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Alle deutschen Lottomaschinen kommen aus Saarbrücken

SERIE SCHÄTZE DES SAARLANDES, TEIL 5 : Die Glücksmaschine aus Saarbrücken

Am 8. November sollte eigentlich die neue Ausstellung „Mon Trésor – Europas Schatz im Saarland“ im Weltkulturerbe Völklinger Hütte beginnen. Wegen Corona ist der Start auf unbestimmte Zeit verschoben. In dieser Serie stellen wir vorab ausgewählte Exponate vor. Heute: das Lottoziehungsgerät.

„Lottomaschine“ lautet der Suchbegriff. 223 Treffer spukt der bekannte Online-Händler mit A am Anfang aus. Und dennoch: Keine der Maschinen ist das Original. Keine ist so Sinnbild des Zufalls wie diese, die wir aus dem Fernsehen kennen. Vom Samstagslotto, von der Ziehung der Lottozahlen „6 aus 49“. Zwischen 1965 und 2013 hat der deutsche Lottospieler das Gerät immer wieder samstags live in der ARD bei der Arbeit beobachtet, hat es angefleht, verflucht, gepriesen. Seither sieht der Lottospieler die Maschine nur noch im Internet. Was aber fast keiner weiß: Die Plastik-Trommel samt 49 Bällen kommt aus der Saarbrücker Schumannstraße. Schon in der Fernsehsteinzeit. „Wir bauen seit fast 60 Jahren diese Geräte“, sagt Hans-Joachim Brösch, Firmenchef des Herstellers Brösch GdbR.

Nicht nur für deutsche Lottospieler. Seine Firma liefert Ziehungsgeräte bis nach Singapur, Sri Lanka, nach Marokko, Burundi, Neuseeland, nach Mittel- und Südamerika. „Insgesamt haben wir über 200 Kunden in 45 Ländern“, nennt der Unternehmer Eckdaten. Er hat „viele unterschiedliche Lotto- und Ziehungsmaschinen im Angebot. Bis zu 100 Kugeln“, sagt er. Jeder Lottoanbieter habe ja andere Ideen. Was die Ziehungsgeräte kosten, will Brösch nicht verraten. Fest steht: Die Maschinen seiner Firma haben in den vergangenen Jahrzehnten Tausende Lotto-Millionäre gemacht. „Trotz der geringen Wahrscheinlichkeiten gewinnt ziemlich oft jemand im Lotto Millionen“, sagt Brösch und lacht. Allein in Deutschland freuten sich voriges Jahr 125 Lotto-Millionäre über ihr plötzliches Glück. Der höchste Gewinn, der ins Saarland ging? 13,2 Millionen Euro im Dezember 2003. Bedankt habe sich aber noch nie jemand bei ihm: „Es weiß ja keiner, dass wir die Geräte bauen“, sagt Brösch, der kein Bild von sich in der Zeitung sehen will.

Dabei weiß in Deutschland fast jeder, wie seine Maschine funktioniert: Zunächst sagen Moderatorinnen wie einst Karin Tietze-Ludwig oder Franziska Reichenbacher folgenden Satz (der ja auch ein Schatz ist): „Der Aufsichtsbeamte hat sich vor dieser Sendung von dem ordnungsgemäßen Zustand des Ziehungsgerätes und der 49 Kugeln überzeugt.“ Erst dann startet die „Lottofee“ die Maschine. Die Kugeln prasseln in eine Trommel aus durchsichtigem Plastik. Sie beginnt zu drehen, zunächst nach rechts. Die Kugeln purzeln, wirbeln, bis die Brösch-Maschine die Richtung auf links dreht, und sich eine Gleitschiene einige der 49 Bälle greift – und einen davon in ein Röhrchen plumpsen lässt. Kamerazoom auf die gefallene Kugel und Zahlen-Ansage der Moderatorin. Danach beginnt die Maschine wieder von vorn. Bis sie sechs Kugeln und die Zusatzzahl rausgefischt hat.

Nicht zu verwechseln mit der Maschine aus dem Mittwochslotto, die neben Moderatorin Heike Maurer zwischen 1982 und 2013 im ZDF Millionäre ausloste. Diese Trommel drehte sich nicht, die Kugeln tanzten dennoch durch die Luft, da die Maschine Luft ins Gehäuse pustete. Das Gerät kommt aber auch aus dem Hause Brösch. Genau wie die Maschine für Spiel 77, oder für die Super 6.

Die Kugeln sehen übrigens nicht nur aus wie nummerierte Tischtennisbälle. „Sie sind auch tatsächlich von einem Hersteller für Tischtennisbälle“, erklärt Brösch. Dennoch seien sie keine gewöhnlichen, „sie sind Spezialanfertigungen“, sagt der Firmenchef. In Deutschland messen die Kugeln 40 Millimeter im Durchmesser, sind 3,09 Gramm schwer. Bälle für andere Länder hätten einen Durchmesser von bis zu 73 Millimetern. „Sie sind vom Eichamt abgenommen. Sie dürfen nur gewisse Gewichts- und Maßtoleranzen haben.“ Und: Sie müssen turnusmäßig getauscht werden, erklärt Brösch. Die Kugeln kommen auch nur unter notarieller Aufsicht aus dem – und wieder ins Gerät. „Das sind nahezu heilige Handlungen“, meint Brösch.

