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Rassendiskriminierung in den USA
Sein Traum ist immer noch nicht wahr

Bis heute ein Symbol: Jedes Jahr gibt es in den USA Paraden zu Ehren Martin Luther Kings, der für die Gleichberechtigung der Schwarzen kämpfte.
Bis heute ein Symbol: Jedes Jahr gibt es in den USA Paraden zu Ehren Martin Luther Kings, der für die Gleichberechtigung der Schwarzen kämpfte. FOTO: dpa / Mike Brown
Birmingham. 50 Jahre nach dem Mord an Martin Luther King gibt es in den USA wieder den Wunsch nach Rassentrennung. Wie sich an Schulen im Süden zeigt. Von Frank Herrmann

Terrence Roberts erinnert sich noch gut an den Tag, an dem sie Dr. Martin Luther King zu Onkel Martin gemacht haben. Ein Schüler wollte den Prediger unbedingt dabei haben bei der feierlichen Zeugnisübergabe seiner Schule in Little Rock, zumal der Anlass ein historischer war. Als erster Schwarzer in der Geschichte einer größeren Stadt des amerikanischen Südens hatte der 18-jährige Ernest Green seinen Abschluss an der Central High School gemacht. Dort, wo bis dahin nur Weiße lernen durften.


Man schrieb das Jahr 1958; der Kongress in Washington rief die Weltraumbehörde Nasa ins Leben, der Süden aber stand noch immer im Zeichen der Rassentrennung. Greens Zeugnis also sollte gebührend gefeiert werden. Vier Jahre nach dem Urteil des Obersten Gerichtshofs, dass getrennte Schulen für Weiße und Schwarze der Verfassung widersprechen, war es der nächste Meilenstein der Bürgerrechtsbewegung. Nach den Regeln der Schule, erzählt Roberts, durften allerdings nur Verwandte erscheinen. „Da haben wir Dr. King eben zu Onkel Martin erklärt“, sagt er und freut sich über das zustimmende Gelächter im Saal.

Roberts ist in die East Cobb Middle School in Marietta gekommen, einen Ort im Speckgürtel um Atlanta/Georgia, um über die Ära der Segregation, der Rassentrennung, zu reden. Er lässt historische Bilder über die Leinwand flimmern. Aus Little Rock/Arkansas, im Herbst 1957. Roberts, damals 15, steht mit aufgekrempelten Hemdsärmeln zwischen Soldaten. Sie sollen ihm eine Schneise durch eine wütende Menge weißer Südstaatler bahnen, in deren Augen Schwarze an der Central High School nichts verloren haben. „Rassen zu mischen ist Kommunismus“, steht auf einem Plakat. „Geht zurück nach Afrika!“, auf einem anderen. Neun schwarze Teenager, die „Little Rock Nine“, sehen sich mit hunderten zornigen Demonstranten konfrontiert. Eine der neun, Elizabeth Eckford, wird nicht nur beschimpft, sondern auch angespuckt. Demütigungen gehörten zum Alltag.



Als aus dem Publikum die Frage kommt, welche Fortschritte das Land seither gemacht habe, zitiert der 76-Jährige Malcolm X, den feurigen Prediger schwarzen Selbstbewusstseins, der Kings gewaltlosen Widerstand als zu brav empfand. „Du hast mir ein acht Zoll langes Messer in den Rücken gestoßen. Jetzt hast du es um zwei Zoll herausgezogen. Und das nennst du Fortschritt?“ 90 Prozent der Amerikaner, sagt Roberts, hätten sich für eine Art Monokulturalismus entschieden. Sie redeten sich ein, dass man sich unter seinesgleichen wohler fühle. Das spüre man auch an den Schulen, wo der Trend vielerorts in die falsche Richtung gehe, de facto zurück zur Rassentrennung.

