: „Er verlor die Fähigkeit, deutlich zu sprechen, wirkte desorientiert und bekam Halluzinationen.“ Daher habe sie einen Arzt gerufen. Im Krankenhaus habe er weder sehen, sprechen noch sich bewegen können.

Die Symptome begannen, nachdem Wersilow in einem Moskauer Gericht gewesen war. Er wollte bei der Freilassung seiner Freundin dabei sein, die zuvor zwei Tage lang in Polizeigewahrsam war. Nikulschina ist ebenfalls Aktivistin der Gruppe Pussy Riot. Sie und Wersilow gehören zu den „Flitzern“, die beim Finalspiel der Fußball-WM Mitte Juli auf das Feld gerannt waren – um unter anderem gegen Polizeigewalt zu demonstrieren. Die „Flitzer“ wurden daraufhin zu wochenlangen Arreststrafen verurteilt.

Ihre Festnahme habe, glaubt Nikulschina, wieder mit der Flitzer-Aktion zu tun. Zu den Aktivistinnen gehört auch Nadeschda Tolokonnikowa, mit der Wersilow eine Tochter hat und die ebenfalls nach Berlin gereist ist. Auch Wersilows Mutter Elena ist dort. Tolokonnikowa bekräftigte, Wersilow sei mit Absicht vergiftet worden; sie sprach von einem „Versuch eines Mordanschlags oder einer Einschüchterung“.

Wersilow hat auch die kanadische Staatsbürgerschaft. Dennoch wird er wohl nach der Genesung wieder nach Russland zurückkehren. „In dem Moment, in dem er ein Ticket bekommt, wird er es in Anspruch nehmen“, sagte Tolokonnikowa. Es sei „eine Frage der Ehre, in Russland zu bleiben“. Allerdings könne sich niemand, der sich gegen die politische Elite stelle, sicher fühlen.