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Das Empire hat einen weiteren Thronfolger

London. Kate und William wollen nach Möglichkeit ganz „normale“ Eltern sein. Doch angesichts der Pflichten und Zwänge der Monarchie wird ein Familienleben, wie es allgemein üblich ist, wahrscheinlich kaum möglich sein. Von SZ-MitarbeiterHendrik Bebber

Es war der Tag, an dem der Regen und das Baby kamen - beide seit Wochen heiß ersehnt. Als die ersten Tropfen wenigstens auf einige Landstriche des ausgedörrten Königreichs fielen, setzten bei der Herzogin von Cambridge die ersten Wehen ein. Um sechs Uhr fuhr sie mit ihrem Mann Prinz William die kurze Strecke vom Kensington Palast zum St Marys Hospital nahe dem Bahnhof Paddington. Das Elternpaar betrat das Krankenhaus fast unbemerkt von dem Massenaufgebot der Medien durch einen Hintereingang. Die Spannung in dem Medien-Feldlager vor dem Marienspital stieg so hoch wie das Thermometer am heißesten Tag des Jahres. Die Journalisten konnten nur den einzigen mageren Brocken nachkauen, den ihnen der Palast gegen 7.30 Uhr serviert hatte: "Ihre königliche Hoheit die Herzogin von Cambridge wurde heute Morgen mit einsetzenden Wehen ins St Marys Hospital in London aufgenommen. Sie traf mit dem Herzog von Cambridge im Auto ein."

Für britische und andere europäische Geburtenberichterstatter war es ein perfekter Zeitpunkt für die Morgennachrichten. Mutter und Kind waren unterdessen in guten und teuren Händen. Die Herzogin von Cambridge wurde von dem langjährigen Gynäkologen der Queen, Marcus Setchell, betreut, der auch den zwei Kindern der Gräfin von Wessex und Prinz Edward auf die Welt half. Alan Farthing, der neue Frauenarzt der Königin, assistierte im Kreissaal, wo auch Prinz William seiner Frau beistand. Kate entband im privaten "Lindo-Flügel" des "St Marys Hospital", das dafür ein Honorar von 12 000 Euro berechnet. Vor 31 Jahren gebar Prinzessin Diana hier William. Damals erwogen die Ärzte einen Kaiserschnitt. Doch bei Kates Sohn soll laut BBC alles gut laufen und eine natürliche Geburt erfolgt sein.

Für Prinz Charles war es nicht gerade höchste Eisenbahn. Am Tag, als sein erstes Enkelkind und Thronfolger Nr. 3 auf dem Weg war, besichtigte die Nummer 1, wie schon lange vorher geplant, das Nationale Eisenbahnzentrum in York. Prinz Charles interessierte sich stark für die Spezifikation klassischer Dampfloks, aber nicht für die Fragen, was auf der Wöchnerinnenstation im fernen Londoner Krankenhaus abläuft. "Ich weiß auch nichts seit der offiziellen Verlautbarung", meinte Charles kurz angebunden. "Wir müssen einfach abwarten." Wesentlich aufgeschlossener als Prinz Charles war Premier David Cameron: "Ich bin wahnsinnig begeistert und so ist es das ganze Land." Freilich teilen laut Umfragen 46 Prozent der Briten nicht die Meinung des Regierungschefs und schalten ab oder überblättern die Zeitungsseiten bei königlichen Baby-Nachrichten. Dies sind nicht nur Antiroyalisten, sondern "Untertanen", denen der Hype langsam auf den Keks geht. Aber die Welt scheint überhaupt nicht genug davon zu bekommen: Tausende von Touristen, die den Wachwechsel im Buckingham Palst bewunderten, harrten danach aus, um als erste die Verlautbarung zu lesen, die das große Rätsel, ob Junge oder Mädchen, endlich löste.

Traditionell verging auch in der Epoche von E-Mail und Twitter einige Zeit, bis die erlösende Nachricht "per reitenden Boten" übermittelt wurde. Während Prinz William seine Mutter, Prinz Charles und Kates Eltern anrief, brachte ein Höfling das ärztliche Bulletin zum Buckingham-Palast. Hier wurde es auf einer vergoldeten Staffelei hinter dem Tor ausgestellt. Und schließlich donnerten die Kanonen im Hyde Park und dem Tower den königlichen Salut, und vom Fernsehturm im West End verkündete die Leuchtschrift die Ankunft des - wie US-Fernsehsender meinten - "wichtigsten Babys der Welt."Totz allen Pomps und strikten Zeremoniells am Hofe wollen Prinz William und seine Frau Kate moderne Eltern sein, sich schlaflosen Nächten aussetzen und volle Windeln selbst wechseln. Ein ganz normales Familienleben dürfte angesichts der Pflichten und Zwänge der Monarchie trotzdem schwierig werden.

"Wir bekommen immer wieder zu hören, dass ihre Eltern ihnen eine normale Kindheit bieten wollen", sagt Patrick Jephson, ehemaliger Privatsekretär von Williams verstorbener Mutter Diana. "Doch die Wahrheit ist leider, dass sie nicht normal sind und das auch nie sein können."

Die britischen Royals sind bekannt für ihre unerschütterliche Kühle, die berüchtigte "stiff upper lip" - schließlich verbrachten sie ihre Kindheit vor allem mit Kindermädchen, in Internaten und nicht bei ihren Eltern. Kate scheint sich wohlzufühlen mit Kindern und will Medienberichten zufolge auf eine Vollzeit-Nanny verzichten. Doch ob sie tatsächlich mit der königlichen Tradition bricht, bleibt fraglich.

"Kate hat zwar betont, dass sie keine Kindermädchen will, aber das war vor den sechs Monaten voll schlafloser Nächte", sagt Claire Irvin, Chefredakteurin der Zeitschrift "Mother & Baby". "Trotzdem ist sie ziemlich modern und will keine riesigen Entourages von Helfern."

Das Paar habe gar keine Wahl, glaubt Phil Dampier, der seit 28 Jahren als Hofberichterstatter arbeitet. William werde bald immer mehr königliche Pflichten übernehmen, so dass Hilfe unumgänglich sei. "William wird auch Windeln wechseln wollen, aber sie werden um eine Vollzeit-Nanny nicht herumkommen, auch wenn sie keine haben wollen."

Königin Elizabeth II. und ihre Schwester Margaret wurden zuhause von einer Gouvernante erzogen, Williams Vater, Prinz Charles, war todunglücklich im schottischen Internat Gordonstoun. Doch die Zeiten, in denen der königliche Nachwuchs seine Eltern nur selten sah und zurückgezogen aufwuchs, sind vorbei. Es war vor allem Dianas Verdienst, aus diesem Muster auszubrechen. Sie sorgte dafür, dass ihre Jungen "normale" Dinge unternahmen, obwohl beide aufs exklusive Eton-Internat gingen. "Sie nahm sie mit zu den Obdachlosen und unternahm normale Ausflüge zu Vergnügungsparks", sagt Dampier. "Ich bin sicher, Will und Kate werden das Gleiche tun wollen."

Symbolträchtig wirkt allein schon, dass Großbritanniens jüngster Royal außerhalb des elitären Palastumfelds ins Leben starten könnte: Medienberichten zufolge will Kate die ersten sechs Wochen nach der Geburt in ihrem Elternhaus in der Grafschaft Berkshire westlich von London verbringen.