Wie in Gardendale, einer Kleinstadt bei Birmingham/Alabama. Solides Mittelschichtenmilieu. Der Stolz der Stadt ist die neue High School. 2010 wurde sie eingeweiht, drei Jahre darauf tauchten Flugblätter in der Stadt auf. Sie zeigten ein blondes Mädchen, über deren Kopf eine scheinbar unschuldige Frage schwebte. „Welchen Weg wird Gardendale wählen?“ Verteilt wurden die Blätter von einer Bürgerinitiative, die in Gardendale wiederholen wollte, was andere Kommunen vorgemacht hatten. Nach den Regeln Alabamas kann jede Gemeinde mit mehr als 5000 Einwohnern einen eigenen Schulbezirk gründen. So banal das klingt, in der Praxis ging es darum, weiße Schüler wieder weitgehend von schwarzen zu trennen. Gardendales Bevölkerung besteht zu rund neun Zehnteln aus Weißen, die Schulen der Stadt werden zu etwa einem Viertel von Schwarzen besucht. Manche sprechen euphemistisch von den „Bus Kids“, weil letztere in gelben Schulbussen aus den umliegenden Siedlungen in die Stadt gefahren werden, während die Eltern von Gardendale ihre Kinder meist im eigenen Auto bringen. Den Anteil der „Bus Kids“ drastisch zu senken, darum ging es der Initiative. Die Stadtverwaltung stimmte dafür. Dass sie am Ende scheiterte, liegt an Leuten wie Ricky Reeves.

„Jemand musste sagen, hier hört es auf“, erklärt der Ex-Soldat, warum er vor Gericht zog. Er hatte das Gefühl, dass es endgültig wieder zurückgehen sollte in die Sechziger. In die Ära der Rassentrennung, bevor mit Beginn der Siebziger der Wandel einsetzte. Reeves erzählt von Alene, seiner Frau, die nicht auf die nächstgelegene Schule gehen durfte, sondern drei Kilometer weit zu einer Schule für Schwarze laufen musste. In die weißen Bildungseinrichtungen sei das Gros der Steuergelder geflossen, die schwarzen habe man links liegen lassen. Seine Enkelin Kymiyah wird demnächst auf die High School wechseln, ihr will Reeves den Rückfall in überwunden geglaubte Zeiten ersparen. Was würde sie wohl sagen, wenn ausgerechnet fünfzig Jahre nach dem Mord an Martin Luther King, dessen Traum die Gleichberechtigung war („I have a dream“), die Uhrzeiger zurückgedreht werden? „Hinter all diesen Floskeln stehen rassistische Stereotypen. Vorurteile, das ist alles, was sie antreibt“, sagt Reeves über die Schulinitiative.

Ein Berufungsgericht in Atlanta sah es genauso. Der Vorstoß widerspreche dem Verbot der Rassendiskriminierung, urteilte es im Februar. Im März erklärte der Bürgermeister von Gardendale, man akzeptiere den Richterspruch und werde nicht vor den Supreme Court in Washington ziehen: Man sei des Verfahrens müde.

In North Smithfield, wo Reeves lebt, ist der schwarze Mittelstand zu Hause. Es sind Leute wie Curtis Hammond. Der frühere Ingenieur war einer der ersten Afroamerikaner, die auf die High School von Gardendale gingen, vor 48 Jahren. Von einer schwarzen Schule auf eine weiße zu wechseln, erinnert er sich, „das war, als hättest du unter einer Brücke geschlafen und würdest in eine Villa umziehen“. Sein bester Freund in der Klasse sei ein Weißer gewesen, sie hätten bis heute Kontakt. Nur ändere das nichts an den alten Dämonen des Südens, schiebt Hammond skeptisch hinterher. „Diese Ich-schaue-auf-dich-herab-Mentalität, sie ist noch lange nicht tot.“

Curtis Hammond aus Alabama sieht die Rassendiskriminierung noch lange nicht überwunden.
Curtis Hammond aus Alabama sieht die Rassendiskriminierung noch lange nicht überwunden. FOTO: Herrmann