Saarbrückerin kritisiert, dass RTW erst lange nach dem Notruf kam

Kostenpflichtiger Inhalt: Rettungsdienst : Rettungsdienst steht nach Einsatz in der Kritik

Ein Schwerkranker bricht in Saarbrücken zusammen. Kritiker sagen, ein RTW sei erst nach vier Notrufen da gewesen. Der Rettungsdienst-Zweckverband sieht keine Fehler bei den Einsatzkräften. Und er lobt die Ersthelfer.

Boulekugeln klackern. Stimmengewirr liegt über dem Max-Ophüls-Platz an diesem 13. August, einem Dienstag. Kurz nach 19 Uhr weicht der Spaß der Angst um ein Leben. Der Gelassenheit beim Spiel mit dem Kugeln folgt das Warten auf die Retter. Minuten, die sich scheinbar zur Ewigkeit dehnen. Ulrike Donié war dabei. Bis heute kann sie nicht fassen, was bis gegen 20 Uhr vor ihren Augen wie ein schlimmer Film ablief.

Da lag ein Mann am Boden. Er war entkräftet zur Erde gesunken, nachdem er sich erst noch gegen einen Baum gelehnt hatte. „Er sah erbärmlich aus.“ Ein junger Beobachter der Szene wählte den Notruf. Es war etwa 19.10 Uhr, wie Donié sagt.

Dann passierte – erst mal nichts. Das Warten zehrte an den Nerven. Wo bleiben die bloß? Zweiter Anruf. Donié erinnert sich an die Antwort aus der Leitstelle: „Der RTW kommt, schauen Sie bitte, dass der Mann bei Bewusstsein bleibt.“ Er war mitunter schon ganz weg, brachte aber noch hervor, er heiße Konrad, komme aus dem Evangelischen Krankenhaus und habe einen Hirntumor. „Dann brach er völlig zusammen“, sagt Donié.

Eine Ersthelferin tätschelte dem Mann die Wange, um ihn bei Bewusstsein zu halten. Und noch immer war kein Martinshorn zu hören, kein Rettungswagen in Sicht. Ein erneuter Anruf. Donié spürte, wie die Unsicherheit wuchs. „Wir waren entsetzt und hatten große Angst, dass der Mann uns stirbt.“ Deswegen ein viertes Telefonat. „Da kam die Antwort, der Wagen sei in der Dudweiler Landstraße.“ Fünf Minuten später war er da. „Er trudelte gegen 19.50 Uhr gemütlich ein“, sagt Donié. Ihr Eindruck über den Mann und die Frau, die dem RTW entstiegen: „Die haben das überhaupt nicht ernst genommen.“ Zunächst jedenfalls.

Dann hätten der Fahrer und die Sanitäterin den Kranken in den Wagen verfrachtet und sich drinnen lange um ihn gekümmert. „Der Fahrer sagte schließlich: ,Wenn wir das gewusst hätten, wären wir mit Blaulicht gekommen’.“ Abgefahren sind sie jedenfalls auch nicht mit Blaulicht, wie sich Mitglieder der Boule-Gruppe erinnern.

Zurück blieben nachdenkliche Helfer. Ulrike Donié lässt das ungute Gefühl bis heute nicht los, das dieser Einsatz bei ihr auslöste „Uns hat das alles große Angst gemacht. Die haben offenbar den Ernst der Lage verkannt, obwohl wir viermal anriefen. Denn dann kamen sie gemütlich angefahren. Danach fragten wir uns, was wohl wäre, wenn wir mal einen Rettungswagen brauchen.“

Für das Rettungswesen im Saarland zuständig ist der Zweckverband für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung Saar (ZRF) in Bexbach. Die SZ konfrontierte den ZRF mit der Kritik an diesem Einsatz. Verbandssprecher Lukas Hoor teilte am Freitag mit, die Leitstelle müsse die Dringlichkeit eines Notfalles nach medizinischen Gesichtspunkten beurteilen.

Je nachdem wie der Disponent das Ereignis einstuft, schicke er einen Krankenwagen, Rettungswagen oder einen Notarzt zur Einsatzstelle. Bei Lebensgefahr dürften die Rettungsfahrzeuge Blaulicht und Martinshorn nutzen.

Hoor vollzog wegen der Kritik von Ulrike Donié den Einsatz nach. Demnach vergingen zwischen dem ersten der insgesamt vier Notrufe und dem Eintreffen des Rettungswagens nicht 40, sondern 27 Minuten. Und die Maßnahmen der Retter waren nach Hoors Ansicht angemessen.

„Aufgrund der Inhalte des Notrufes konnte man davon ausgehen, dass keine akute Lebensgefahr bestand. Diese Einschätzung war nach unseren Erkenntnissen auch rückblickend fachlich korrekt.“ Außerdem hätten die Anrufer die Nachfrage des Disponenten verneint, ob sich der Zustand des Mannes verändert oder verschlechtert.

Da wegen anderer Notfälle kein anderer Rettungswagen aus der Nähe verfügbar gewesen sei, habe der Disponent ein Fahrzeug aus Dudweiler alarmiert, einen Wagen der zudem auf der Autobahn auf dem Rückweg zum Standort war. Und das war, wie Hoor ergänzt, die Ursache für die verlängerte Anfahrtszeit zur Einsatzstelle.

Die Rettungsleitstelle koordiniert, wie der ZRF im Internet mitteilt, pro Jahr etwa 65 000 Notfalleinsätze. Eine konkrete Beschwerdequote lasse sich aber nicht benennen, sagt der Sprecher.

Und dann macht Lukas Hoor den Ersthelfern noch ein Kompliment, die dem hilflosen Mann auf dem Max-Ophüls-Platz in seiner Not zur Seite gestanden und die 112 gewählt haben. „Die Anrufer in diesem konkreten Fall haben alles richtig gemacht. Sie haben sich vom Disponenten der Leitstelle durch das Telefonat führen lassen und alle gezielten Nachfragen ruhig und korrekt beantwortet.“

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