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| 20:41 Uhr

Niels Högel tötete mehr als 100 Patienten
Wieso konnte ein Pfleger so lange morden?

In dieser Delmenhorster Klinik sowie im nahen Oldenburg soll Krankenpfleger Niels Högel die größte Mordserie der deutschen Nachkriegszeit verübt haben.
In dieser Delmenhorster Klinik sowie im nahen Oldenburg soll Krankenpfleger Niels Högel die größte Mordserie der deutschen Nachkriegszeit verübt haben. FOTO: Hauke-Christian Dittrich / dpa
Delmenhorst. Niels Högel soll in zwei Kliniken in Delmenhorst und Oldenburg über 100 Patienten getötet haben. Die Angehörigen der Opfer verlangen nach Aufklärung.

Wenn Christian Marbach das Grab seines ermordeten Großvaters besucht, kommt er ganz nah am Tatort vorbei. Nur fünf Minuten zu Fuß entfernt, zwischen den winterkahlen Bäumen weithin sichtbar, liegen die roten Backsteingebäude des Delmenhorster Krankenhauses. Ärzte und Pfleger kümmern sich um kranke Männer, Frauen und Kinder, geben Medikamente und retten Leben. Auch Marbachs 78-jähriger Großvater hoffte hier auf Hilfe – und wurde umgebracht. Von einem Mann, der ihn gesund pflegen sollte: von Niels Högel.

Heute, 15 Jahre später, spricht der Enkel ruhig und offen über die erschütternden Details. Darüber, dass sein Großvater eines der Opfer in einer unfassbaren Mordserie ist. Der 47-Jährige arbeitet bei einer großen Bank. Er ist ein Mann der Zahlen und Fakten. Doch man spürt, dass ihn die Geschichte weiter aufwühlt. Mehr als 100 Patienten soll Niels Högel, so sind die Ermittler sicher, als Krankenpfleger in rund fünf Jahren getötet haben: erst im nahen Oldenburg, dann in Delmenhorst.

Wegen des Todes von Marbachs Großvater und fünf anderen Patienten in der 82 000-Einwohner-Stadt stand Högel bereits in zwei Verfahren vor Gericht. Er sitzt lebenslang im Gefängnis. Doch Christian Marbach bewegen noch viele Fragen. Die Aufklärung der Mordserie kam nur zögerlich voran. Der größte Prozess, in dem es um 97 Tote geht, soll erst im Herbst starten. „Das eine ist der Mordprozess gegen den Täter. Das andere ist die Frage, wie kann das in einem Krankenhaus passieren?“, sagt Marbach.

Wegen einer Operation kam Marbachs Großvater im Herbst 2003 ins Klinikum im niedersächsischen Del-
menhorst unweit von Bremen. „Das war unser Krankenhaus“, berichtet der 47-Jährige. „Wir sind dort alle geboren.“ Zwei Wochen später, der Operierte sollte bald entlassen werden, klingelte bei den Marbachs nachts das Telefon. Ein Pfleger musste den alten Mann wiederbeleben. Am Tag darauf wirkte der Patient verstört. „Er hatte massiv Angst. Er hat gespürt, dass jemand an ihm herummanipuliert“, erzählt Marbach. Doch die Familie deutete das falsch: Sie hielt es nicht für möglich, dass jemand im Krankenhaus Wehrlose tötet. „Das ist für uns heute sehr schwer zu verarbeiten.“

Zwei Tage danach musste der Großvater erneut reanimiert werden. Diesmal scheiterte es. Die Familie ging von einem Behandlungsfehler aus. Heute wissen die Angehörigen: Niels Högel spritzte dem alten Mann ein Medikament, das tödliche Nebenwirkungen hatte. Das machte er wieder und wieder, wahllos suchte er seine Opfer aus. Vor Gericht sagte der Ex-Pfleger später, dass er es aus Langeweile tat und um vor Kollegen mit seinen Wiederbelebungskünsten zu glänzen. Obwohl Kollegen Verdacht schöpften, stoppte ihn lange niemand.

