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| 21:10 Uhr

Leben im jordanischen Nirgendwo

Auch wenn Schulen gebaut wurden: Für Kinder wie diesen kleinen Jungen kann der Alltag in Zaatari eintönig sein. Foto: Moll
Auch wenn Schulen gebaut wurden: Für Kinder wie diesen kleinen Jungen kann der Alltag in Zaatari eintönig sein. Foto: Moll FOTO: Moll
Amman. Jordanien spielt eine Schlüsselrolle in der Flüchtlingskrise, die der Bürgerkrieg in Syrien ausgelöst hat. Dennoch halten sich die Gaben Europas für das kleine Königreich in Grenzen. Dabei täte die EU gut daran, sich für die Stabilität des wirtschaftlich maroden Landes stark zu machen – und sich erkenntlicher für dessen Unterstützung zu zeigen. Mirjam Moll

Die Hitze in der jordanischen Wüste brennt erbarmungslos auf die Containerwohnungen herunter, die in der flirrenden staubig-trockenen Luft bis an den Horizont zu reichen scheinen. Neben den Straßen liegt Abfall, leere Wasserflaschen werden vom heißen Wind vor sich hergetrieben. Mittendrin steht ein kleiner Junge - beobachtet die Besuchergruppe, die da mit Jeeps über das Gelände braust. Der Alltag für Kinder wie ihn kann in dem riesigen Flüchtlingslager schon eintönig sein. Knapp 80 000 Menschen leben hier in Zaatari. Im Juli 2012 ist das Camp errichtet worden, inzwischen gilt Zaatari als viertgrößte "Stadt" Jordaniens. Hier leben ausschließlich Syrer. Viele der Menschen kommen nicht von weit her, die Grenze liegt nur etwa 15 Kilometer von der Containerstadt entfernt. 30, vielleicht 40 Kilometer entfernt liegen ihre Heimatdörfer. Die meisten würden gerne zurückkehren. Wenn es zu Hause sicher wäre.

Doch auch nach fünf Jahren bleibt die Lage in Syrien unübersichtlich. Jahre, in denen sich die Flüchtlinge hier in Zaatari so gut es geht eingerichtet haben. Inzwischen sind die Sandpisten betoniert, Brunnen wurden gebohrt und - ganz wichtig - Handymasten installiert. Es ist die einzige Verbindung in die Heimat, zu Verwandten und Freunden, die zurückgeblieben sind. Heute hat jeder "Haushalt" seine eigene Stromversorgung, sogar eine einfache Waschmaschine. Und dennoch bleibt irgendwie alles ein Provisorium - mitten in der Wüste.

Auf dem Gelände ist ein Supermarkt entstanden, der weltweit erste in Flüchtlingscamps - und ein Vorbild, das inzwischen Schule macht. An den Kassen arbeiten sowohl Mitarbeiter des UN-Flüchtlingswerks UNHCR als auch Flüchtlinge . Kreditkarten, die im Monat mit 20 jordanischen Dinar aufgeladen werden, überlassen es den Flüchtlingen, wofür sie ihr Geld ausgeben wollen. Immer wieder tauchen neue, andere Produkte in den Regalen auf - auch von syrischen Firmen, die inzwischen in Jordanien herstellen.

Eine Mitarbeiterin der deutschen Botschaft staunt: "Dieses Camp wandelt sich ständig - es ist unglaublich." 57 Prozent der Syrer hier sind minderjährig, fast 20 Prozent sogar unter fünf Jahren alt. Im Schnitt kommen hier pro Woche 80 Kinder zur Welt. Im jordanischen Nirgendwo. Laut UNHCR sind im Königreich etwa 650 000 syrische Flüchtlinge registriert (weitere 300 000 Syrer halten sich nach Schätzung des Flüchtlingshilfswerks inoffiziell in Jordanien auf) - und machen damit mehr als zehn Prozent der Bevölkerung Jordaniens aus. Viele Flüchtlinge kamen anfangs in den Kommunen unter. Nun aber wartet auf Neuankömmlinge oft das Leben hinter Mauern wie in Zaatari, bewacht vom jordanischen Militär - abgegrenzt und fernab von der nächsten Stadt. Hilfe wird gewährt, aber Integration ist nicht gewollt. Nicht mehr.

Es ist der Kompromiss einer Regierung, die seit Jahren mit hohen Staatsschulden kämpft, die mit der Flüchtlingskrise nicht geringer geworden sind. Die Auflagen des Internationalen Währungsfonds, ein wichtiger Kreditgeber Jordaniens, sind streng: Man erwartet Haushaltseinsparungen von sieben Prozent. Die Regierung spricht offiziell von 2,8 Millionen Flüchtlingen. In der Hauptstadt Amman spricht man offen von einer "Dringlichkeitslage". Das IWF-Programm nicht zu erfüllen, könnte weitreichende Konsequenzen haben, fürchtet die Regierung in Amman . Im September sind Wahlen - ein Zusammenbruch der Wirtschaft könnte einen gefährlichen Rechtsruck zur Folge haben und ein weiteres, ohnehin fragiles Land in einer Krisenregion ins Wanken bringen.

Man hofft auf die Hilfe der EU. In diesem Jahr fließen aus verschiedenen EU-Fördertöpfen 254 Millionen Euro nach Jordanien. Seit Beginn der Krise sind 1,13 Milliarden Euro nach Jordanien überwiesen worden. Doch das Königreich wurde hellhörig, nachdem die EU der Türkei für seine Unterstützung bis 2018 drei Milliarden Euro bot - weitere drei Milliarden für die Zeit danach sind ebenfalls bereits zugesichert. Dabei ist die Last gemessen an der Einwohnerzahl für Jordanien deutlich größer als für die Türkei. Gerade ist die Europäische Union eine neue Nachbarschaftsvereinbarung mit Jordanien eingegangen. Dabei soll der EU-Binnenmarkt für Produkte aus dem Land geöffnet werden - im Gegenzug verpflichtet sich Amman , syrischen Flüchtlingen den Arbeitsmarktzugang zu erleichtern. Die Aufnahme von Flüchtlingen bekommt in Europa dennoch deutlich weniger Aufmerksamkeit als das Engagement der Türkei. Nach den Unruhen, die der Militärputsch verursacht hat, dem Streit über die Visa-Liberalisierung und Präsident Recep Tayyip Erdogans Kurs, der sein Land von der Gemeinschaft entfernt, könnte der Flüchtlingsdeal mit Ankara auf der Kippe stehen.

Jordaniens Bemühungen, die "syrischen Gäste", wie sie in Regierungskreisen genannt werden, so gut wie möglich zu versorgen, sollten schon deshalb größere Aufmerksamkeit in Europa bekommen. Das forderte auch der Fraktionschef der Christdemokraten im Europäischen Parlament, Manfred Weber , kürzlich bei einem Besuch des jordanischen Camps. "Europa darf nicht unachtsam werden, wir müssen weiter unterstützen", mahnte der CSU-Politiker.