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Ein Heimatministerium für Deutschland
Und plötzlich ist die Heimat in der Bundespolitik angekommen

Berge, Idylle: Für viele ein Heimatbild. Der ländliche Raum ist eines der Aufgabengebiete für den künftigen Bundesheimatminister.
Berge, Idylle: Für viele ein Heimatbild. Der ländliche Raum ist eines der Aufgabengebiete für den künftigen Bundesheimatminister. FOTO: Karl-Josef Hildenbrand / dpa
Berlin. Nach den Groko-Plänen hat Deutschland bald einen Minister für Heimat. Der Begriff kommt allmählich wieder in Mode – nachdem er lange tabu war. Von Gregor Tholl

Manche denken bei dem Wort nur spöttisch an Heimatfilm, heile Welt, Kitsch, 50er Jahre. Andere beklagen den „Kniefall vor Rechtspopulisten“. Wieder andere denken bei Heimat aber vor allem an Familie, Freundschaft, Kindheit, an Omas Apfelkuchen oder das Bier in der Stammkneipe. Und die „Heimat“ ist jetzt auch in der Bundespolitik angekommen. Nach den Plänen von Union und SPD soll Deutschland im nächsten Kabinett einen Heimatminister bekommen. In Personalunion mit dem Innen- und Bauminister und verkörpert durch einen, dem die Heimat ganz wichtig scheint: CSU-Chef Horst Seehofer.



Was aber ist Heimat? Laut „Duden“ ein Land, Landesteil oder Ort, in dem man geboren und aufgewachsen ist oder sich zu Hause fühlt. Ein gefühlsbetonter „Ausdruck enger Verbundenheit“ gegenüber einer Gegend. Das Wort wirkte lange verpönt – außer bei Filmemacher Edgar Reitz und der Familien-Saga „Heimat“. Zurzeit erlebt es ein Comeback, von Literatur bis Politik.

Zwei Bundesländer haben bereits Ministerien mit der Bezeichnung Heimat: Bayern und Nordrhein-Westfalen. Und das Wort ist in Mode. So twitterte Kanzleramts-
chef Peter Altmaier (CDU) vor der Landtagswahl im Saarland: „Heimat wird nie unmodern! Deshalb kümmern wir uns als CDU schon lange um ländliche Räume und Identität.“ Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier griff das Trendwort
am Tag der Deutschen Einheit auf. „Ich bin überzeugt, wer sich nach Heimat sehnt, der ist nicht von gestern“, sagte er. „Im Gegenteil: Je schneller die Welt sich um uns dreht, desto größer wird die Sehnsucht nach Heimat.“ Das dürfe man nicht den Nationalisten und dem rechten Rand überlassen.

Dass Heimat wieder an Bedeutung gewinnt, hängt nach Ansicht der CSU-Politikerin Marlene Mortler – Drogenbeauftragte der Bundesregierung – auch mit der hohen Zahl der Zuwanderer zusammen: „Unter anderem führt die weltweite Flüchtlingsproblematik dazu, dass der Begriff ‚Heimat’ in der letzten Zeit eine Renaissance erlebt“, sagte sie jüngst vor rund 300 Landfrauen in Bayern. „Wir sehen, was andere aufgeben müssen und haben gleichzeitig Sorge, ein Stück unserer Heimat zu verlieren“, meinte sie.

Kulturwissenschaftler sehen ganz grundsätzlich eine Suche nach Halt angesichts der Globalisierung, aber auch des Wandels der Geschlechterrollen oder des Generationenverhältnisses. Ein Gefühl des Kontrollverlusts führe zu einer Sehnsucht nach Identität. Den Publizisten Christian Schüle wundert keineswegs, dass die CSU mit Horst Seehofer nun das Heimatministerium in den Koalitionsvertrag gebracht hat. In Bayern sei der der Begriff „Heimat“ schon immer wichtig. Schüle hat 2017 das Buch „Heimat – Ein Phantomschmerz“ veröffentlicht und lehrt an der Berliner Universität der Künste im Fachbereich Kulturwissenschaft.



Er sieht den Begriff Heimat so angesagt, weil in Deutschland Wörter wie Vaterland, Nation und Volk belastet seien aus der Nazi-Zeit. „Um all das zu umgehen, aber trotzdem einen Begriff zu haben, der auf das gleiche Gefühl der Geborgenheit und Zugehörigkeit zielt, wird Heimat genommen.“ Der ganze Trend habe auch mit der Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland zu tun, zumindest sei seither ein gewisser Normalisierungsprozess in Sachen Nation verstärkt worden.