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Debatte um Plasberg & Co.
Warum die Einöde in deutschen Talkshows ein Problem ist

Berlin. Der Sommer kommt, die Talkshows von ARD und ZDF pausieren. Zum Glück, sagen Kritiker. Sie fordern weniger AfD-Themen und mehr echte Debatten.

Maybrit Illner muss heute noch einmal ran. Dann sind alle vier großen Talksendungen von ARD und ZDF in der Sommerpause. Etliche Kritiker müssten danach aufatmen. So viele Diskussionen über „hart aber fair“, „Maischberger“, „Anne Will“ und „Maybrit Illner“ wie in den zurückliegenden Monaten gab es schon lange nicht mehr. Manchmal ging es dabei ums Grundsätzliche, manchmal ans Eingemachte. Und gefühlt saßen da stets die selben Personen: mal Sahra Wagenknecht, mal Peter Altmaier (CDU), mal Christian Lindner (FDP).


Dass Deutschlands Talkern vorgeworfen wird, die falschen Themen zu behandeln, sich aus dem gleichen Gäste-Pool zu bedienen, zu oberflächlich, zu einförmig, zu main­streamig zu sein, kommt immer wieder vor. Aber zuletzt war die Kritik lauter und anhaltender. Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, forderte im Juni sogar, darüber nachzudenken, ob das Erste und das ZDF nicht ein Jahr lang Talkpause machen sollten, um in Ruhe über die Formate nachzudenken. ARD-Chefredakteur Rainald Becker wies die Kritik in einem Interview in der „Welt“ allerdings sofort als „vollkommen übertrieben“ zurück. „Uns ein Jahr Talkpause zu verordnen, das wäre so, als würden wir dem Kulturrat sagen, er solle sich ein Jahr lang nicht um Kultur kümmern.“

Auch Bernd Gäbler hält nichts von Zimmermanns Vorschlag. „Er zielt nicht auf seriöse Auseinandersetzung, sondern auf Schlagzeilen“, kritisiert der Ex-Direktor des Grimme-Instituts, der in Bielefeld Journalistik lehrt und 2015 eine Studie über Talkformate verfasst hat. „Ein vernünftiger Umgang mit Medien ist eine Bildungsaufgabe, aber nicht durch Boykotte oder Verbote zu erzielen.“ Zimmermann hatte argumentiert: „Mehr als 100 Talkshows im Ersten und im ZDF haben uns seit 2015 über die Themen Flüchtlinge und Islam informiert und dabei geholfen, die AfD bundestagsfähig zu machen.“

„Es ist das Recht und die Pflicht des Journalismus, Themen aufzugreifen, von denen er glaubt, dass diese wichtig sind“, sagt Gäbler. Das sei nicht zu kritisieren. „Zu kritisieren ist aber, wenn die Beurteilung der Relevanz eines Themas nur oder hauptsächlich nach dem Grad der Popularität erfolgt. Das ist zwar verständlich, führt aber zu Einseitigkeiten.“

Gerade an dem Aspekt der „Rahmungen“ – Framing genannt – gab es zuletzt mehrfach Kritik. Zurecht, findet Gäbler: „Ein Titel wie: ‚Flüchtlingskrise – mehr Kriminalität in unseren Städten?’ stellt eben einen Zusammenhang her. Niemand denkt das Fragezeichen mit.“



Das bewertet Riem Spielhaus, Islamwissenschaftlerin der Uni Göttingen, nicht anders. „Allein die Titel, wenn man sich die in Bezug auf den Islam anschaut, da gibt es immer eine ähnliche Rahmung, es ist immer eine islamkritische, es kann nie in die andere Richtung zugespitzt sein“, sagt die Wissenschaftlerin. „Meist ist schon die Fragestellung suggestiv, zum Beispiel: Ist der Islam eine Gefahr für die Demokratie?“

Im Juni gab es in einer Woche mit „hart aber fair“ und „Maischberger“ gleich zwei Sendungen kurz hintereinander, die für Aufregung sorgten: Bei der ersten ging es um „Flüchtlinge und Kriminalität“, bei der anderen um „Die Islamdebatte: Wo endet die Toleranz?“. Dass Moderator Frank Plasberg und Kollegin Sandra Maischberger im Abstand von zwei Tagen zu Themen talkten, zu denen sich oft die AfD zu Wort meldet, lag aber lediglich daran, dass ihre Sendungen jeweils auf einen Film davor Bezug nahmen, der mit genau dem Thema zu tun hatte.

Spielhaus findet es ebenfalls nicht nötig, die Sendungen pausieren zu lassen. „Wichtiger wäre es, andere Formate auszuprobieren, mal richtig zuzuhören“, betont sie. „Mir fällt in unterschiedlichen Bereichen unserer Gesellschaft immer wieder auf, dass die Diskussionskultur wenig lösungsorientiert ist. Es wird eher pauschalisiert, Menschen werden in Gruppen geordnet und bewertet oder gar abgewertet.“ Hier nach Alternativen zu den Talksendungen zu suchen, wäre ein wichtiges Ziel für öffentlich-rechtliche Sender, sagt sie.

Sandra Maischberger wandte sich, ungewöhnlich genug, im Juni in einem ausführlichen Gastbeitrag für „Die Zeit“ an ihre Kritiker: „Tatsächlich wird öffentlich immer heftiger gestritten. Die Diskurse nehmen an Schärfe zu, sie fördern nicht nur Empörung, sondern auch Intoleranz und Unversöhnlichkeit zutage“, schrieb sie. „Die so vehement geführten Debatten spiegeln sich natürlich auch in politischen Talkshows wider.“ Und wer den Streit auf offener Bühne führen wolle, begebe sich zwangsläufig auf unsicheres Terrain. „Wer aber aus Angst vor einem falschen Wort gleich die Debatte vermeiden will, überlässt erst recht denen die Bühne, die diese Angst nicht haben, sondern sie zu nutzen wissen.“ Nach der Sommerpause geht es also weiter.