Dazu komme, dass „jeder Prototyp unserer Maschinen vom Tüv überprüft wird“. Die Ingenieure testen, ob die Mechanik garantiert, dass die Maschine alle Zahlen etwa gleich oft zieht – so wie es die Wahrscheinlichkeitsrechnung von dem Gerät einfordert. „2000 Ziehungen simuliert der Tüv“, berichtet Brösch. Danach lasse sich schon gut erkennen, dass die Zahlen gleichverteilt sind. „Auch meine Wartungsarbeiten an den Maschinen müssen dokumentiert werden“, sagt Brösch. Darum glaubt fast jeder daran, dass diese Lotto-Maschine kein krummes Ding drehen will, dass sie kein Betrüger ist. Sie wählt zufällig Millionäre aus.

Das bestimmen auch die Regeln der World Lottery Association so, zu der der Deutsche Lotto- und Totoblock gehört. Er veranstaltet die großen Lotterien hierzulande und ist eine Gemeinschaft der 16 selbständigen Lotteriegesellschaften der Bundesländer. Darunter auch Saartoto. Und zu dessen ehemaligen „Chef Hanns-Josef Christ hatte mein Vater Paul ein gutes Verhältnis“, erinnert sich Brösch an die saarländischen Anfänge des Geschäftes mit den Ziehungsgeräten.
Der Saartoto-Chef habe 1964 die Firma gebeten, „ein automatisches Lottoziehungsgerät zu entwickeln“. Saartoto hatte da gerade den Vorsitz im deutschen Lottoblock und hatte nur ein „Gerät für den händischen Betrieb. Aus der Schweiz“, erinnert sich Brösch. Seine Familie sagte zu, sie trauten sich die Entwicklung zu. Bereits seit 1920 betrieben sie ein Elektrogeschäft. „Mein Opa hatte es gegründet. Wir haben Motoren repariert, Elektro-Installationen haben wir auch gemacht.“ Und dann eben Lottomaschinen. Mit Erfolg. Nicht nur im Saarland waren sie begeistert von der Präzision des Zufalls. Über Saartoto und den deutschen Lottoblock kam das Gerät 1965 zum Hessischen Rundfunk, der in den kommenden Jahrzehnten die Ziehungen für die ARD produzieren sollte. Immer mit Maschinen aus dem Hause Brösch. Fast immer live. So wurden die Lottomaschinen aus Saarbrücken bekannt. Weltweit. Auch in der DDR drehten sie am Glück.

Mindestens so bekannt wie das Ziehungsgerät: Karin Tietze-Ludwig, die über 30 Jahre lang, von 1967 bis 1998, die Ziehung der Lottozahlen am Samstag moderierte. Foto: dpa

Seit 2013 wirbeln die Kugeln in der deutschen Brösch-Lotto-Maschine nun im Internet. Produzent ist nicht mehr der HR. Das hat der Saarländische Rundfunk übernommen. Er streamt mittwochs (18.25 Uhr) und samstags (19.25 Uhr) die Ziehungen vom Halberg aus zu den Glückseligen ins Internet (lotto.de). Celina Fries, Miriam Hannah und Chris Fleischhauer heißen die Moderatorinnen und der Moderator heute. Noch immer sagen sie einen Satz mit den Wörtern „Kugeln, Ziehungsgerät, ordnungsgemäß und überprüft“. Und dennoch gab es am 11. Mai 2019 ein „technisches Problem“, wie Miriam Hannah damals sagte. Statt in das leere Röhrchen Nummer fünf fiel die fünfte Zahl – die 1 – in den vierten Zylinder und damit auf die Kugel mit der Zahl 25. Ungültig. Für Brösch bis heute nur „schwer erklärbar“; mehr will er dazu nicht sagen. Sicher ist aber: Für solche Fälle steht ein Ersatzgerät bereit. Zwei Minuten lang wurde die Sendung damals unterbrochen, dann ging es weiter. 2013 wollten auch mal nicht alle Kugeln in die Trommel – zwei hingen fest. Was aber erst nach der Ziehung auffiel, sie musste wiederholt werden. „Das war ein Bedienfehler“, erinnert sich Brösch – genau wie bei einigen andere Ziehungspannen zuvor, sagt er. Manchmal falle auch „ein Scheinwerfer auf die Trommel“. Für ernste Fälle gebe es aber immer die Ersatzmaschine. „Insgesamt gibt es drei von den deutschen“, sagt Brösch. Eine Samstags-Lottomaschine steht nun in der Ausstellung in Völklingen. Als Schatz des Saarlandes. Sowas hat kein Online-Händler im Angebot. Diesen Schatz hat nur die Brösch GdbR im Angebot.