Experte referiert in Blieskastel über Trickbetrüger

Kostenpflichtiger Inhalt: Neuste Masche der Trickbetrüger : Höchst kriminell. Skrupellos. Und ohne Mitleid

In Blieskastel klärt ein Experte in einem Vortrag über Trickbetrüger auf. Im Saarland wurden bereits Hunderte Opfer der neuesten Masche.

Ob die Wörter „skrupellos“ und „eiskalt“ noch ausreichen, um das Gesehene auf dem Bildschirm zu beschreiben, sei mal dahingestellt. Tatsache ist, dass organisierte Banden ihre Opfer nicht nur ausnehmen, sondern obendrein noch bitterböse verhöhnen.

Es war am Montagabend, 20.15 Uhr, als der TV-Nation Deutschland ein tiefer Einblick zuteilwurde in ein Thema, das wohl viele Zuschauer wütend oder sprachlos zurückließ. „Vorsicht Falsche Polizisten!“ war die wohl einzigartige Live-Sendung auf RTL mit Moderator Steffen Hallaschka überschrieben. Sie zeigte eine atemberaubende weil brandgefährliche Undercover-Reportage (mit versteckter Kamera) und anschließende Talks mit Opfern und Experten.

Man erfuhr, wie vollkommen rücksichtslos die Gangster arbeiten. Ort des Geschehens nach den Erkenntnissen der Ermittler: zumeist die Türkei. Im Mittelpunkt der Live-Sendung stand dabei die Frage, wie sich potenzielle Opfer vor diesen hemmungslosen Trickbetrügern schützen können. Insgesamt neun Präventionsexpertinnen und -experten nahmen im Studio in Berlin unzählige Anrufe von Zuschauern entgegen. Auch von denen, die schon mal in die Falle getappt sind und viel Geld verloren haben – und den Glauben an die Menschheit gegen Ende ihres Lebens.

Während der RTL-TV-Sendung „Vorsicht Falsche Polizisten!“ saß auch Kriminalhauptkommissar Reiner Both vom Landespolizeipräsidium in Saarbrücken (hinten, Zweiter von rechts) im Studio und nahm mit insgesamt acht Kollegen aus anderen Bundesländern die unzähligen Anrufe der Zuschauer entgegen. Foto: TVNOW / Andreas Friese

Einer dieser Präventionsexperten im Studio war Reiner Both, Kriminalhauptkommissar mit Sitz im Landespolizeipräsidium in Saarbrücken. Ihn und seinen Kollegen, Kriminaloberkommissar Klaus Gunkelmann, haben wir diese Woche besucht. Both erzählt, dass sein Kieler Kollege neben ihm unter anderem den Anruf einer Frau entgegen genommen habe, die durch die „Falsche Polizisten“-Masche 50 000 Euro verloren hat. Als sie die Reportage sah, kam alles wieder in ihr hoch. Sie weinte minutenlang ganz bitterlich.

Klaus Gunkelmann indes hat vor wenigen Tagen bei den Stadtwerken in Blieskastel einen Vortrag gehalten zum Thema Trickbetrüger, bzw. organisierte Kriminalität. Und seinen Zuhörern viele wertvolle Tipp mit auf den Weg gegeben.

Mit ihm im Dialog erfahren wir mehr über das, was sich da abspielt. Der Beamte liefert auch Zahlen, die staunen machen und sehr aufschlussreich sind. So sind im Jahr 2018 unter der Rubrik „Betrugsdelikte“ 287 Enkeltrick-Fälle allein im überschaubaren Saarland aufgelistet. 13 Mal kam es zur Vollendung. Schadenshöhe: rund 208 000 Euro. Beim sogenannten Callcenter-Betrug – darunter fällt auch und vor allem die „Falsche Polizisten“-Masche aus dem Ausland – wurden im genannten Zeittraum 798 Fälle bekannt, vier Mal floss Geld. Viel Geld. Denn die Schadenshöhe beläuft sich hier auf rund 291 000 Euro. Bei insgesamt 16 Bundesländern kommt da eine horrende Schadensumme zustande.

