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Naturkatastrophe
Der Tod unter dem Asche-Regen

Guatemala-Stadt. Der stärkste Ausbruch des Volcán de Fuego seit Jahren verwüstet die armen Dörfer Guatemalas. Menschen verbrennen in den Strömen aus Asche, Gas und Lava. Von Patricia Castillo und Denis Düttmann

Asche soweit das Auge reicht. Der grau-braune Staub hat sich auf Häuser, Straßen und Bäume gelegt. Das einst satte Grün der Berghänge am Volcán de Fuego (Feuervulkan) ist unter einer dicken Decke verschwunden. Nach dem schweren Vulkanausbruch im zentralamerikanischen Guatemala suchen die Rettungskräfte noch immer noch nach Verschütteten. Den Helfern bieten sich Bilder des Schreckens. Verbrannte Leichen, zu Mumien erstarrt, von Asche bedeckt. Als der pyroklastische Strom aus Asche, Gas, Gestein und Lava die Bergflanke hinab raste, blieb vielen Dorfbewohnern keine Zeit zur Flucht.


„Ich bin schon seit 32 Jahren im Dienst, aber das ist heftig“, sagt Feuerwehrmann Erwin Villagran der Zeitung „Prensa Libre“. „Wir wussten nicht, was auf uns zukommt, wie sehr uns das betrifft.“ Die Einsatzkräfte legen die Leichen in Plastiksäcke, hängen sie an Baumstämme und tragen sie auf ihren Schultern aus dem Katastrophengebiet. Wenn die Helfer die Toten anheben, fallen die völlig verbrannten Körper häufig auseinander. „In den Strömen herrschen Temperaturen von bis zu 400 Grad“, erklärt der Direktor des guatemaltekischen Instituts für Vulkanologie (Insivumeh), Eddy Sánchez.

Mindestens 75 Menschen kamen nach Angaben des forensischen Instituts bei dem Unglück ums Leben. Zudem gelten fast 200 Menschen als vermisst. Auch Boris Rodríguez sucht nach seiner Frau. Sie verbrachte den Sonntag bei ihren Eltern, während er arbeiten ging. „Ich weiß nicht, wo sie ist. Aber ich gebe sie noch nicht verloren“, sagt er mit tränenerstickter Stimme dem Radiosender Emisoras Unidas.



Immer wieder müssen die Bergungsarbeiten unterbrochen werden. Mal machen heftige Regenfälle die Suche unmöglich, dann wieder rumort der Vulkan und versetzt Anwohner und Helfer in Panik. Am Dienstag rauscht erneut ein Strom aus Staub und heißen Gasen die Berghänge hinab. „Der Vulkan hat schon viel Energie abgebaut, aber es gibt noch immer leichte Eruptionen“, sagt Insivumeh-Chef Sánchez.

Präsident Jimmy Morales ruft seine Landsleute zur Ruhe auf: „Ich vertraue auf Guatemala und auf unsere Institutionen. Dieser Schicksalsschlag wird uns stärker machen.“ Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schreibt in einem Kondolenztelegramm an den Präsidenten: „Seien Sie versichert, dass die Bundesregierung in diesen schweren Stunden an der Seite Guatemalas steht.“

Allerdings wird auch Kritik laut: Die Behörden hätten die Menschen an den Berghängen nicht rechtzeitig vor dem Ausbruch gewarnt. Das Institut für Vulkanologie habe am Sonntag zwar auf die Aktivität des Vulkans hingewiesen, doch der Katastrophenschutz habe keine Evakuierungen angeordnet, berichtet die Zeitung „El Periódico“.

Wenn der Vulkan erst ausbricht, ist es für eine Flucht zu spät. „Eine tödliche Mischung aus Asche, Gesteinsbrocken und heißen Gasen rast dann die Hänge hinunter“, erklärt Adam Voiland von der US-Weltraumagentur NASA. „Pyroklastische Ströme bewegen sich oft mit einer Geschwindigkeit von über 80 Kilometern pro Stunde und machen Bäume, Häuser und alles andere auf ihrem Weg dem Erdboden gleich.“

Das katholische Hilfswerk Caritas richtete drei Notunterkünfte ein. „Diese Naturkatastrophe hat ausgerechnet zwei der ärmsten und abgelegensten Dörfer der Region am schwersten getroffen“, sagt der Referatsleiter für Lateinamerika, Claudio Moser. „Das Hauptaugenmerk unserer Helfer vor Ort gilt derzeit der Bergung der unzähligen Verschwundenen.“ Wegen des Regens bestehe akute Überschwemmungsgefahr in den betroffenen Regionen. Trinkwasserquellen seien wegen Vulkanasche-Verschmutzung schon jetzt vielfach nicht mehr nutzbar. Derweil kämpfen die Ärzte weiter um die Leben der Verletzten. 33 Patienten mit Verbrennungen dritten Grades werden in den Krankenhäusern der Region behandelt, wie Gesundheitsminister Carlos Soto gestern sagte. Mindestens sechs Schwerverletzte sollen in US-amerikanische Spezialkliniken gebracht werden.