Erst im Sommer 2005 flog Högel auf: Eine Krankenschwester ertappte den Pfleger, als er einem Patienten eine Überdosis spritzte. Sogar da reagierten Vorgesetzte und Kollegen nicht sofort. Erst ein paar Tage später gingen sie zur Polizei. So konnte Högel noch einen kranken Menschen töten, wie die Ermittler heute wissen. Sechs Klinikmitarbeiter hat die Staatsanwaltschaft inzwischen wegen Tötung durch Unterlassen angeklagt. Zwei damalige Oberärzte und eine weitere Führungskraft in Delmenhorst müssen sich demnächst vor Gericht verantworten. Bei drei Pflegekräften ist noch offen, ob es zum Prozess kommt.

Der ärztliche Direktor des Delmenhorster Josef-Hospitals, Frank Starp, kam erst nach der Mordserie an die Klinik. Er spricht von einem tragischen Einzelfall, aus dem man gelernt habe. Das Krankenhaus hat ein sogenanntes Whistleblowing-System eingeführt: Mitarbeiter können darüber anonym Auffälligkeiten melden. Außerdem untersucht ein externer Rechtsmediziner alle Patienten, die in dem Krankenhaus sterben. „Diese Maßnahmen haben vor allem abschreckenden Charakter und sind ein Sicherheitsnetz, durch das künftig sehr früh die Alarmglocken schrillen würden“, sagt Starp. Und sie sollen verlorenes Vertrauen wiederherstellen. Das Josef-Hospital steckt tief in den roten Zahlen, nicht nur, aber auch weil Patienten wegen der Morde wegbleiben.

Der Psychiater Karl H. Beine hat sich mit vielen Mordserien an Kliniken beschäftigt. Die von Niels Högel hält er für international herausragend – nicht nur wegen der Opferzahl. „In den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst haben alle Kontrollmechanismen versagt. Dazu wurden die von Angehörigen gemeldeten Verdachtsfälle von der Justiz sehr schleppend bearbeitet“, sagt er. Die Opferfamilien mussten oft Jahre auf die Prozesse warten.

Die Mordserie begann wohl im Februar 2000. Da soll Niels Högel am Klinikum Oldenburg zum ersten Mal einen Patienten getötet haben. Auch dort ermittelt die Polizei gegen Mitarbeiter. Demnach gab es schon damals Hinweise darauf, dass ungewöhnlich viele Patienten während der Schichten von Högel starben oder wiederbelebt werden mussten. Das Klinikum versetzte den Pfleger erst auf eine andere Station. Schließlich lobte sie ihn mit einem guten Zeugnis weg. In Delmenhorst mordete er weiter.

Für den Experten Beine sind solche Abläufe Symptome eines kranken Systems. In Krankenhäusern sei der Arbeitsdruck so hoch, dass Ärzten die Zeit für Gespräche fehle. Schwestern hetzten von Patient zu Patient, auf Kollegen achten könnten sie nicht. Morde blieben leicht unerkannt. Zumal der Tod dort alltäglich ist. „Wenn dann Verdächtigungen da sind, ist es eindeutig so, dass Vorgesetzte beschwichtigen, dass verdeckt wird – bis dahin, dass der Betroffene versetzt oder abgefunden wird mit einem guten Arbeitszeugnis“, sagt Beine. Aus wirtschaftlichen Gründen.

Den Opfern ist die Aufarbeitung vor Gericht wichtig: „Viele meiner Mandanten wollen, dass alles aufgeklärt wird, damit man daraus lernt“, sagt die Rechtsanwältin Gaby Lübben. Sie vertritt etwa 100 Angehörige. „Es soll Verantwortung übernommen werden, aber nicht nur von Niels Högel.“ Das treibt auch Christian Marbach an. Gerechtigkeit vor Gericht ist seiner Familie schon widerfahren. Eine Entschädigung vom Delmenhorster Krankenhaus hat sie bekommen. Ein Trost war beides nicht. Marbach empfindet immer noch Wut auf den heute 41 Jahre alten Ex-Pfleger. Ihm im Prozess gegenüber zu sitzen, sei aber auch heilsam gewesen, sagt er. „Er hat jeglichen Schrecken verloren.“

Christian Marbach ist der Enkel eines Mordopfers. Er nimmt auch die Kliniken in die Verantwortung.
Christian Marbach ist der Enkel eines Mordopfers. Er nimmt auch die Kliniken in die Verantwortung. FOTO: Hauke-Christian Dittrich / dpa
Krankenpfleger Niels Högel bei einem der vorherigen Prozesse in Oldenburg.
Krankenpfleger Niels Högel bei einem der vorherigen Prozesse in Oldenburg. FOTO: Carmen Jaspersen / dpa