„Der Enkeltrick“, sagt unser Gesprächspartner, „ist uralt, er wird immer nur neu aufgelegt.“ Und er funktioniere immer noch. Obwohl in den Medien oft und ausführlich berichtet wird, wie das Ganze funktioniert.

Mit der Polizisten-Masche habe es derweil etwa vor fünf Jahren angefangen, massiver sei die Sache vor zwei, drei Jahren geworden. Ganz perfide sei dabei, dass die Gangster sogar echte Polizeibeamte mit einbinden, und zwar aus Gründen der Glaubwürdigkeit. Die Täter rufen in den Inspektionen an und schicken die ahnungslosen Beamten am Anwesen eines betagten Menschen, den sie gerade an der Angel haben, vorbei – unter einem glaubhaften Vorwand. Dass etwa in der Straße mehrere zerkratzte Autos vorzufinden seien. Der Senior/die Seniorin kriegen die Präsenz auch angekündigt, schauen aus dem Fenster, sehen den Streifenwagen, und schon ist das Vertrauen noch ein gutes Stück mehr gefestigt. Der Täter am anderen Ende der Leitung kann fortfahren und den Druck auf sein Opfer erhöhen.

Was dieses betrifft, so Gunkelmann, gehen den Verbrechern mehr Frauen als Männer ins Netz. Wobei sich die falschen Polizisten auf alte Vornamen im Telefonbuch konzentrieren: etwa Ottilie, Elfriede oder Adelheid. Es werde im Übrigen aber auch Adressenhandel betrieben. Die Täter, so sagt er auch, seien „gut geschult“, sie hielten die Leute am anderen Ende der Leitung ständig unter Druck, setzten sie einer Stress-Situation aus und verführten sie so ganz perfide zu irrationalen Handlungen.

Diesen mahnenden Aufsteller der Polizei kann man zur Vorsicht und der Erinnerung halber neben dem Telefon platzieren. Foto: Tom Peterson

Es gibt aber auch noch andere Tricks, um an das Geld zumeist betagter Herrschaften zu kommen. Da bietet sich etwa ein junger Mann an, der Seniorin die schwere Einkaufstasche im Treppenhaus hochzutragen. So kommt er in die Wohnung. Plötzlich ist da noch ein Mann. Der Taschenträger lenkt die Frau ab, und sein Komplize geht auf die Suche nach Schmuck und Bargeld.

Und warum fallen zumeist alte Leute auf solche und andere Maschen herein? Das so Klaus Gunkelmann, sei auf vier Faktoren zurückzuführen: geringere Mobilität und Reaktionsfähigkeit, was beim Betrug an der Haustür eine Rolle spielt, Hilfsbereitschaft und der anerzogene Respekt vor Amtspersonen. Wobei wir wieder bei den falschen Polizisten sind. Niemand, sagt unser Gesprächspartner, solle sagen: „Das passiert mir nicht“. Denn auch ansonsten pfiffige Leute gingen den Trickbetrügern auf den Leim.

Im Übrigen rät er vollkommen davon ab, die Täter in eine Falle zu locken und in die Enge zu treiben, wenn man den Braten gerochen hat. Das kriminelle Potenzial dieser Klientel sei nicht zu unterschätzen, solches Tun sei viel zu gefährlich.

Was den Kriminaloberkommissar vor allem aufregt ist die Tatsache, dass die Täter beim Abzocken ihrer Opfer keinerlei Schuldgefühle kennen, dass sie null Mitleid haben. Es sei, so sagt er, absolut verwerflich, wenn man Menschen fast am Lebensende noch über den Tisch zieht. Dabei gehe es nicht nur um einen finanziellen, sondern um einen bleibenden seelischen Schaden. Und der sei gewaltig. Was im Übrigen das Agieren der Täter außerhalb der BRD angeht, so könne man davon ausgehen, dass bei Schädigung deutscher Staatsbürger in Deutschland wohl kein Verfolgungsinteresse im betreffenden Ausland, also überwiegend in der Türkei, besteht.